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Laurie Penny – Bitch Doktrin

In den letzten Jahren hat sich Laurie Penny als Stimme des modernen, zeitgenössischen Feminismus einen Namen gemacht. Rotzig und auf den Punkt prangert Penny Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Bequemlichkeit an. Gleichwohl sind es nicht allein feministische Themen, die sie umtreiben. In ihren Essays geht es um Politik, Gewalt, Hass und eine bessere Welt. In »Bitch Doktrin« räumt sie  auf mit missverstandenen Privilegien und der Angst vor Vielfalt und Veränderung.

Vor einiger Zeit kursierte in sozialen Medien der Spruch: »Equal rights for others does not mean less rights for you. It’s not pie.« Logisch eigentlich. Und trotzdem erfahren jene, die sich für die Rechte derer einsetzen, die nicht die Mehrheit der Gesellschaft repräsentieren, noch immer scharfen Gegenwind, Hass, zügellose Wut. So auch Laurie Penny. Wut worauf? Man weiß es nicht genau. Vielleicht ist es eine Wut, die sich aus der Angst vor Veränderung speist, aus dem Widerwillen, den Status Quo zu verlassen. Vielleicht ist es die Sorge, etwas abgeben zu müssen. Aber gleiche Rechte und Kuchen, naja, siehe oben.

Wie man hört, glauben viele ansonsten anständige Leute, wenn schwarze, braune und weibliche Menschen mehr Rechte bekämen, hätten »normale Leute«, womit weiße Leute gemeint sind, weniger. Aber nur, weil jemand wütend ist, hat er noch lange nicht recht. Nur, weil es jemandem schlecht geht, darf er sich noch lange nicht Erleichterung verschaffen, indem er alles kurz und klein schlägt.

Die Wut dieser Tage kann ihre Berechtigung haben, aber sie berechtigt nicht zu Hass und Gewalt gegen andere. Die Wahl Trumps zum Präsidenten, da ist Penny sicher, hat den Kampf für Gerechtigkeit nicht leichter gemacht, vielleicht aber noch drängender als zuvor. Auf allen Kanälen krakeelen Populisten ihre vereinfachten Wahrheiten heraus und verschieben damit den öffentlichen Diskurs. Wie weit dieser Prozess schon vorangeschritten ist, konnte man unlängst beim TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz studieren. Es geht nicht nur darum, was eine Minderheit denkt, sondern wie diese Minderheit und ihre Diskussionskultur in die gemäßigten Lager einsickert. Penny schreibt nicht nur über Trump, die Brexiteers oder die Alt-Right-Bewegung, sie stellt auch grundlegende Überzeugungen in Bezug auf die Medien in Frage. Es gibt, so Penny, keinen objektiven Blick außerhalb der Geschehnisse. Jeder Journalist verändert die Geschichte. Jeder ist anfällig für perspektivische Verzerrungen und auch das Geschlecht des Berichtenden kann Einfluss darauf haben, welche Informationen ihm oder ihr überhaupt in welcher Form zur Verfügung gestellt werden. Die meisten Investigativjournalisten sind noch immer Männer, weil man Männern eine objektive Perspektive eher zutraut als einer Frau. Ähnliches ist auch in der Literatur zu beobachten, in der Erfahrungen von Frauen als geschlechtsspezifisch, Erfahrungen von Männern wiederum als allgemeingültig bewertet werden.

Falls ihr es noch nicht bemerkt habt: Es tobt ein Krieg und das Schlachtfeld ist die menschliche Phantasie. Dieses Buch ist heftig, es berührt die Stellen, an denen Theorie schmerzhaft in Fleisch und Knochen dringt. Es handelt von Sehnsucht und Kontrolle und vom Kampf um den Körper. Es handelt von Gender, Macht und Gewalt und von einer noch furchteinflößenderen Welt, die all das hinter sich lässt.

Penny pocht auf Repräsentation in Öffentlichkeit und Kultur, weil Randgruppen nicht zuerst Minderheiten (surprise, surprise), sondern vor allem Menschen sind. Wo gibt es starke und mitreißende weibliche oder queere Figuren und Stimmen, ob fiktiv oder real? Wie können wir sie stärken? Penny argumentiert für Quoten und für die vollkommene Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper, sie kritisiert die Nerdkultur des Silicon-Valley, die von der identitätsstiftenden Fantasie lebt, es handle sich bei den großen Tech-Milliardären noch immer um Ausgestoßene, die sich ihrer harten Jugend wegen für Ausgestoßene einsetzen. Sie schreibt über sexuelle Gewalt gegen Frauen und die angeblich so lähmende Political Correctness. Penny verbindet ihre Argumentationen mit Beispielen aus der Popkultur, humorvoll und nonchalant, aber unbeugsam in ihren Überzeugungen. Nicht in allem muss man ihr dabei zustimmen, sie bietet Anlass zum Widerspruch an einigen Stellen. Insgesamt aber ist Bitch Doktrin ein aktionistisches Buch, das zur Beteiligung und Einmischung aufruft, eines das stärkt und elektrisiert. Es mag ja Menschen geben, die den Wunsch nach einer besseren und gerechteren Welt für einen Grund halten, einen Arzt zu rufen. Andere sehen darin den einzigen Weg, eine bessere Welt zu erreichen. Denn das jetzt, liebe Leute, ist nicht die beste aller Welten.

Laurie Penny: Bitch Doktrin. Aus dem Englischen von Anne Emmert. Edition Nautilus. 320 Seiten. 18,00 €.

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