Kultur, Kurz & Knapp
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Kurz und knapp rezensiert im April

Nicht zu jedem Roman kann man sich in epischer Breite auslassen. Ein guter Grund für die überfällige Reanimation des Kurz & Knapp-Formats.

Truman Capote – Handgeschnitzte Särge

Mit Kaltblütig (1966) begründete Capote das Genre des Tatsachenromans. An diesen furiosen Erfolg konnte er nicht mehr anknüpfen, viel mehr kann man hier einen veritablen Karriereknick verorten. Handcarved Coffins, das Kein & Aber als eigenständiges Büchlein herausgebracht hat, erschien erstmals 1980 in der Textsammlung Music for Chameleons. Auch hier ist Capote auf der Spur skurriler Morde, die sich jedes Mal durch die Zusendung handgeschnitzter Miniatursärge mit einer Fotografie des Opfers ankündigen. Im Gegensatz zu Kaltblütig ist die Provenienz dieses Kriminalfalls unklar; ob er tatsächlich auf Tatsachen beruht, konnte nie letztgültig festgestellt werden. Obwohl Capote bis zu seinem Tod darauf bestand, dass es sich um eine wahre Begebenheit handelt (dem Text vorangestellt ist die Versicherung Tatsachenbericht eines amerikanischen Verbrechens) spricht vieles dafür, dass es sich um ein Potpourri aus verschiedenen Kriminalfällen handelt – mehr dazu hier. Auch stilistisch wählt Capote einen neuen Ansatz, indem er die Geschichte als Drama gestaltet und sie ausschließlich in Dialogform schreibt. Er steht selbst als Akteur auf der Bühne, ist unmittelbar am Geschehen beteiligt und mithin so nah dran wie er als Erzähler niemals sein könnte. Capote ist gut in Form, ein spannendes Kleinod mit dem gewissen Etwas!

Truman Capote: Handgeschnitzte Särge, aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay, Kein & Aber, 160 S., 9,90 €

Stefan Beuse – Das Buch der Wunder

Es ist Blogger’s Darling, das etwas verrätselte Coming-Of-Age-Abenteuermärchen in blau. Im Mittelpunkt stehen die Geschwister Tom und Penny; er wissbegierig und geradezu übereifrig rational, sie verträumt und fantasievoll. Vieles läuft schief in der Familie und die Geschwister suchen ihren Weg, mit den Gegebenheiten umzugehen. Sie versuchen sich an einem neuen Blick, der die Welt in anderem Licht erscheinen lässt. Wie wir die Welt sehen, ist nicht nur Sache der Welt; klingt nach einer Binsenweisheit, ist aber keine. Stefan Beuse verschachtelt verschiedene Ebenen ineinander. Als Penny durch einen tragischen Vorfall ums Leben kommt, hinterlässt sie ein „Buch der Wunder“; offensichtlich das, was wir in den Händen halten und auch nicht. Tom macht sich auf die Suche nach ihr, im Dickicht des Dschungels, schließlich war Penny vernarrt in Kiplings Dschungelbuch. Aber er kann sich der Wahrheit nicht stellen, er verdrängt seine Ängste und die nehmen immer größeren Einfluss auf seine Umwelt. Nicht immer ist klar, auf welcher Ebene wir uns befinden, was Traum ist, was Wirklichkeit, was Sinnbild und was Spielerei. Aber am Ende steht eine klare Botschaft: deine Ängste und Dämonen können dich nur beherrschen, wenn du vor ihnen fliehst.

Stefan Beuse: Das Buch der Wunder. mairisch Verlag, 224 S., 18 €

Christine Wunnicke – Katie

In den 1870ern sind spiritistische Sitzungen in London der heiße Scheiß. Medien und Geistererscheinungen sprießen aus dem Boden wie Pilze und auch das Interesse der Wissenschaft ist geweckt. Scharlatanerie, Betrug oder doch etwas Ernstes? Florence Cook und die sich aus ihr materialisierende Geistererscheinung namens Katie (Tochter des Geistes John King, der seinerseits für sich in Anspruch nahm, der Geist des Piraten Henry Morgan zu sein, es ist kompliziert) erlangen in der Szene einige Berühmtheit. So wird auch der Physiker und Chemiker William Crookes auf das Mädchen aufmerksam. Er wird einiges zuwege bringen, u.a. das Thallium entdecken. Was er nicht entdeckt, ist der Schwindel, dem er aufsitzt. Er bestätigt die Echtheit von Florences Fähigkeiten. Christine Wunnicke hat ein Händchen für skurrile, übernatürlich Geschichten historischen Ursprungs, zuletzt war sie mit den japanischen Fuchsgeistern befasst. Katie ist zurückgenommen, etwas schwerfällig, aber es beschwört en detail die Atmosphäre herauf, in der auch den Akademikern alles möglich schien, selbst die Existenz von Geistererscheinungen. (dazu übrigens auch schön: Roger Clarke – Naturgeschichte der Gespenster, erschienen bei Matthes & Seitz)

Christine Wunnicke: Katie. Berenberg Verlag. 176 S. 22,00 €.

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  1. Ein gutes Format. Manchmal hat man ja einfach nicht mehr Wörter für ein Buch… Über „Das Buch der Wunder“ könnte ich mich allerdings definitiv länger auslassen, ich fand es phantastisch im doppelten Sinne.

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