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Niah Finnik – Fuchsteufelsstill

Ein bisschen verrückt ist doch eigentlich normal. Und zu viel Normalität ja auch irgendwie verrückt. Der Grad zwischen akzeptabler Andersartigkeit und behandlungsbedürftigem Problem ist oft schmal und uneindeutig. Verrücktheit ist in gewisser Weise immer auch Ausdruck der Zeit, in der sie auftritt; nicht umsonst hat sich der Umfang der fünften Auflage des Diagnostisch-Statistischen Manuals (kurz DSM-V) vervielfacht. Was früher normal war, kann heute schon verrückt sein und umgekehrt. Niah Finnik, selbst Autistin, erzählt in ihrem Debütroman von drei Menschen, deren Diagnosen sie vermeintlich klar als anders kennzeichnen: Autismus, Bipolarität, Schizophrenie.

Romane vor dem Hintergrund psychischer Krankheiten begeben sich immer in die Gefahr, das Leiden zu romantisieren. Irgendwie scheint so ein Spleen einen ja besonders zu machen, feinfühliger als andere, origineller, ohne viel mehr dafür tun zu müssen als einfach zu sein. Jeder Hinz und Kunz nennt sich verrückt und crazy, manchmal nur deshalb, weil er gern im Regen tanzt und Nutella mit dem Teelöffel isst. Ganz so einfach ist es eben nicht. Über weite Strecken ist psychische Krankheit nicht cool, der Kampf um (oder wenigstens den Anschein von) Normalität manchmal eine ziemlich demütigende unsexy Angelegenheit. Glücklicherweise widersteht Niah Finnik der Verlockung, psychische Problemlagen allzu sehr zu stilisieren, auch wenn sie für mein Dafürhalten hier und dort etwas dick aufträgt. Im Mittelpunkt von Fuchsteufelsstill steht Juli, eine junge Frau, die unter Autismus leidet. Ihr Alltag ist hochgradig durchstrukturiert. Um dem unkontrollierbaren Chaos alles Lebendigen irgendwie Herr zu werden, setzt sie auf Rituale, Formeln, ihr Talent für Zahlen und ein nahezu enzyklopädisches Gedächtnis. Nach einem Suizidversuch wird sie in die Psychiatrie eingewiesen, was ihre Eltern für eine große Enttäuschung halten. Dort lernt sie Sophie und Philipp kennen. Sie ist manisch depressiv, er schizophren.

Mein Herz schlug schneller, was war, dachte ich auf einmal, wenn Angst meine Superkraft war.

Die drei könnten kaum unterschiedlicher sein. Sophie auf eine fast entgrenzte Art begeisterungsfähig und energiegeladen, Philipp geheimnisvoll, Juli notorisch ängstlich und überfordert von den Strukturen und Erwartungen anderer, die sie nicht deuten kann. Zwar hat sie sich soziale Softskills antrainiert – lügen zum Beispiel oder ironisch sprechen -, das ändert allerdings wenig an ihrer Fremdheit. Wenn psychische Krankheit eines bedeutet, dann der Verlust von Selbstverständlichkeiten. Selbstverständlichkeiten der Wahrnehmung, der Sinngebung, der Interaktion, der Sprache. Julis Erzählstimme ist außergewöhnlich, weil hochgradig assoziativ. Ein Gedanke folgt auf den nächsten als fiele eine Reihe wohlgeordneter Dominosteine und es ist möglich, dass ein Bild oder Gefühl unzählige Verbindungen in Julis Denken aktiviert. Nach dem Vorbild einer kleinen Heldenreise begeben sich die drei zunächst auf die Suche nach einem Mitpatienten, der am Morgen nicht in der Klinik erschienen ist, danach Richtung Norden. Der Norden symbolisiert das angstfreie Terrain einerseits, andererseits aber das Unbekannte, Unerforschte, Unkontrollierbare. Im Zweifelsfall also immer etwas, das viel größere Angst verursacht als die Angst selbst. Sie brechen auf, um das Andere kennenzulernen, mithin sich selbst. Dabei begegnet ihnen allerhand Unbeherrschbares: eine Wohnungsauflösung, eine Party, eine Kühlkammer und schließlich eine Flut.

„Um in dieser Welt sanft zu bleiben, brauchst du genauso viel Mut“, stellte Philipp fest.

Der Roman entwickelt dann einen Sog, wenn er die spezifischen Wahrnehmungsmuster Julis zur Entfaltung bringt. Das führt zu beeindruckenden, aber auch humoristischen Situationen, in denen sich Interpretationen der Welt aneinander reiben. Gelegentlich lahmt der Text etwas, wenn Finnik sich zu sehr in den Wissensfundus ihrer Protagonistin vergräbt. Manchmal trägt sie deutlich zu dick auf. So gibt es auf der Party einen hochfunktionalen Psychopathen, der wohl für die Überzeugung herhalten muss, dass auch äußerlich normale, gesellschaftlich integrierte Menschen ziemlich wahnsinnig sein können. Deshalb trinkt er ausgiebig, zerschlägt impulsiv einen Glastisch und schneidet sich mit einer Scherbe die Hand auf. Nicht immer sind die vermeintlich Gesunden die eigentlich Kranken, das ist ein zu oft beanspruchter Allgemeinplatz. Dennoch behält der Text seinen subtilen Humor und beweist insbesondere zum Ende hin seine besondere Kraft. Indem Juli versucht, sich mit ihren Möglichkeiten in die akute Psychose Philipps hineinzuversetzen, entstehen Szenen berührender Wucht; der Wahnsinn ist nicht nur Wahnsinn, er wird zu einer spezifischen Art, die Welt zu sehen. Wo von außen kein Sinn erkennbar ist, ist von innen längst nicht alles unstrukturiert. Nun ist daraus natürlich nicht fahrlässigerweise abzuleiten, dass schwere psychische Erkrankungen halt bloß eine alternative Weltsicht darstellen, an der man nicht von außen herumdoktern muss. Aber eben doch eine gewisse Relativität, die entstigmatisierend wirkt. Niah Finniks Debüt ist geglückt, weil es autistische Wahrnehmung nicht nur beschreibt, sondern konkret im Text nachvollziehbar macht. So kann es sein, am anderen Ende der Normalität zu leben, wo andere Gesetze gelten.

Zum Thema Autismus vielleicht auch interessant: Verstörungstheorien von Marlies Hübner.

Niah Finnik: Fuchsteufelsstill. Ullstein Verlag. 304 Seiten. 14,99 €.

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