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Samuel Selvon – die taugenichtse

Mit The Lonely Londoners hat Samuel Selvon 1956 einen Ton in die Literatur gebracht, der bis dato einzigartig war. In einer kreolisch-englischen Kunstsprache erzählte Selvon von karibischen Arbeitsmigranten und ihrem täglichen Überlebenskampf in der Metropole. Nun ist der Roman, sechzig Jahre nach seinem ursprünglichen Erscheinen, so gekonnt wie lebendig von Miriam Mandelkow ins Deutsche übersetzt worden.

Nicht nur in Deutschland verließ man sich nach dem Zweiten Weltkrieg beim Wiederaufbau des Landes auf Gastarbeiter, auch Großbritannien warb Ende der 40er Jahre massiv um Migranten, da es der heimischen Wirtschaft an Arbeitskräften mangelte. Sie kamen ab 1948 vor allem von den karibischen Inseln, aus Jamaika, Trinidad oder Barbados. Sie arbeiteten vor allem in Fabriken oder im Transportwesen für einen Hungerlohn; der Zugang zur britischen Mehrheitsgesellschaft blieb ihnen, trotz günstiger Prognosen, überwiegend verschlossen. Der Rassismus, so heißt es auch in Selvons Roman, war ausgeprägt und omnipräsent, jedoch immer ummantelt mit britischer Höflichkeit und Zurückhaltung. Auch Samuel Selvon gehört zu diesen karibischen Arbeitsmigranten. Es verschlägt ihn nach seiner Ankunft in der britischen Hauptstadt in dieselben Stadtviertel wie seine Protagonisten: nach Bayswater und Notting Hill, das zwei Jahre nach Erscheinen des Romans von Rassenunruhen und Gewalt gegen Zugewanderte erschüttert wird. Im Mittelpunkt der taugenichtse steht Moses, gleichsam der abgeklärte „Stammvater“ aller Ankommenden. Bei ihm laufen die Fäden zusammen, er weiß, wo es Arbeit gibt und freie Schlafplätze, wie man durch das Dickicht der Großstadt navigiert und sich in einer feindlichen Umgebung behauptet. Wenn es nach ihm ginge, käme keiner der „Mokkas“ mehr in die Stadt. Wenn es nach ihm ginge, der bereits zehn Jahre in London zugebracht hat und trotz Arbeit noch immer in bitterer Armut lebt, wäre er schon auf dem Rückweg nach Trinidad. Allein das Geld fehlt ihm.

So rüttelt sich alles von selber zurecht, da kann man sich sorgen oder nicht: Rackert man, passiert es, rackert man nicht, passiert es auch. Wir leben alle zum Sterben, egal, was wir machen, solange wir leben, am Ende sind wir alle tot.

die taugenichtse erzählt in Episoden von den ankommenden Migranten, die sich mittels verschiedener Strategien in der Fremde ein Leben aufbauen wollen. Sie haben sprechende Namen wie Big City oder Five Past Twelve, sie tricksen und winden sich durch den Alltag wie Cap oder sehen sich, wie Tolroy, am Knotenpunkt Waterloo Station plötzlich statt mit der Frau mit der gesamten Familie samt Tanten konfrontiert, die voller Hoffnung die Koffer gepackt haben. Die Immigranten beginnen, ihne Stadtviertel zu prägen und sich, soweit es geht, in ihnen einzurichten. Das Angebot der Läden verändert sich, plötzlich gibt es auch Stockfisch und Okrabohnen in London zu kaufen, selbst anschreiben lassen kann man seine Einkäufe bei ausgewählten Händlern. Obwohl einige versuchen, englischer zu sein als die Engländer selbst, immer piekfein und rausgeputzt, bleibt ihnen der Zutritt zur englischen Gesellschaft verwehrt. Sie werden von den Eltern junger Frauen aus dem Haus gejagt, weil die keine „krausen Kinder“ wollen, ihnen werden Jobs verweigert, sobald beim ersten Zusammentreffen die schwarze Hautfarbe sichtbar wird. Nein, es gibt doch keine freien Zimmer, nein, der Job ist leider schon vergeben. Es ist ein unterschwellig gärender Rassismus, wie der sprichwörtliche elephant in the room ist er immer in den Begegnungen zwischen Einwanderern und Einheimischen zugegen, unausgesprochen. Trotz der sechs Jahrzehnte, die der Roman bereits auf dem Buckel hat, kommt er leichtfüßig daher, unheimlich zeitgemäß, gewitzt und melancholisch zugleich.

Himmel Herrgott, wenn er „Charing Cross“ sagt und dann wird ihm klar, dass er, Sir Galahad hochpersönlich, da hingeht, zu dem Ort, den jeder Mensch kennt in der Welt (steht sogar im Wörterbuch), dann fühlt er sich wie ein neuer Mensch. Was er da für eine Frau trifft, eins wie eins, aber aussprechen, dass er da hingeht, da fühlt er sich groß, da fühlt er sich wichtig. Auch wenn er nur seine Zeit vertreiben würde, einfach stehen und weiße Leute sehen, das wäre immer noch was.

Cover der Penguin Modern Classics Ausgabe.

Selvon hat für seinen Roman einen Ton geschaffen, der immer wieder zwischen Hoffnung und Fatalismus changiert. The Lonely Londoners, in Großbritannien längst zum Klassiker avanciert, gehört zu den ersten Romanen, die das Kreolische in die Literatur eingeführt und damit einen ganz eigenen Sound, eine spezifisch sprachliche Dynamik entwickelt haben. Zwar handelt es sich im Original um eine Kunstsprache, einen von Selvon selbst entwickelten Hybrid aus Englisch und Kreolisch, doch die Kraft dieses Idioms ist dennoch ungebrochen. Miriam Mandelkow ist es als Übersetzerin geglückt, diese Kunstsprache, ihre eigenen Slangausdrücke und Redewendungen in ein Deutsch zu überführen, das den besonderen Rhythmus beibehält. die taugenichtse ist ein mitreißender Roman voller Leben, Leichtigkeit und Hoffnung auf der einen, aber auch Armut und Ausgrenzung auf der anderen Seite. Er ist präzise und so nah, dass man sich schwerlich vor seinen Protagonisten und ihren urmenschlichen Bedürfnissen verschließen kann. Ein Roman, der zur rechten Zeit seinen Weg in die deutsche Sprache gefunden hat.

Die Übersetzerin in einem Gespräch, das der Verlag zur Verfügung gestellt hat:

Samuel Selvon: die taugenichtse. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow. dtv Verlag. 176 Seiten. 18 €.

4 Kommentare

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  2. Liebe Sophie,
    Wow, das klingt wirklich interessant. Und die Neuauflage macht auch optisch echt was her. Das Buch werde ich mir auf jeden Fall mal merken. Und auf die Übersetzung bin ich auch ganz gespannt.
    Klingt ja wirklich so, als käme das Buch zur rechten Zeit. Leider, muss man ja fast sagen. Wäre ja schöner, wenn so ein Buch nicht nötig wäre.
    Naja, ich bin gespannt. Deine Rezension hat mich auf jeden Fall sehr neugierig gemacht. Wirklich toll geschrieben.
    Liebe Grüße, Julia

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