Erzählungen, Rezensionen
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Niroz Malek – Der Spaziergänger von Aleppo

Niroz Malek ist geblieben. Anders als knapp 5 Millionen SyrerInnen hat er sich dazu entschlossen, seine umkämpfte Heimatstadt Aleppo nicht zu verlassen. Mittels kleiner Miniaturen gewährt er Einblick in den Alltag des Krieges. Es sind Texte voll Trauer, Verbundenheit und Menschlichkeit.

Gleich zu Beginn macht Niroz Malek deutlich, weshalb er sich gegen die Flucht aus Syrien entscheidet: Was immer auch geschieht, ich werde nicht fortgehen, heißt es gleich im zweiten Absatz. Wie kann ich meine Wohnung verlassen, aus meinem Zimmer fortgehen? […] Warum? Um meinen Körper zu retten? Du solltest wissen, daß das, was ich in diesem Raum zurücklasse, nicht nur Bücher und Antiquitäten und Photographien sind. Nein, ich lasse meine Seele zurück.“ Es geht um mehr als die körperliche Unversehrtheit. Viel wichtiger als das bloße Überleben, das durch eine Flucht dieser Tage mitnichten gesichert wäre, ist die Verbundenheit mit der Heimat als Ort der Prägung, der kulturellen Identifikation, des Wirkens und täglichen Lebens. Dass ein erfülltes Leben mehr bedeutet als die Abwesenheit tödlicher Gefahr, darf auch implizit als Appell für jene Länder gelten, die den Geflüchteten Asyl gewähren. Seit 1970 veröffentlichte Niroz Malek acht Erzählbände und sechs Romane. Einige seiner Erzählungen wurden ins Spanische und Englische übersetzt. Der Spaziergänger von Aleppo jedoch erschien zuerst in französischer Sprache. Es sind Momentaufnahmen der Zerstörung und des Verlusts, aber auch der Erinnerung an friedliche, bessere Zeiten und der Hoffnung auf ein Ende des Krieges. Mal sind es Dialoge zwischen Freunden und Bekannten, dann kurze Momentaufnahmen des Schreibens unter unmenschlichen Bedingungen. Das Geräusch von Detonationen ist allgegenwärtig wie auch die Checkpoints, die in der ganzen Stadt von bewaffneten Kämpfern besetzt sind. Der Versuch, die Stadt zu durchqueren, ohne auf einen Checkpoint zu treffen, scheitert.

Etwas, das auch nur im Krieg geschehen kann, ist, wenn man in der Nähe des zerstörten Balkons ein Trauerzelt für einen kaum zehnjährigen Jungen entdeckt. Er war auf dem Nachhauseweg und hatte die Brotration für einen Tag bei sich, als ein Scharfschütze ihn aus der Entfernung von einigen Kilometern ohne jeden Grund erschoß, einfach nur, um zu töten.

In Maleks Miniaturen sind die Toten stets präsent. Nicht nur im Augenblick ihres Sterbens, sondern auch weit darüber hinaus tauchen sie in Erzählungen auf, nehmen ihren angestammten Platz ein oder erzählen gar selbst, bis ihnen schließlich bewusst wird, dass sie nicht mehr am Leben sind. Sie sind nicht vergessen, der Tod trotz seiner ungebrochenen Gegenwart eine Zumutung. Er kommt oft schnell, unvermittelt, reißt Wunden, zerstört Hoffnungen. Ein junger Soldat bittet den stadtbekannten Schriftsteller, ihm bei der Abfassung eines Liebesbriefs zu helfen. Der ermuntert ihn, den Brief selbst zu schreiben und verspricht, am Ende einen prüfenden Blick darauf zu werfen. Als der Schriftsteller den Brief erhält, ist der Soldat tot und die Hoffnung auf ein friedliches Leben mit seiner Geliebten schlagartig Vergangenheit. Der Spaziergänger von Aleppo ist weit mehr als nur ein literarisierte Form des Kriegstagebuchs. Malek wechselt die Perspektiven, stellt mal ein schriftstellerndes Ich und mal andere in den Mittelpunkt, spricht die LeserInnen direkt an, schreibt Briefe und Dialoge. Er schafft auf dem Schlachtfeld winzige Oasen der Hoffnung und des Lichts. Ein kurzer Text trägt den Titel Da wird ein Licht aus dieser Dunkelheit dringen; dieser Glaube könnte als zurückgenommene Basslinie das Thema der Erzählungen prägen. Malek weigert sich nicht nur, Syrien zu verlassen. Er weigert sich auch, die Hoffnung zu verlieren.

Liebe Leser: Was draußen passiert, durchbohrt das Auge der Nacht, kriecht die Treppe hinauf, als wolle es zu mir.

Maleks Miniaturen sind von einer Kraft und Dringlichkeit, die wohl nur die unmittelbare Zeugenschaft ermöglicht. Für den außenstehenden Beobachter sind sie nicht leicht zu ertragen, verspotten sie doch die Selbstverständlichkeiten, in denen wir unsere Leben eingerichtet haben.  Sie erzählen von den Einzelschicksalen, unprätentiös, nahbar und einfühlsam. In einem Krieg, dessen Verlauf auch von ausländischen Akteuren beeinflusst und von unübersichtlich vielen Parteien zulasten der Zivilbevölkerung ausgetragen wird, richten Maleks Texte das Vergrößerungsglas auf die Menschen und ihr tägliches (Über)Leben, das mehr ist als die Sicherung körperlicher Unversehrtheit. Über diesen Krieg zu schreiben, sei schmerzhaft, schreibt Malek. Aber den Schmerz als Chronist literarisch umzuwandeln, ermöglicht Heilung, ermöglicht Trauer über das Verlorene, ermöglicht leise Hoffnung für das Zukünftige.

Das E-Book ist bei Culturbooks erhältlich.

Niroz Malek: Der Spaziergänger von Aleppo. Aus dem Arabischen von Larissa Bender. Weidle Verlag. 144 Seiten. 17 €.

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