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Uwe Soukup – Der 2.Juni 1967

2017 jährt sich nicht nur der Deutsche Herbst, sondern auch das Vorspiel der 68er-Bewegung und die Initialzündung für ihre Radikalisierung. Die Entwicklungen stehen in unmittelbarem Zusammenhang. Am 2.Juni 1967 wird Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Schahbesuch in Berlin von Polizisten zusammengeschlagen und schließlich von Karl-Heinz Kurras aus nächster Nähe in den Hinterkopf geschossen. Kurras ging bis zuletzt straffrei aus. Sein Schuss politisierte und radikalisierte in der Folge unzählige Studenten.

Wie konnte so etwas wie der 2.Juni 1967 überhaupt geschehen? Welche Folgen für hatte der Mordfall Ohnesorg für die Bundesrepublik? Und weshalb hat es eigentlich so lange gedauert, bis man ihn ohne Umschweife und Schönfärberei einen Mordfall nennen durfte? Lange genug ging die Mär von der Notwehrhandlung um, von einem Schuss, der sich versehentlich gelöst habe, von einer unübersichtlichen Situation und einer angemessenen Härte. Heute wird niemand mehr bezweifeln wollen, dass es sich bei dem Schuss auf Benno Ohnesorg um eine vorsätzliche Tat gehandelt hat; auch wenn Karl-Heinz Kurras, ein Waffennarr und exzellenter Schütze, bis zuletzt weder Reue über den Vorfall gezeigt noch sein Verschulden eingeräumt hat. Er wollte mit der Causa Ohnesorg in Frieden gelassen werden. Er war freigesprochen worden. 2009 jedoch wurde seine Tätigkeit für die Stasi bekannt und der Fall kam wieder an die Oberfläche. Man diskutierte ihn plötzlich, einigermaßen abwegig, vor dem Hintergrund eines Auftragsmords seitens der DDR und entledigte sich damit der Verpflichtung, die bundesrepublikanischen „Bemühungen“ um Aufklärung einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass es den Verantwortlichen viel mehr um Vertuschung denn um Aufklärung ging. Bereits bei der Einlieferung Ohnesorgs in ein Krankenhaus ergeben sich Ungereimtheiten, von einem fehlenden Stück Schädel, in dem das Einschussloch erkennbar gewesen wäre, gar nicht zu reden. Der Fall Ohnesorg war ein Skandal.

„Die vor einer Woche am Opernhaus eingesetzte Polizei hat nicht nur im Affekt, sondern ohne gravierende Notwendigkeit, mit Planung einer Brutalität den Lauf gelassen, wie er bisher nur aus Zeitungsberichten über faschistische oder halbfaschistische Länder bekannt wurde.“ Das schrieb nicht das Zentralorgan der SED, Neues Deutschland, sondern die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 12.Juni 1967.

Uwe Soukup, dessen detailgetreue und quellengestützte Analyse des 2.Juni bereits 2007 erstmals erschien und nun um weitere Erkenntnisse, auch zu Kurras Stasi-Tätigkeit erweitert wurde, unterzieht das historische Datum einer intensiven Prüfung. Er betrachtet neues, verbessertes Bildmaterial, das eindeutig belegt, dass Polizisten falsche Aussagen gemacht haben. Er sichtet Videoaufzeichnungen, soweit vorhanden. Er untersucht Zeugenaussagen. Er sondiert die politische Lage innerhalb der SPD und die aberwitzigen Bedingungen, unter denen nach dem 2.Juni ein Untersuchungsausschuss gebildet wurde, der die Polizei von allen größeren Vergehen freisprach. Er betrachtet Zeugenaussagen, die aus kaum nachvollziehbaren Gründen als nicht glaubwürdig verworfen wurden. Soukup ermöglicht so eine nahezu lückenlose Nachverfolgung der Ereignisse, von den Demonstrationen des Vormittags und Abends über die prügelnden Schah-Anhänger bishin zur Eskalation, u.a. ausgelöst durch die Falschmeldung über einen getöteten Polizisten, die schließlich zum Tod Benno Ohnesorgs führte. Ein „Krakeeler“ sei Benno Ohnesorg gewesen, sagten manche. Anderen galt er immer als politisch unbeschriebenes Blatt, der eher zufällig in die Demonstration geriet, die ihn schließlich das Leben gekostet hat. Zwei Monate zuvor hatte er seine schwangere Freundin geheiratet. Beides trifft, so Soukup, wohl nicht auf Ohnesorg zu. Weder war er ein Krawallmacher noch war er ein Unpolitischer. Viel mehr lag ihm an abgewogenen, differenzierten Urteilen, für die er sich Zeit nahm. Die Demonstration am 02.Juni 1967 war nicht seine erste, zuvor hatte er gar bereits Freunde politisiert und zum Nachdenken über politische Belange angeregt. Ruhig, sachlich, besonnen.

Geier brüllte den Schützen an, ob er wahnsinnig sei, hier zu schießen. „Die ist mir losgegangen“, stammelte Kurras, der Meisterschütze der Berliner Polizei.

Der 2.Juni 1967 ist auch seiner historischen Folgen wegen in die Geschichtsbücher eingegangen. Er radikalisierte zahlreiche Studenten. Ohne den Tod Ohnesorgs ist weder die Bewegung 2.Juni noch die RAF erklärlich. Nicht nur, dass ein Student und Demonstrant von einem Staatsdiener in den Hinterkopf geschossen wurde, er wurde vom Staat verlässlich protegiert und entschuldet. In Bezug auf den NSU ist immer wieder die Rede vom Verfassungsschutz und seiner Beteiligung an den Verbrechen der Terrorzelle. Auch in Bezug auf die gewaltbereiten Studenten der 60er hat der Verfassungsschutz in Form von dem zu gewisser Prominenz gelangten Peter Urbach unschätzbare Schützenhilfe geleistet. Da wurden Molotowcocktails angereicht und die Eskalation seitens des Staates befeuert; auch diese Verstrickungen sollten bei der Betrachtung des Linksterrorismus offen benannt werden. Uwe Soukup leistet all das mit seinen fast protokollarischen Aufzeichungen zum Geschehen. Unaufgeregt, entlang von Beweisen und belastbaren Fakten. So kann Der 2.Juni 1967 zukünftig als verlässliche und valide Analyse der Hintergründe, Abläufe und Folgen gelten. Lukas Ohnesorg indessen, der Sohn Benno Ohnesorgs, fordert eine Entschuldigung, er sieht noch nicht genügend Aufklärungsarbeit geleistet.

Bis zum 30.August kann man sich in der Polizeihistorischen Sammlung Berlins Foto- und Videomaterial zum Fall Ohnesorg ansehen. Mehr dazu hier.

Uwe Soukup: Der 2.Juni 1967. Transit Verlag. 192 Seiten. 20,00 €.

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