Rezensionen, Romane
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Takis Würger – Der Club

Bereits seit dem 19. Jahrhundert gibt es Geheimbünde und Clubs an elitären Universitäten unter anderem in Großbritannien und den USA. Auch heute rekrutieren sich Spitzenpolitiker, Wissenschaftler und ein großer Teil der Finanzeliten aus ihren Reihen. Sie dienen als Karrieresprungbretter und über das Studium hinaus profitable Netzwerke, fordern von ihren Mitgliedern aber auch eine strikte Einhaltung gruppeninterner Regeln und eine unverbrüchliche Treue zu den Kameraden. Vor diesem Hintergrund spielt Takis Würgers raffiniert komponierter Roman von Verbrechen und Korpsgeist.

Hans ist ein zurückhaltender, unauffälliger Typ. Innerhalb weniger Monate kommen seine Eltern zu Tode, sein Vater bei einem Autounfall, die Mutter, obwohl sie an Lungenkrebs leidet, am Stich einer Biene. Für beide Todesfälle fühlt er sich verantwortlich: Mein Vater war gestorben, weil ich in Brandenburg boxen wollte. Meine Mutter war gestorben, weil ich Schnittlauch auf mein Rührei essen wollte. Hans wird aufs Internat geschickt, wo er weiterhin das Boxen trainiert, seine emotional angegriffene Tante Alexandra übernimmt den Erziehungsauftrag – im weitesten Sinne, denn sie überlässt Hans vorrangig sich selbst. So lange jedenfalls, bis sie ihn zu sich nach Cambridge bittet, um ihn mittels Boxsport in den legendären Pitt Club einzuschleusen. Boxen soll er dort allerdings mehr zur Tarnung; tatsächlich geht es Alex um die Verbrechen, die der Club ungestraft begehen kann.

Kaum jemand hätte mich vermisst, wenn ich vom Kirchturm gesprungen wäre. Das Seltsame für mich war, dass ich nie das Verlangen spürte, zu springen. Ich wollte einen Freund, mit dem ich ein Bier trinken konnte.

Hans wird schlussendlich Spion wider Willen, eingeschleust in eine elitäre Gruppierung, von der auf dem Campus bereits seit Jahren hinter vorgehaltener Hand die Rede ist. Um dem Club beizutreten, muss man förmlich von einem anderen Mitglied vorgeschlagen werden. Ein junger Chinese mit exzellenten Studienleistungen scheitert im Roman fortgesetzt daran, Zugang zu dieser Gruppe von Männern zu erlangen, die vor allem an der eigenen Aufwertung interessiert sind. Es gibt keine asiatischen Mitglieder, die Gruppe bleibt ein homogener Kreis aus weißen Sprösslingen der besseren Gesellschaft. Auf Partys umgeben sie sich mit den richtigen (heißt: einflussreichen) Leuten und hübschen, leichtbekleideten Mädchen. Sie wähnen sich unantastbar, auch vor dem Gesetz. Würger erzählt den Roman, wie es dieser Tage ungemein beliebt zu sein scheint, multiperspektivisch. Hans, seine Tante Alexandra, Peter Wong, der erfolglose Pitt-Aspirant, Charlotte, die Hans zum Clubbeitritt verhelfen soll und Mitglieder des Pitt-Dunstkreises, der verhaltensauffällige Josh und Angus Farewell, der vielleicht nicht umsonst eine Rinderrasse im Vornamen trägt, erzählen abwechselnd ihre Versionen der Geschichte.

Neben mir saßen der Prinz und ein Herzog, der mit dem Chefredakteur darüber sprach, dass der Adel nicht die Berichterstattung bekäme, die ihm zustünde. Es war unfassbar langweilig.

Wenn es ein zentrales Thema gibt in Würgers Debüt, das alle Handlungsstränge konturiert, ist es der Kampf. Nicht nur der sportliche, obwohl der am offensichtlichsten zu Tage tritt. Es ist auch der Kampf um Anerkennung und Statussicherung, der Kampf gegen unbefugt Eindringende, sich selbst und die eigene Imperfektion, der Kampf um Macht, über den eigenen Körper und den anderer. Peter Wong masturbiert jeden Morgen, isst Instant-Nudeln und notiert sich stets eine Losung und ein Ziel des Tages: Man kann wissen, wie man siegt, ohne fähig zu sein, es zu tun. Auf die Tanne gegenüber des Pitt Clubs klettern und beobachten; der Beste sein. Die Fliege des Pitt Clubs finden; der Beste sein. Chancen multiplizieren sich, wenn man sie ergreift. Er zitiert Clausewitz und sieht sich als Krieger für eine Sache, die größer ist als er und für die deshalb Opfer – vornehmlich der Erniedrigung – gebracht werden müssen. Auch Hans ist mitten im Kampf; von seiner Tante wohlkalkuliert und nicht uneigennützig als Waffe eingesetzt, um die Strukturen der selbsterklärten Eliten zu zerschlagen. Takis Würger studierte und boxte selbst in Cambridge und weiß um die Netzwerke und Hinterzimmerkameradschaften. Der Club ist kein konventioneller Krimi, er ist ausdauernd und unaufgeregt erzählt, über weite Strecken bleiben selbst die ungenannten Verbrechen ein ferner Fluchtpunkt am Horizont.  Aber der Roman führt in ein Metier, in dem die Exekutive als Ermittlungsorgan keine Verfügungsgewalt mehr besitzt. Die einzige Möglichkeit zur Zerschlagung des Systems ist die Zersetzung von innen. Mit Der Club ist Takis Würger ein ungewöhnliches und vielschichtiges Debüt gelungen.

Takis Würger: Der Club. Kein & Aber. 240 Seiten. 22 €.

2 Kommentare

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  2. Hallo Sophie,
    Das Buch habe ich auch vor Kurzem gelesen und rezensiert und es hat mich auch absolut begeistert. Du hast Recht, bei dem Buch handelt es sich wirklich nicht um einen konventionellen Krimi. Aber die Tiefe der Handlung, die klare Sprache und die komplexen Charaktere konnten mich voll und ganz überzeugen.
    Auch das Setting war interessant gewählt. Das Buch hat mich wirklich von Anfang an in seinen Bann gezogen.
    Schön, dass es dir auch so gut gefallen hat.
    Liebe Grüße, Julia

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