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Dirk Stermann – Der Junge bekommt das Gute zuletzt

Schmerz kann vielfältig sein: beißend, pochend, brennend, reißend, dumpf oder auch wohltuend. Der dreizehnjährige Claude erlebt in seinem noch jungen Dasein eine nahezu unaushaltbare Periode schmerzvoller Ereignisse, die ihn formen und verändern. Dirk Stermann hat ein Buch geschrieben, das gleichzeitig skurril, witzig und fast unerträglich traurig ist.

Claude ist ein einsamer Dreizehnjähriger. Nicht auf die Art, auf die alle Dreizehnjährigen einsam sind. Bei Claude sitzt die Verlassenheit tiefer. Seine Eltern trennen sich und beschließen, diesem Beziehungsende auch eine räumliche Trennung folgen zu lassen. Claudes Vater und er wohnen nun auf der einen Seite, seine Mutter, ihr neuer Partner und sein Bruder Broni auf der anderen Seite derselben Wohnung. Der Kontakt untereinander ist streng untersagt. Man braucht Abstand voneinander, heißt es lapidar. Claude geht auf eine Eliteschule, in der er nach Kräften von seinen Mitschülern dafür gemobbt wird, dass sein Vater nicht Millionendeals abschließt, sondern bloß in volkstümlichen Bläsercombos in die Posaune pustet. Von seinem Vater ist kein Rückhalt zu erwarten, seine Mutter ist als Ethnologin regelmäßig am anderen Ende der Welt, um wahlweise sich selbst oder fremde Naturvölker zu finden. Einen verlässlichen Freund findet Claude in Taxifahrer Dirko, einem weltklugen Mann mit dutzenden Identitäten, Marillenschnaps und multipler Sklerose. Dank ihm wird er zum Experten für diverse Hinrichtungen vergangener Jahrhunderte in und um Wien.

Alles, was du siehst, hörst und tust, bleibt. Es hilft nichts, nachher die Augen zu schließen oder die Ohren zuzuhalten oder die Hände in die Hosen zu stecken. Als ob man einfach die Zeit totschlagen könnte, ohne die Ewigkeit zu verletzen. Was Menschen Übles tun, das überdauert sie.

Es scheint fast so, als habe Dirk Stermann, Wahlösterreicher seit knapp dreißig Jahren, ein Lexikon menschlichen Schmerzes schreiben wollen. Über jedem Kapitel platziert er einleitend kurze Beschreibungen körperlichen Schmerzes durch den Stich diverser Insekten: mal »leicht, flüchtig, fast fruchtig«, aber auch »ätzend, brennend und unerbittlich«. Je weiter der Roman voranschreitend, desto grauenerregender werden die Insektenstiche beschrieben. Parallel dazu wird auch Claudes Leben immer desaströser und unzumutbarer. Kein Lichtblick wird ihm länger gewährt als unbedingt nötig, er wird zerrieben und zerrissen zwischen den Widrigkeiten der Welt und der Gleichgültigkeit seiner Umgebung. Weshalb sollte man nun aber einen Roman lesen, in dem alles immer schlimmer und schlimmer wird? Wie sollte man sich an einem Roman erfreuen, der einem kaum die Gnade eines Glücks zubilligt, von einem Happy End ganz zu schweigen? Es ist diese ganz eigene Stermannsche Melange aus greller Traurigkeit und Komik, die selbst auf dem trockenen Boden des Elends noch gut gedeiht. Man könnte das nun »österreichisch« nennen, diesen Hang zum Dunklen einerseits und dessen achselzuckender Missachtung durch bösartigen Humor andererseits. Man könnte große Namen aufrufen und Traditionen, muss man aber nicht.

Selbstmord ist falsch eingesetzte Energie. Wir sterben ja eh. Das ist Vergeudung von Energie. Das ist wie Putzen, bevor die Putzfrau kommt, so etwas tut man nicht.

Man kann Stermanns Feinfühligkeit genießen, die dafür sorgt, dass der Roman zu keiner Zeit entweder wie Klamauk oder wie eine dreiste Respektlosigkeit seinem Protagonisten gegenüber erscheint. Man kann seine Sprache genießen, die ins Schwarze trifft, direkt in die Wunden und trotzdem bisweilen laut auflachen lässt. Und man kann all die Katastrophen natürlich grell finden, in ihrer Häufung bar jeder Glaubwürdigkeit. In Claude konzentrieren sich in fast lexikalischer Vollständigkeit sämtliche Arte und Weisen verlassen zu werden, zu verlieren und zu leiden. So sehr, dass der Roman beinahe einen mystischen, übersinnlichen Charakter bekommt. Bloß, dass Claude kein Märtyrer und kein Held ist. Er ist ein haltloser Teenager und er bleibt ein haltloser Teenager, dankenswerterweise verweigert Stermann eine Heldengeschichte. Am Ende steht ein tiefsinniger, empathischer Roman voller Fantasie und Sprachwitz. Rettungslos traurig und doch wunderschön!

Dirk Stermann: Der Junge bekommt das Gute zuletzt. Rowohlt Verlag. 224 Seiten. 19,95 €.

Tipp: Im nächsten Monat (17.11.2017) erscheint das Taschenbuch!

7 Kommentare

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  2. Wow, erst dachte ich ja, das ist mir gerade nichts … zu traurig oder so … aber Du hast hier ein ganz anderes Spektrum aufgemacht und jetzt will und muss ich doch lesen. Danke.

  3. Das geht mir auch so. Was für eine grandios geschriebene Rezension. Das Buch, das anfangs kaum interessiert, muss am Ende umgehend gekauft werden. Vielen Dank.

    • Sophie
      Sophie sagt

      Vielen Dank, falls damit die Rezension gemeint ist. Wenn Dirk Stermanns Buch gemeint ist, stimme ich natürlich zu. 😉

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