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Riad Sattouf – Esthers Tagebücher

Die zehnjährige Esther führt ein Leben zwischen Iphone und YouPorn, auch wenn sie ersterem erfolglos hinterherschmachtet und von zweiterem bloß weiß, dass die Jungs in der Schule davon reden. Riad Sattouf dokumentiert in seiner als langfristiges Projekt angelegten ersten Reportage das Aufwachsen und den Alltag eines französischen Mädchens an der Schwelle zum vielzitierten Ernst des Lebens.

Wie lebt es sich heutzutage als zehnjähriges Mädchen? Was ist wichtig und hip? Riad Sattouf, der u.a. mit seinen autobiographischen Comics Der Araber von morgen bekannt geworden ist, richtet sein Augenmerk nun auf eine ganz andere Lebenswirklichkeit. Als Chronist von Esther setzt er ihre Alltagsgeschichten grafisch um. Dabei geht es um die Spiele mit ihren Freundinnen, die Jungs in der Klasse, angesagte Musik und die allmähliche Orientierung in der Welt. Esther ist ein Papakind und voller Bewunderung für ihren starken Beschützer. Im Gegensatz zu ihrem Bruder besucht sie eine Privatschule, die die Eltern sich einiges kosten lassen. Sattoufs Aufzeichnungen sind aber nicht nur Einblicke in die ganz normalen Sorgen und Nöte einer Zehnjährigen, sie sind auch Zeitdokument und Spiegel der französischen Gesellschaft. Mit Esther, die keine Erfindung und damit auch kein bloßes Vehikel für Sattoufs Betrachtungen ist, wird es möglich, emotional und politisch aufgeladene Themen und Situationen aus einem anderen Blickwinkel zu thematisieren. Ob es dabei um Homosexualität geht, um das Attentat auf Charlie Hebdo oder Rassismus: Esther hat eine starke Meinung. Aber sie ist kindlich, frei von Vorurteilen und ideologischer Aufladung. Das verleiht ihnen eine Unmittelbarkeit und Offenheit, die mitunter rührend ist. Dabei ist im Hintergrund immer die Frage: Wie erleben Kinder das, was selbst Erwachsenen unerklärlich erscheint? Wie setzen sie die Welt zusammen?

Aber natürlich ist Esther ein Kind ihrer Zeit. Ihr geht Schönheit über alles – weshalb sie auch den Mangel an Schönheit bei anderen einigermaßen erbarmungslos kommentiert -, sie wünscht sich so sehnlich ein Iphone, dass sie sich als „arm“ empfindet, weil ihre Eltern es ihr verweigern und sie träumt von einer großen Karriere im Rampenlicht (und einem Iphone). Auf jeweils einer Seite stellt Sattouf, oft dicht gedrängt und textlastig, die Entwicklung von Esther anhand kleiner Anekdoten dar. Sie ist es, die spricht. Sie ist es, deren Wahrnehmung er liebevoll und einfühlsam umsetzt. Er betrachtet die Esther-Geschichten, die ursprünglich wöchentlich in einem französischen Nachrichtenmagazin erscheinen, als Langzeitprojekt. Er will Esther bei ihrer Entwicklung begleiten, ihre Interessen und Sehnsüchte abbilden, ohne ein Urteil darüber abzugeben. Das gelingt ihm im ersten Band so glänzend, dass die Comic-Esther unweigerlich Gestalt annimmt. Manchmal schmunzelt man über ihre kindliche Naivität, ein anderes Mal dann über diese naturwüchsige Weisheit und Abgeklärtheit, die nur Kinder haben.

Esther weiß, was cool ist und was nicht. Sie erlebt einen Sommer voller neuer Erfahrungen, 45-Minuten-Liebschaften, verunglückte Zungenküsse, Tränen, beendete Freundschaften, tödlich saure Zitronendrops und – nach den Ferien – die erschreckende Erkenntns, dass einigen ihrer Mitschülerinnen Brüste gewachsen sind. Das ist der Beginn eines neuen Kapitels und konsequenterweise auch das Ende des Buches. In Esther steckt viel Zeittypisches, aber auch viel Zeitunabhängiges. Einige Ängste, Sorgen und Gedanken dürfte jeder mit Esther teilen, ganz gleich, zu welchem Zeitpunkt er seine Kindheit und Jugend erlebt hat. Das macht Esther und ihre Betrachtungen so reizvoll und erfrischend, sie leisten Identifikation und Dokumentation gleichermaßen. Ich freue mich auf die Fortsetzungen!

Riad Sattouf: Esthers Tagebücher. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. Reprodukt Verlag. 56 Seiten. 20 €.

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