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Lena Grossmüller – Reiseführer des Zufalls

Wenn es heute heißt, man solle jeden Tag ausschöpfen und jeden Tag genießen, verträgt sich das nur bedingt mit planlosen Dahintreiben oder genussvollem Nichtstun. Auch beim Reisen gibt es ungeschriebene Regeln: Touristenattraktionen besuchen oder eben gerade nicht. Die Zeit engmaschig verplanen, um die richtigen Instagramfotos schießen zu können. Allein reisen, weil das der Selbstfindung dient. Wenige Reisende überlassen sich absichtslos dem Zufall. Lena Grossmüller liefert für alle Zuffallsaspiranten einen Reiseführer und Essayband in Personalunion, ein Plädoyer für Entdeckungen, die man nicht beabsichtigt.

Ich gebe zu – ich bin keine Fernreisende. Überhaupt reise ich selten. Da bietet es sich an, dass Lena Grossmüllers Reiseführer des Zufalls auch überall dort Anwendung finden kann, wo man eine Haustür hinter sich zuschlägt und unbekanntes Gebiet betritt. Das Credo lautet eben diesmal nicht: YOLO. Es lautet nicht: Nimm, was du kriegen kannst und pack auch noch was für später ein. Es lautet: Geh halt los, ohne etwas zu erwarten. Und damit sind sowohl Erwartungen an den Ort der Reise als auch an den Reisenden selbst gemeint. Nicht, dass man sich jemals gänzlich frei machen könnte von dem Gefühl, etwas zu erwarten. Gutes Wetter oder eine richtig erholsame, spaßige Zeit. Aber man kann lernen, Erwartungen zu entsagen, indem man sich willenlos dem Zufall verschreibt. Man muss nicht alles planen und alles kontrollieren, im Gegenteil, oft ergeben sich die langlebigsten Geschichten aus Situationen, die nicht wie geplant funktioniert haben. Damit man nun aber nicht einfach herumflaniert, gibt Lena Grossmüller kleine Aufgaben und Denkanstöße, denen man auch – im Grunde unvorbereitet – Folge leisten kann, wenn man gerade den Bus verpasst hat.

Y wie YOLO – Kurzform von You only live once. (…) Damals wie heute eine charmante Idee, wenn da nicht diese miese Aufforderung mitschwingen würde, immer und überall eine gute Zeit haben zu müssen. (…) Doch einen Plan, wie man das an 365 Tagen im Jahr schaffen soll, haben weder die alten Herren noch die coolen Kids parat. Deshalb: Schluss mit Ausrufezeichen, die neuen Stress auslösen. You better live ohne Motto.

Unter der Leitung von Lena Grossmüller, die sich von Latourex, einer Bewegung für experimentellen Tourismus hat beeinflussen lassen, kann man in der Ferne wie in der Nähe ganz neue Erfahrungen machen. Ungewöhnliche Souvenirs sammeln, einen Einheimischen nach seinem Lieblingsort fragen, seinen Weg von Farben oder Zahlen bestimmen lassen, nach Mustern in einer Stadt suchen. Die Anregungen sind vielfältig. Manchmal sind es konkrete Aufgaben, manchmal aber auch nur knappe Gedanken, aus denen jeder frei etwas Eigenes kompilieren kann. Auf blauen Seiten zwischen den Entdeckerinspirationen stellt Grossmüller immer wieder vermeintlich einfache Fragen: Was hat dich überrascht? Was ist dir peinlich? Dein erster Gedanke? Wann hast du dir etwas vorgemacht? Sind die Menschen zufrieden? Diese Fragen fungieren als kleine Impulsgeber, sei es in der Auseinandersetzung mit der Differenz zwischen Fremde und bekanntem Terrain oder der Begutachtung des Wohnorts mit ganz neuen Augen. Der Reiseführer ist so offen gehalten, so grobmaschig und luftig gestrickt, dass er in diversen Reisesituationen nützlich sein kann.

Mitten im farblichen Blau-Weiß-Kontrast des Buches finden sich auch einige Kurzessays zu ganz grundlegenden Themen: über den Alltag, Experimente, Erwartungen und den Zufall. Über all das wird so clever, unaufgeregt und überzeugend sinniert, dass man direkt meint, eine bislang für irreversibel befundene Last fiele von einem ab. Alles kann, nichts muss. Der Begriff der Serendipität ist mittlerweile deutlich bekannter als noch vor einigen Jahren. Er bezeichnet das Beobachten und Finden von etwas, das man ursprünglich nicht gesucht hat, ein zufällig glückliches Zusammentreffen. Auf diesem Prinzip basiert auch Grossmüllers Reiseführer des Zufalls. Sich zu ungeplanten Entdeckungen und Gedanken hinreißen zu lassen, indem eine sanfte Strömung kleiner Ideen einen mal hier und mal da hin treibt. Dieses Buch macht wahnsinnig Lust, Neues zu sehen und ist dabei bezaubernd undogmatisch und bescheiden. Es ist ein Reiseführer ohne Führungsanspruch.

Lena Grossmüller: Reiseführer des Zufalls. Kommode Verlag. 156 Seiten. 23,00 €.

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