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Tijan Sila – Tierchen unlimited

Ein Krieg lagert sich ab, in den Schichten der Persönlichkeit, in den Knochen, in einem Leben. Das muss auch der Junge in Tijan Silas Debüt Tierchen Unlimited feststellen, nachdem er Anfang der Neunzigerjahre mit seinen Eltern aus Bosnien nach Deutschland flieht. Der Krieg ist ein permanenter Alarmzustand selbst in der Stille und selbst im Frieden. Man kann ihn nicht abschütteln.

Bereits im ehemaligen Jugoslawien wächst der namenlose Erzähler mit einem Männlichkeitsideal von Härte, Kampf und Rivalität auf. Es geht um Treue, Respekt und Loyalität. Der Krieg ist das Hintergrundrauschen, mit dem man sich zu arrangieren lernt. In den Feuerpausen erledigt man Wege, wenn man auf offener Straße vom Gefecht überrascht wird, gilt es zu improvisieren. Die Kinder vertreiben sich die Zeit mit dem Tausch von Comics, Computerspielen oder der Verbrennung von Müll. Seit Jahren türmt er sich meterhoch, weil niemand ihn mehr abholt. Der brennende, stinkende Müll zieht Tiere an. Hunde, die nach Essensresten wühlen. Eichhörnchen, die Material für den Nestbau suchen und sich an den Kadavern anderer Tiere gütlich tun. Tierchen, lässt Sila, der selbst 1994 aus Bosnien nach Deutschland kam, seinen Erzähler festhalten, haben keine Vorstellung vom Tod. In ihren Schädeln schwappt eine Mischung aus Jetzt und Ewigkeit hin und her. Tierchen handeln auch angesichts des Elends, wenn man so will, aus Notwendigkeit und Pragmatismus. Der Krieg macht aus vielen Tierchen, Tierchen unlimited, überall.

Ich begriff erst irgendwann nach dem Ende des Kriegs, dass meine Eltern drei Jahre lang gehungert hatten, damit ich auf ordentliche Portionsgrößen kam. Die Gürtel meines Vaters konnten irgendwann nicht mehr enger geschnallt werden, also gürtelte er die Hosen mit Stricken oder mit Expanderseilen, deren Enden er verhakte.

Tijan Silas Roman begleitet einen Jungen, dessen Kriegsvergangenheit ihm in den Knochen steckt. Er macht seinen Eltern Vorwürfe, den Krieg nicht ausgesessen und sich Illusionen über die Bundesrepublik hingegeben zu haben. Die Flucht erscheint ihm nicht als notwendige Konsequenz, sondern als gewaltsamer und undurchdachter Einschnitt. In Deutschland angekommen ist er schwer depressiv, aufsässig und gerät an die falschen Leute; er steigt gemeinsam mit einer Freundin in Wohnungen ein und verkauft seine Beute, er lässt sich von einem Neonazi als Chauffeur engagieren, der ihn nur deshalb duldet, weil er ein Landsmann ist. Die deutschen Neonazis sehen das anders, wir begegnen dem Erzähler zum ersten Mal, als er windelweich geprügelt auf einem Fahrrad flüchtet. Täter ist der Bruder seiner Freundin, ein astreiner Neonazi wie es überhaupt viele im Roman gibt. Deutschland zeigt ihm vor allem sein abweisendes, hässliches Gesicht. Er lernt Frauen kennen, zu denen er sich mehr oder weniger hingezogen fühlt und gerät in das Umfeld organisierter Rechtsextremisten und des Verfassungsschutzes. Auch dort, wo er Ruhe finden soll, findet er Gewalt und die Gewalt findet ihn. Selbst seine Freunde in Deutschland begegnen Problemen mit Gewalt. Sie rächen ihn, indem sie Prügel verteilen. „Überlass mir die Rache. Ich kümmere mich um den Nazi.“

Gewalt als Reaktionsmuster, Überlebensstrategie und Lebensrealität treibt den Roman voran.

Es schien mir, als sei deutsche Gewaltbereitschaft mit der einzigartigen Phrase „sich durchsetzen“ zusammenzufassen. „Sich durchsetzen“ ist eine deutsche Vorstellung vom Handeln, die in keiner anderen Sprache eine elegante Übersetzung findet. „Sich durchsetzen“ heißt Widrigkeiten mit einem unbestimmten Volumen an Gewalt zu überwinden. Diese Unbestimmtheit war für mich kennzeichnend für Deutschland (…)

Der Roman will einerseits in Rückblenden den Krieg und die Bedeutung seiner Allgegenwart begreiflich machen, locker und flapsig erzählt im Kontrast zum Dargestellten. Mit einer Jugendsprache, die in ihrer Coolness ihre Verletzlichkeit offenbart. Andererseits will er das Ankommen schildern, die Nachwehen und die Feindlichkeit einer Gesellschaft, die durchzogen ist von Fremdenhass und Gewalt, auch wenn keine Schüsse fallen. Immer wieder springt er zwischen beiden Schauplätzen, Sarajevo und Deutschland. Silans Schilderungen aus Bosnien sind scharf und präzise, gerade durch ihre vermeintliche Beiläufigkeit entwickeln sie Kraft. Gerade dass sie so selbstverständlich sind, dass der Horror sich in den kleinen Dingen zeigt, in den Zugeständnissen an ein friedliches und sicheres Leben, macht den Krieg auf eine Art begreiflich wie es grausame Details remarquescher Prägung nicht könnten. Im unmittelbaren Vergleich zu den Passagen, die in Deutschland spielen, wirken sie lebendiger und besser gearbeitet. Deutschland ist Orientierungslosigkeit, auch im Text, der zunehmend ausfranst und zerfasert. Ohnmacht und Kapitulation vor dem haltlosen Schwanken zwischen den Extremen bestimmen das Spiel. Für den Erzähler zieht etwas Anderes die Fäden seines Lebens. Etwas Grundsätzlicheres.

Im Krieg wie im Frieden stahl ich. Im Krieg wie im Frieden suchte ich eine bestimmte Art von Erregung. Krieg und Frieden waren nur die Epidermis eines Lebens, das von Regungen bestimmt wurde, für die ich nichts konnte. Galt das für alle Menschen? Wahrscheinlich.

Silas Debüt hat einen tragikomischen Witz, wenn die Bosnier als die besten Emigranten der Welt gelten, weil sie „gleichzeitig irreparabel unglücklich und extrem gut gelaunt“ sein können und die sozialistische Parteilinie der Kindheit nicht mehr ist als „Partisanenkult-Vokabular“. Wahre Worte, gelassen ausgesprochen, liegen auch in der Feststellung: „Popkultur besitzt keine Heilkräfte.“ Was aber heilt dann? Gibt es Heilung? Oder bloß ein Schwappen zwischen Jetzt und Ewigkeit?

Tijan Sila: Tierchen unlimited. Kiepenheuer und Witsch. 224 Seiten. 18,00 €.

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