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Die große Regression

Allerorten ist dieser Tage die Rede von einem Rückfall hinter bereits etabliert geglaubte gesellschaftliche und politische Standards. Vieles, was in der Öffentlichkeit vor einigen Jahren noch unsagbar gewesen wäre, hat sich vom Stammtisch gelöst und nimmt Kurs auf die gesellschaftliche Mitte. Globalisierungsgegner, Protektionisten, Nationalisten und Extremisten sind, so scheint es, überall in Europa und darüber hinaus auf dem Vormarsch. Wohin führt diese Entwicklung und, mindestens ebenso wichtig, woher kommt sie? Die große Regression versucht sich an Antworten.

There is no such thing as society. – Margaret Thatcher

Die Große Regression erscheint zeitgleich in dreizehn Sprachen. Der Essayband vereint Texte von intellektuellen Größen wie dem Anfang des Jahres verstorbenen Soziologen Zygmunt Bauman, Eva Illouz, Slavoj Žižek oder Ivan Krastev. Er ist als grenzübergreifendes, zeitdiagnostisches Projekt angelegt und greift als solches auch über die Grenzen Europas hinaus. Der Blick geht nicht nur in Richtung Trumps Amerika, sondern auch nach Israel und Indien. Die weitreichende Verbreitung von Nationalismus, Demokratiefeindlichkeit und Protektionismus legt nahe, dass es neben jeweils individuellen und lokalen Ursachen eine Begründung geben muss, die globalerer Natur ist. Dieser Begründung spüren die verschiedenen Essays nach. Wir ernten, so die einhellige Ansicht, dieser Tage die Früchte neoliberaler Politik und Marktvergötterung. Die Aushöhlung der Sozialsysteme, die Privatisierung öffentlicher Institutionen, die Globalisierung unter den alleinigen Vorzeichen von Wettbewerbsfähigkeit und Flexibilität auf dem Weltmarkt haben die Gesellschaft tief gespalten. Über die letzten Jahrzehnte hat in der öffentlichen Wahrnehmung eine gefährliche Verschmelzung von neoliberalen Wirtschaftseliten und sozialliberalen Globalisierungsfreunden stattgefunden, die beide einander angenähert und eine politische Lücke hinterlassen hat. Die Globalisierung steht für viele, die nicht von ihr profitieren, fortan stellvertretend für politischen Souveränitätsverlust, Sozialabbau und mangelnde Repräsentation der Globalisierungsverlierer. Jeder ist ab jetzt seines Glückes Schmied und wer das Glück nicht findet, der ist sehr wahrscheinlich a) unflexibel, b) Leistungsverweigerer, c) einfach nicht willens. Nie zuvor standen den Menschen vermeintlich so viele Optionen der Lebensgestaltung und narzisstischen Selbstverwirklichung zur Verfügung. Voraussetzung ist nur, sich stromlinienförmig den Gegebenheiten anzupassen. Der optimistisch versprochene Wohlstand für alle hat sich als glatte Lüge erwiesen und so mancher in Die große Regression mutmaßt gar, dass die global vernetzten Finanz- und Wirschaftseliten längst wissen, dass weder Ressourcen noch Wohlstand auf diesem Planeten ausreichen, um alle daran teilhaben zu lassen. Sie spekulieren nur darauf, dass die klimatischen, politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen nicht mehr zu ihren Lebzeiten virulent werden.

Man übersieht dabei, dass das „Volk“ tatsächlich kaltblütig verraten wurde – und zwar von denen, die den Plan, den Planeten wirklich und gemeinsam mit allen anderen zu modernisieren, einfach aufgegeben haben, weil sie vor allen und besser als alle anderen verstanden haben, dass eine solche Modernisierung gar nicht möglich ist – eben weil der Planet für ihre Träume von grenzenlosem Wachstum nicht ausreicht.

Die Wut, die viele Menschen zu lautstarkem Protest und Trotzreaktionen in der Wahlkabine treibt, ist gerechtfertigt; allerdings resultieren mehrheitlich die falschen Antworten aus dem Gefühl, betrogen worden zu sein. Die Wut verschiebt sich, befeuert von politischen Nutznießern rechtsaußen, auf Flüchtlinge, Fremde und Minderheiten, die, so wird fälschlicherweise angenommen, Privilegien genießen, die man dem einfachen Volk längst nicht mehr angedeihen lässt. Die Schwachen bekämpfen die Schwachen, der Tritt nach unten verhindert einen Zusammenschluss, der tatsächlich wirksame Veränderungen anstoßen könnte. Die Verlagerung des Kriegsschauplatzes hat dem bestehenden System lange nicht ernsthaft gefährlich werden können, doch nach Brexit und Trump wird deutlich, dass sich die Wut vieler in der Hand derer, die sie skrupellos zu nutzen verstehen, für destruktive Belange instrumentalisieren lässt. Die Antwort vieler protektionistischer Rechtsaußenparteien liegt in der Betonung nationaler Souveränität. Dabei wird gern übersehen, dass viele Probleme dieser Tage globale Ursprünge haben oder mindestens mit internationalen Gegebenheiten korrelieren. In Zeiten der Globalisierung kann es für drängende soziale, umweltpolitische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Fragen keine lokalen oder nationalen Antworten mehr geben. Sie betreffen nicht mehr länger nur einzelne Gemeinden oder Landstriche, sie sind in ein globales Netz aus Kausalitäten verwoben. Eine Rückkehr zum abgeschotteten Nationalstaat ist aus diversen Gründen unmöglich. Die große Regression zeigt anhand verschiedener Beispiele, dass mit der Globalisierung nicht nur freier Warenverkehr und eine bis dato unbekannte Freizügigkeit für wenige (gemessen an der Weltbevölkerung), sondern auch globalisierte Verflechtung und Abhängigkeit einhergeht.

In unserer vernetzten Welt ist die Migration die neue Revolution – keine Revolution der Massen wie im 20. Jahrhundert, sondern eine auf Weggehen gerichtete Revolution des 21. Jahrhunderts, deren Akteure Individuen und Familien sind, die sich nicht von den Zukunftsvisionen einer Ideologie leiten lassen, sondern von Google-Maps-Fotos des Lebens jenseits der Grenze.

Wie also den Strömungen Herr werden, die überall Despoten und Hardlinern zur Macht verhilft? Darauf gibt es freilich, auch für die Essayisten, keine einfache Antwort. In vielen Texten wird die Linke für ihre Hinwendung zur globalisierten Mittelschicht kritisiert; das entstandene Vakuum füllen nun populistische, offen fremdenfeindliche Protestparteien wie die AfD, die statt eines tragfähigen Zukunftsentwurfs die Rückbesinnung auf die Vergangenheit propagieren und leicht fassbare Schuldige ausfindig machen. Daran fehlt es überall: an einem zukunftsbejahenden Narrativ, das verschiedene politische Spektren vereint und repräsentiert. An einer politischen Idee, die dem Diktum der Alternativlosigkeit eine glaubwürdige Absage erteilt. Es gibt mehr als die Wahl zwischen Pest und Cholera, mehr als die Entscheidung zwischen alternativlosem Neoliberalismus und protektionistischem Populismus. Es gilt, nicht mehr nur das kleinere Übel zu wählen, um das größere Übel zu verhindern, auch wenn diese Strategie dieser Tage Hochkonjunktur hat. Der Historiker David van Reybrouck schlägt in einem offenen Brief an EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker gar eine komplette Umordnung des politischen Partizipationsprozesses in Europa vor. Nach dem Vorbild irischer Bürgerversammlungen solle es Multiple-Choice-Referenden und informierte, europäische Bürgervertreter geben, die als im Losverfahren ermittelte Delegierte ihrer Länder in Brüssel die politische Agenda beeinflussen. Die große Regression bietet vielfältige, internationale Denkanstöße und Analysen, die die Entwicklung der letzten fünfundzwanzig bis dreißig Jahre nachzeichnet. Wer eine Idee davon entwickeln will, welche Determinanten sich als prägend für die Reise zu Pegida, AfD, Trump, Brexit, Le Pen, Orban, Wilders erwiesen haben, dem sei diese Essaysammlung unbedingt ans Herz gelegt. Nicht als endgültige und abschließende Erklärung, sondern als Anregung zum Weiterdenken.

Dazu passend soll die Debatte auch über das Buch hinaus fortgesetzt werden. Dafür hat der Verlag eigens eine Homepage eingerichtet, auf der man sich über den Fortgang der Debatte informieren, einen Newsletter abonnieren, Leseproben sichten und die Resonanz von Presse und sozialen Medien beobachten kann. Es wird getwittert unter @tgrdebate und dem Hashtag #greatregression. Am 26.April fand die Buchpremiere mit Donatella della Porta, Wolfgang Streeck und Arjun Appaduraj in Berlin statt, die live übertragen wurde. Man kann sie sich online ansehen: Teil 1 und Teil 2.

Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit. (Hrg. von Heinrich Geiselberger). Suhrkamp Verlag. 319 Seiten. 18 €.

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