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José Saramago – Eine Zeit ohne Tod

An einem ersten Januar stellt der Tod, unangekündigt und plötzlich, seine Tätigkeit ein. Die Menschen sterben nicht mehr. Niemand wird im Streit von einem erzürnten Widersacher erschlagen, niemand lässt sein Leben bei dem Versuch, eine vielbefahrene Straße zu überqueren, selbst die Alten und Kranken siechen dahin, ohne Erlösung. José Saramago erzählt in poetisch ausgreifender und feinsinnig humorvoller Art vom Ende einer gefürchteten Selbstverständlichkeit.

Wer hätte gedacht, dass das Ende der Sterblichkeit nicht von der medizinischen Forschung, sondern von einer Unregelmäßigkeit im Arbeitsablauf des Todes selbst verursacht würde? In einem nicht näher benannten Land der südlichen Hemisphäre jedenfalls wird nicht mehr gestorben. Der Jubel darüber, endlich vom Unausweichlichsten befreit worden zu sein, erschallt nicht überall in gleicher Lautstärke. Die Kirche klagt: Wie kann es eine Auferstehung geben ohne Tod? Wie kann es ein Jenseits geben, wenn das Diesseits nie mehr verlassen wird? Mit welcher Verdammnis soll man nun den Sündern drohen? Auch die Versicherungsanstalten und Bestatter laufen Sturm. Die einen legen in ihrem Aktionismus ein künstliches Todesalter fest, die anderen verlegen sich hilflos auf die Bestattung von allerlei Getier, das von der unverhofften Amtsniederlegung des Todes unberührt bleibt. Viele jedenfalls sind in Aufruhr, die Ernüchterung nach dem Freudentaumel schmeckt bitter und schal. Stück für Stück entfaltet Literaturnobelpreisträger Saramago die Struktur einer Gesellschaft, die auf den Tod so sehr angewiesen ist wie auf das Leben.

Falls wir nicht wieder sterben, haben wir keine Zukunft mehr.

Jede Katastrophe schafft Profiteure, so auch das Nichtsterben. Eine Gruppe, die sich Maphia nennt, organisiert illegale Transporte über die Landesgrenzen, um Alte und Kranke dort sterben zu lassen. Sie ermöglichen, sich von familiären Lasten zu befreien und verdienen damit Unsummen. Es ist wie eine Flucht unter umgekehrten Vorzeichen – statt in ein besseres Leben fliehen Menschen mit ihren siechen Angehörigen an einen Ort, der ihnen das Sterben ermöglicht. Wer weiß schon, wann und ob jemals wieder gestorben wird? Saramago fabuliert und erzählt mit einer solchen poetischen Kraft, dass man in seinen Worten versinken möchte. Seine Sprache ist fein, sein Stil ausufernd und fließend, immer in Bewegung durch zahllose Gedanken, Nebensätze und Ansprachen der Leserschaft. Der Erzähler tritt jederzeit deutlich als solcher zutage, beantwortet vorauseilend Fragen, kommentiert mit meisterhaft subtilem Humor die Geschehnisse, man hängt ihm an den Lippen. Wider Erwarten währt die Unsterblichkeit, wie alles unter dieser Sonne, nicht ewig. tod gibt mittels Briefpost neue Modalitäten des Sterbens bekannt.

Last but noch least hatte auch die römisch-katholische und apostolische Kirche allen Grund, mit sich selbst zufrieden zu sein. Von jeher überzeugt, die Abschaffung des Todes könne nur ein Werk des Teufels sein und Gottes Kampf gegen die Machenschaften des Bösen sei durch nichts wirksamer zu unterstützen als durch ausdauerndes Beten, hatte sie die Tugend der Bescheidenheit abgelegt, welche sie sonst mit beträchtlicher Mühe und Opferbereitschaft pflegte, und sich vorbehaltlos selbst zum Erfolg der nationalen Gebetskampagne beglückwünscht, deren Ziel, das sei hier noch einmal erwähnt, darin bestanden hatte, den lieben Gott zu bitten, so schnell wie möglich die Rückkehr des Todes zu erwirken, um der armen Menschheit das schlimmste Grauen zu ersparen, Zitat Ende.

Zunächst die Erzählung einer klassisch unerhörten Begebenheit, entwickelt Saramagos Roman nach der Rückkehr des Sterbens Elemente einer Liebesgeschichte; er zerfällt gleichsam in zwei Teile. Saramago lässt tod, eine Frau, die für das Ableben alles Menschlichen zuständig ist, nicht nur im weitesten Sinne als entmaterialisierte, omnipräsente Protagonistin auftreten, sondern auch am Tod eines einsamen Cellisten scheitern, den sie partout nicht mit den herkömmlichen Mitteln aus dem Leben befördern kann. Eine Zeit ohne Tod ist geheimnisvoll und mitreißend, willens und fähig, mit Fragen des Lebens und Todes auf leichte, weise Art umzugehen. Wäre etwas gewonnen, wenn wir den Tod besiegen könnten? Gibt es überhaupt etwas, das den Tod »besiegt« – die Liebe womöglich? Ist es einfacher, unverhofft zu sterben oder um den exakten Zeitpunkt des Sterbens zu wissen? Und wenn das möglich wäre, würde man anders leben? In einer Zeit, in der die medizinische Diagnostik mit ihren Möglichkeiten immer weiter voranschreitet, ist Saramagos wundervoller Roman vielleicht auch ein Plädoyer für das Nichtwissen, das Hingeben, für das Leben und am Ende auch für den Tod.

Die von mir oben abgebildete Ausgabe ist nur noch gebraucht erhältlich; unten deshalb die bibliographischen Angaben für die 2015 erschienene Neuausgabe.

José Saramago: Eine Zeit ohne Tod, aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis, Atlantik Verlag, 256 Seiten, 14,99 €

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