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„Frauenromane“ oder: eine Konstruktion

Heute ist #Weltfrauentag. Der Tag, an dem landauf, landab die Frauenschaft gelobt wird. An dem Versprechungen gemacht werden, Frauen „auf Händen zu tragen“ und sie „zu verwöhnen“, ihnen also kurzfristig eine besondere Behandlung zukommen zu lassen, um die sie nicht gebeten haben. Hauptsächlich, um den Rest der Zeit wieder Ruhe zu haben vor unangenehmeren Forderungen, die politische Konsequenzen und vertiefende Debatten bedeuten könnten. Ein Thema kommt im Dunstkreis dieses Tages immer wieder auf: sind Bücher von Frauen in den privaten Bücherregalen der Republik unterrepräsentiert? Und wenn ja, warum?

Eigentlich, sagt man sich, ist es ja egal, ob Bücher von Männern oder Frauen geschrieben werden; Hauptsache, sie sind mitreißend, klug und lesenswert. Im Mittelpunkt steht immer die Geschichte, nicht das Geschlecht des Autors oder der Autorin. Das ist ein legitimer Standpunkt, dem ich nicht widersprechen würde. Als ich heute Morgen jedoch mein Bücherregal nach Autorinnen durchsucht habe, die ich anlässlich des Weltfrauentags empfehlen könnte, stellte ich wieder ein deutliches Übergewicht hin zur männlichen Autorenschaft fest. Nicht, dass ich das bewusst so ausgewählt hätte, über die Jahre hat es sich so ergeben. Und ich erlebe immer wieder, dass es bei anderen ähnlich ist. Und nicht nur in heimischen Bücherregalen ist das zu beobachten, auch bei Literaturpreisen, Longlists, Shortlists und ähnlichen öffentlichen Hervorhebungen empfehlenswerter Literatur herrscht oft ein Männer-Übergewicht. Woran liegt das? Spoiler: höchstwahrscheinlich nicht daran, dass Frauen schlechter schrieben. Möglicherweise aber daran, dass die Literatur von Frauen mit anderen Attributen belegt wird. Man denke bloß an den klassischen „Frauenroman“, der in der Regel schnulzig, gefühlig, unterkomplex und so gehaltvoll ist wie eine Packung Chips. Was für’s Herz eben und nichts für’s Hirn. In einer Onlinediskussion über die Geschlechterverteilung im Bücherregal wurde als Grund für das verhältnismäßige Desinteresse gegenüber Büchern von Autorinnen angegeben, dass sie überwiegend Bücher schrieben, die nicht so interessant seien. Da hieß es dann: „Ich arbeite in einem Buchshop und die meisten Bücher von Frauen sind eben größtenteils Liebesromane oder lustige Romane. Die mag ich nicht. Sicher gibt es Ausnahmen, aber nur wenige„.

Diese Wahrnehmung dürfte eher die Regel als die Ausnahme darstellen – und da liegt bereits der Hase im Pfeffer. Es gibt eine vorgefertigte und vielfach verinnerlichte Erwartung, die an „Frauenromane“ oder „Literatur von Frauen“ – die Unterschiede scheinen hier zu verschwimmen – herangetragen wird. Das lässt sich auch in unterschiedlichen Maßstäben erkennen, die inhaltlich angelegt werden. Schreiben Männer über sich selbst und ihre Erfahrungen, wird das überwiegend als positiv, wahrhaftig und beispielhaft für das Menschsein ganz generell gesehen. Schreibt eine Frau über sich selbst, ist sie ich-bezogen, schwatzhaft, schlimmstenfalls „frech“ oder „unbequem“, wenn es sich um Themen handelt, die ungern in der Öffentlichkeit verhandelt werden. Was macht nun aber das Bild von weiblicher Literatur mit unserer Wahrnehmung? Sehr wahrscheinlich verändert es, ohne dass wir uns bewusst dafür entschieden, was überhaupt auf unseren Radar gelangt und was nicht. Nicht selten tragen auch stereotype Coverentscheidungen (Blumen, Sonnenuntergänge, Silhouetten!) von Verlagen dazu bei, einen Roman in unnötiger Ausprägung als „kitschig“ zu labeln, der vielleicht von Liebe handelt. Männer schreiben schließlich niemals über Liebe. Und wenn sie es tun, ist es ganz sicher niemals kitschig! Niemals!

Fraglos gibt es Frauen, die kitschige Bücher schreiben. Das steht aber sehr wahrscheinlich nicht in genuinem Zusammenhang mit ihren Frausein. Sie schreiben eben einfach kitschige Bücher wie auch Männer kitschige oder klischeeüberladene Bücher (#insertgreetingstonicholassparkshere) schreiben. Nicht zuletzt wäre auch in die Betrachtung einzubeziehen, inwiefern Erwartungen von außen formen, wie und was geschrieben wird. Mit welcher Art von Literatur wird eine junge, hübsche Frau mutmaßlich erfolgreich sein und mit welcher nicht? Es wäre zu einfach, diese Frage darauf abzuwälzen, „wie Frauen nunmal sind und schreiben“. Quatsch ist natürlich, nun aufgestachelt Bücher zu kaufen, bloß, weil sie von Frauen geschrieben wurden. Mindestens genauso absurd, wie eine Frau einzustellen, weil sie eine Frau ist; nicht, weil sie kompetent und fähig ist, diese Stelle auszufüllen. Was aber möglich ist und sicher niemandem Zacken aus den Krönchen bricht: bewusster auf Bücher von Frauen zu achten! Die Brille der „Frauenliteratur“ abzunehmen, die sämtliche Bücher von Autorinnen mit der Patina des Flatterhaften und Leichtfüßigen überzieht. Sich und seine eigene Wahrnehmung kritisch zu hinterfragen. Neue Perspektiven und hervorragende Literatur entdecken. Es ist, auch im Literarischen, ziemlich selbstverständlich, sich auf Geschichten und Perspektiven von Männern einzulassen; auf Geschichten und Perspektiven von Frauen hingegen lassen sich oft auch bloß Frauen ein. Was mutmaßlich zu dem unseligen Diktum des Romans „von Frauen für Frauen“ führt. Ich habe mich selbst oft genug im Buchhandel ertappt, beim Verkauf von Kinderbüchern darauf hinzuweisen, dass der Protagonist oder die Protagonistin aber männlich/weiblich sei; im jeweiligen Gegensatz zum lesenden Kind. Oft hieß es dann: „Das ist ganz egal.“ Diese Selbstverständlichkeit der Annäherung und Auseinandersetzung nimmt mit fortschreitendem Alter ab. Lange Rede, kurzer Sinn: der bloß mit Spitzentaschentüchern angefasste „Frauenroman“ (der unterbewusst oft gleichgesetzt wird mit „Literatur von Frauen“) ist, so scheint es, oft ein wahrnehmungsverengendes Konstrukt, das wir hin und wieder kritisch hinterfragen können. Was finde ich abseits dessen, was ich ohnehin erwarte und deshalb auch hervorgehoben wahrnehme? Ich möchte das zukünftig mehr versuchen. Bis dahin kann man die Werke folgender großartiger Frauen lesen:

Marjane Satrapi, Zeina Abirached, Susan Sontag, Carolin Emcke, Valeria Luiselli, Nino Haratischwili, Katharina Winkler, Kristine Bilkau, Shida Bazyar, Margarete Stokowski, Mithu Sanyal, Laurie Penny, Karen Köhler, Marion Brasch, Sylvia Plath, Virginia Woolf, Mercedes Lauenstein, Zora del Buono, Judith Schalansky, Jane Gardam, Alina Bronsky, Valerie Fritsch, Doris Knecht, Kirsten Fuchs, Annika Reich, Inger-Maria Mahlke, Julia Wolf, Ayelet Gundar-Goshen, Elif Shafak, Stephanie Bart, Zoë Beck, Isabel Bogdan, Zadie Smith, Chimamanda Ngozie Adichie, Teresa Präauer … etc.pp.

Foto: Stocksnap.io

20 Kommentare

  1. Um die Liste lesenswerter Schriftstellerinnen um einige Namen zu ergänzen: Siri Hustvedt, Pamela Moore, Toni Morrison, Elena Ferrante, Carson McCullers, Donna Tartt, Juli Zeh, Irmgard Keun, Vea Kaiser, Jane Austen, Margrit de Moor, Charlotte und Emily Brontë. Liebe Grüße, Gérard

    • literaturen
      literaturen sagt

      Gern, immer her damit! Mir wären auch noch mehr eingefallen, aber dann hätte ich morgen noch geschrieben. 😉

  2. Pingback: [Literaturen] „Frauenromane“ oder: eine Konstruktion – #Bücher

  3. Auch von mir noch eine Ergänzung:
    Drei Schriftstellerinnen aus einer Zeit, in der schreibende Frauen nicht selbstverständlich waren. Mary Shelley, Annette von Droste Hülshoff und Rahel von Varnhagen (es gibt sicherlich noch mehr … )
    Und einige der wenigen Frauen, die einen Literaturnobelpreis bekamen: Selma Lagerlöff, Pearl S. Buck, Nelly Sachs, Nadine Gordimer, Elfriede Jelinek, Herta Müller, Alice Munro und Swetlana Alexijewitsch …
    lg_jochen

  4. Pearl S. Buck war eine einmalige Autorin.
    Und um die Liste noch ein wenig zu verlängern: Sun-mi Hwang, Helene Hanff, Brigitte Riebe, Tanja Kinkel… Wenn ich mir die Leseliste so ansehe, sind viele Autorinnen darunter und keinerlei ‚typische‘ Frauenliteratur.

    Wobei ich mich inzwischen bei männlichen Autorennamen manchmal auch nicht mehr so sicher bin, ob sich nicht doch öfter mal eine Autorin hinter einem Pseudonym versteckt, weil sich der Verlag so bessere Verkaufszahlen verspricht.

  5. Ich habe mir kürzlich auch Gedanken darüber gemacht, warum Frauen in der anspruchsvollen Literaturwelt so unterrepräsentiert sind. Fragen kamen auf wie: Ist es vielleicht nur mein persönlicher Eindruck? Lassen sich männliche Autoren einfach besser vermarkten? Werden männliche Autoren vielleicht ernster genommen (vielleicht schon seit der Einsendung des Manuskripts?) Gibt es vielleicht weniger Frauen, die anspruchsvolle Texte schreiben und wenn ja, was könnten die Gründe dafür sein?

    Meine Vermutung ist folgende: Es gibt immer mal weibliche Autorinnen, die mit anspruchsvollen Werken herausstechen (aktuell z.B. Hanya Yanagihara oder Fatma Aydemir), jedoch glaube ich, dass es auf dem Markt wirklich mehr anspruchsvolle Literatur von Männern gibt. Ich glaube, dass es nicht einfach nur eine Sache der Wahrnehmung ist. Die Gründe mögen komplexer sein. Jedoch frage ich mich, warum in der Kinder- und Jugendliteratur hauptsächlich weibliche Autorinnen vertreten sind. Es ist also scheinbar nicht so, dass Frauen generell weniger schreiben, als Männer, zumindest nicht in westlichen Hemisphären. Eher verschiebt sich der Frauenanteil in andere Sparten wie eben in die der Kinder- und Jugendliteratur, aber auch in die der seichteren Unterhaltung. Haben Frauen also weniger Interesse daran, anspruchsvolle Erwachsenenliteratur zu schreiben? Weshalb ist das so? Kann man vielleicht, verallgemeinernd gesprochen, sagen, dass Frauen ein anderes Ziel mit dem Schreiben verfolgen? Finanzielle Abhängigkeit zum Beispiel, wohingegen mehr Männer (als Frauen) schreiben, um sich auszudrücken? Denn finanzielle Abhängigkeit ist auch heutzutage noch ein Thema für Frauen, vor allem, da es mehr alleinerziehende Frauen als Männer gibt und Frauen (in gewöhnlichen Berufen) noch immer weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen.

    Das sind jedoch nur alles Überlegungen und ich will mich darauf nicht festnageln lassen. Vielleicht sind die Gründe trivial, vielleicht aber auch komplexer und soziologisch zu begründen.

    Liebe Grüße

    http://lesenundgrossetaten.blogspot.de/

    • literaturen
      literaturen sagt

      Vielen Dank für deine Überlegungen!
      Ich denke, es ist eine Mischung sicherlich aus soziologischen, aber auch strukturellen Faktoren. Ob es aber wirklich mehr anspruchsvolle Literatur von Männern gibt, wage ich noch zu bezweifeln; freilich ohne das mit Zahlen belegen zu können. Auch Kinder- und Jugendliteratur kann darüber hinaus ja anspruchsvoll sein, es behagt mir nicht ganz, das ganze Genre als minderwertige, anspruchslose Literatur abzuurteilen. Ich glaube auch nicht, dass Frauen grundsätzlich weniger Interesse haben, anspruchsvolle Literatur zu schreiben, wieso auch? Ich finde, dass es letztlich zu einfach gedacht ist, zu sagen: Ich sehe nicht viele anspruchsvolle Autorinnen, also gibt es keine. Das entbindet einen auch von der Verantwortung, die eigene Wahrnehmung zu schärfen. Ich habe ja einige Autorinnen aufgezählt, in den Kommentaren gab es noch weitere Ergänzungen und das ist, sicherlich, insgesamt nur ein Bruchteil der Frauen, die „anspruchsvolle“ Literatur machen – wobei man sich da natürlich noch darauf einigen müsste, was man konkret unter anspruchsvoll versteht. Mutmaßlich gibt es außerdem strukturelle Bedingungen, die es Frauen potentiell erschweren, mit ihren Büchern so erfolgreich zu sein wie männliche Kollegen. Aber dazu müsste sich jemand äußern, der damit direkt Erfahrungen gemacht hat.

      Herzlich,
      Sophie

      • Vielleicht ist für einige der Begriff „anspruchsvoll“ gleichbedeutend mit gut, weshalb einigen diese Einteilung so schwer oder sogar missfällt. Ein anspruchsvoller Roman muss nicht unbedingt gut sein. Ein guter Roman nicht anspruchsvoll. Und was ist ein anspruchsvoller Roman? Meiner Meinung nach benötigt ein anspruchsvoller Roman vor allem geistige Anstrengung beim Lesen, was komplexe Aussagen, Sprache, Themen, Erzählweisen, Gedankengänge und Handlung angeht. Hohe Komplexität heißt ja nicht hohe Qualität. Und darunter würde meiner Meinung nach eher selten Jugendliteratur fallen, da sie eben für Jugendliche geschrieben wurde und sich an den geistigen Entwicklungsstand dieser richtet. Was nicht heißt, dass Jugendromane trivial oder einfach zu schreiben sind. (Vorsicht bei Umkehrschlüssen!) Somit ist „anspruchsvoll“ wohl auch eher keine Wertung, sondern eher ein Attribut, was man mehr oder weniger objektiv in einem Werk erkennen kann.

        Ich kenne den Buchmarkt zwar nicht auswendig, kann mir aber ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass anspruchsvolle Literatur von Frauen schlichtweg versteckt gehalten wird. Regelmäßig stöbere ich in Amazon, durch die hintersten Ecken. Den traditionellen Buchhandel meide ich schon, weil ich da ohnehin nicht das finde, was ich suche und stattdessen Tische aufgebaut sehe, auf dem sich Bücher türmen mit der Überschrift „freche Frauen“. Frauen, die „frech“ sind, weil sie ihren heißen Chef (der Anwalt ist) um den Finger wickeln, weil sie ihren Nachbarn verführen oder im Urlaub ihren exotischen Traumprinzen spontan heiraten. Natürlich schreiben auch Männer Kitsch, Triviales oder Unterhaltung.

        Ich denke schon, dass anspruchsvolle Literatur von Frauen unterrepräsentiert ist. Die Frage ist dann eben das „Warum?“ Dass Frauen unter erschwerten Bedingungen veröffentlichen, kann ich mir sehr gut vorstellen, wobei ich Frauen da auch nicht so voreingenommen in eine Opferrolle stecken und „Chauvinismus!“ schreien mag.

        Natürlich kommen wir mit der Liste der weiblichen Autorinnen schon weiter, jedoch glaube ich, dass eine „männliche“ Liste um einiges Länger würde.
        Soeben habe ich mir mal die Autorenliste des Diogenes-Verlag angeschaut. Dort sind hauptsächlich männliche Autoren vertreten.

        Liebe Grüße

  6. Hallo Sophie,

    ich muss gestehen, dass ich mir um dieses Thema in den letzten Jahren wenig Gedanken gemacht habe und mein Bücherregal sicher auch mehr männliche Autoren beinhaltet, aber in den letzten Wochen habe ich wirklich einige sehr gute Bücher von Frauen gelesen (Haratischwilli, Shida Bazyar und Patricia Melo, um mal ein paar zu nennen), die unter Garantie im Gedächtnis haften bleiben. Diese haben mir gefallen, da sie ausgewogener geschrieben waren, gefühlvoller und trotzdem nicht kitschig – irgendwie realer als bei männlichen Autoren. Für mich persönlich werde ich meine Buchauswahl weiterhin davon abhängig machen, ob mir der Inhalt zusagt, aber dieses Klischee Frauen schreiben für Frauen ist längst überholt.

    Liebe Grüße und Danke für diesen wunderbaren Text.
    Marc

  7. Liebe Sophie,
    vielleicht liegt es einfach auch mal wieder daran, wie wir das wahrnehmen. Männer haben im Allgemeinen – durch Sozialisierung und Gesellschaft – einen größeren Drang, sich in den Mittelpunkt zu begeben und schreiben vielleicht deshalb mehr bzw. trauen sich mit dem Gechriebenen eher an die Öffentlichkeit. Das kann ich aber nicht empirisch belegen, sondern ist eher ein Gefühl. Aber wie Du oben ja schon siehst, es gibt so viele tolle schreibende Frauen … ich zum Beispiel liebe Toni Morrison, Marilyn French, Anne Tyler, Patricia Duncker, Connie Palmen, Isabel Allende, Jeanette Walls, Katja Langen-Müller habe ich erst entdeckt, dann gibt es noch so Wiederentdeckungen wie Rona Jaffe, Jetta Carleton, Dorothy Baker … vielleicht müssen wir einfach nur den Fokus darauf legen.
    Danke für den schönen Beitrag.
    LG, Bri

    • literaturen
      literaturen sagt

      Liebe Bri,

      ja, Wahrnehmung ist ganz sicher ein entscheidender Punkt! Aber Wahrnehmung kann man ja glücklicherweise schärfen. Vielen Dank für deinen Kommentar.

      LG

  8. Inger-Maria Mahlke sagt

    Liebe Literaturen,
    interessant ist der Punkt, wie wird aus einem Roman ein Frauenroman? Meiner Erfahrung nach gilt folgende Faustregel: 1a. Autor ist weiblich Oder 1.b. Hauptfigur ist weiblich UND 2. ist: Not instantly fuckable = nicht vordergründig sexuell attraktiv = Frauenroman = wird bereits im Verlag „auf Frauen hin gebrandet“ = oft männliches Marketingteam bringt irgendwo auf dem Cover rosa oder rot unter (was natürlich Unsinn ist, Frauen kaufen Bücher nicht weil sie rosa auf dem Cover haben etc.) Das Buch mit rosa auf dem Cover wird dann von den Medien als Frauenbuch rezepiert = das Feuilleton schreibt seltener drüber und wenn wird die Rezension in der Regel von einer weiblicher Rezensentin verfasst. Weniger Buchverkäufe, weniger Sinn für einen Verlag anspruchsvolle Literatur von Autorinen zu publizieren und das geschieht dann auch weniger.
    Und jetzt mal andersrunm: 1a. Autor ist männlich ODER 1.b. Hauptfigur ist männlich UND 2. ist: Not instantly fuckable = nicht vordergründig sexuell attraktiv = ganz normales Buch. Kein Gendermarketing, potenzielle Leserschaft= die gesamte Menschheit. Männer und Frauen. Rezeption in den Medien: normales Buch.
    Das ist meiner Meinung nach das Problem.
    Liebe Grüße, Inger-Maria Mahlke

  9. Snoopy sagt

    Vielen Dank für den sehr bedenkenswerten Beitrag!
    Ich möchte gerne einen etwas anderen Aspekt beleuchten, der mich seit langem beschäftigt. Gut, betrifft auch ein etwas anderes Genre als die der oben beschriebenen Autorinnen …
    Eine gute Bekannte ist eine sehr bekannte Autorin von Liebesromanen. Zielgruppe: Frauen.
    Sie sind – nun ja – nicht besonders anspruchsvoll und immer im gleichen „Strickmuster“ geschrieben. Die Autorin und ihre Kolleginnen haben unfassbar hohe Auflagen.
    Vor ein paar Jahren las ich die Manuskripte meiner Bekannten als Testleser. Wir hatten uns dabei fast verstrittten. Warum? Ich war gelinde gesagt schockiert über das Rollenverständnis Mann/Frau der Protagonisten:
    Sie: ängstlich, schüchtern, von Selbstzweifeln angenagt, abwartend, immer etwas tapsig und schusslig.
    Er: Macho, Muskeln, sportlich, offensiv, breitbeinig sitzend, Initiative ergreifend, erobernd …
    Ich konnte einfach nicht glauben, dass eine wirklich (!) emanzipierte Frau das schreibt – und Millionen Leserinnen DIES offenbar genau SO lesen wollen. Auf die Rollenklischees angesprochen war die Antwort – so in etwa: „Einen Teufel werd´ ich tun und die Protas ändern. Dann verkaufe ich auch nichts mehr.“ Ich war dann auch etwas sprachlos – und lese seitdem nicht mehr „Test“. Wir sind aber dennoch Freunde – muss aber immer mal wieder sticheln. Ich kann es nicht lassen.

    PS1: @Rabin: Es gibt in diesem Genre auch Männer, die erfogreich mit weiblichem Pseudonym schreiben
    PS: Beim Lesen vorhin lief immer der Film mit „… achtest Du beim Buchkauf auf das Geschlecht des Autors …“ Das spielt für mich definitiv überhaupt keine Rolle! Genau wie bei der Auswahl von Musik. Ich mag Musik melancholischer – aber auch „lauter“ Frauen … aber das ist ja hier nicht das Thema 🙂

  10. Ich bin nicht ganz sicher ob das stimmt.
    Denn mir fallen sofort viele, viele schreibende Frauen ein.
    Na klar, ich schreibe ja schon über vierzig Jahre und habe das auch in einer Zeit begonnen, als der erste Wiener Frauenverlag, den es leider nicht mehr gibt und dessen Nachfolgerinnen inzwischen auch Männer verlegt, gegründet wurde und ich wurde auch im „Arbeitskreis schreibender Frauen“ sozilisiert.
    So gesehen käme ich wahrscheinlich nicht auf die Idee zu denken, Frauen sind die, die kitschiger schreiben, die mit den Frauenromanen, etcetera, obwohl es das alles gibt und die Frauen wahrscheinlich auch dafür bekannt sind, daß sie gefühlvoller, emotionaler etcetera sind.
    Aber so gesehen, müßten ja erst recht die Frauen, die Bücher schreiben, während, die Männer ,um wieder bei den Klischees zu verbleiben, mit der Waffe in den Krieg ziehen und da braucht es keine Bücher und die diesbezüglich geschrieben wurden, sind wahrscheinlich solche für die man sich genieren muß!
    Aber ich weiß schon, auf der Nobelpreisliste sind die Frauen in der Minderzahl, obwohl mir sofort als ersters Elfriede Jelinek und Herta Müller eingefallen sind und bei den österreichischen Autorinnen kommen außer der Frau Jelinek, auch noch die Friederike Mayröcker, die Marlene Streeruwitz, die Ilse Aichinger die vor kurzem gestorben ist und und und hinzu…
    Und natürlich gibt es auch Autorinnen, wie Vicki Baum und Hedwig Courths Mahler, die ich beide für sehr sehr interessant halte.
    Bei der Courths Mahler muß man vielleicht einiges überlesen, das sehr sehr konservative Frauenbild beispielsweise, aber das, was dann über bleibt, hat es in sich und ich habe glaube ich nirgendswo sonst ein so klares und vielleicht auch scharfes Bild der Zwanzigerjahre in Berlin bekommen.
    Und ich weiß auch, daß die Frauen bei den Preisen etcetera unterpreäsentiert sind, obwohl sich das vielleicht inzwischen geändert hat und es jetzt ja auch die Fräuleinwundern gibt, die vielleicht absichtlich von den Verlagen losgeschickt werden.
    Es ist also nicht so einfach und sicher eine sehr sehr gute Idee am Frauentag in den Blogs Frowenpower zu präsentieren.
    Mir würden da, als die Klassiker in Bezug der Frauenfrage Virgina Woolf und Silvia Plath einfallen und wenn ich in mein Badezimmer gehe, dann liegen da die neuen Bücher der Nadine Kegele, Andrea Stift, Eva Menasse, Julia Wolf und noch ein paar von vielleicht unbekannteren Debutanten. Auf das der Olga Grjasnowa warte ich noch, das der Sofi Oksanen lese ich demnächst aus!
    Sehr viel Frauenpower also und die wünsche ich Ihnen auch zu lesen! Werden wir uns übrigens in Leipzig sehen?

  11. Liebe Sophie,
    danke, du sprichst uns aus der Seele!
    Auch wir stellten Anfang des Jahres fest, dass sich in unseren Bücherregalen deutlich mehr Bücher von Autoren als von Autorinnen befanden. Der Überhang war so groß, dass wir uns auch fragten, woran das liegen könnte.
    Es überrascht uns, dass du gegenteilige Erfahrung im Buchladen gemacht hast: Als Buchhändlerin merke ich (Mareen), dass vor allem Eltern sehr darauf bedacht sind, dass die Hauptfiguren der Bücher mit dem Geschlecht ihrer Kinder übereinstimmen. Es kommt auch vor, dass männliche Kunden mir ganz offen sagen, dass sie mit Büchern von Frauen nichts anfangen könnten. Das führt bei mir fast zu einer Art Selbstzensur bei der Empfehlung.
    Liegt es vielleicht am Kanon der Weltliteratur, den man während Schule und Studium durchstreift? Thomas Mann, Günter Grass, Siegfried Lenz, Martin Walser und Konsorten gelten als die Klassiker der deutschen Literatur. Durch die Lektüre wird dieser „männliche“ Blick auf die Welt unbewusst zur Selbstverständlichkeit. Greift man deshalb auch bei Romanen der Gegenwartsliteratur natürlicherweise lieber zu Büchern von Männern, weil man ihnen automatisch mehr Qualität und Anspruch zuspricht? Und weil man sich weigert die „Freche Frauen“-Abteilung in großen Buchhandlungen zu betreten? Fällt es Frauen leichter, sich mit männlichen Protagonisten zu identifizieren, als Männern sich auf weiblichen Heldinnen einzulassen? Ist es wirklich wichtig, wer ein Buch schreibt? Haben Männer wirklich andere Themen als Frauen? Oder gehen Frauen einfach anders damit um? Oder sollte man auch nicht von „den Frauen“ sprechen, sondern immer nur von einem Autor/ einer Autorin?
    Das wollten wir herausfinden und starteten ein Experiment: Was passiert denn, wenn man einfach nur noch Romane von Autorinnen liest? Plötzlich entdeckt man unverhoffte Schätze, die man nie gelesen hätte, weil man noch mit dem neuen Paul Auster beschäftigt wäre. In diesem Frühjahrsprogramm sind das bisher u.a. Julia Wolf, Alina Herbing, Chloe Aridjis, Fatma Aydemir. Dazu muss aber gesagt werden, dass es sich bei den Romanen dieser Autorinnen nur um einen ganz geringen Anteil aller Neuerscheinungen und auch nur um einen Bruchteil von allem, was von Frauen veröffentlicht wird, handelt.
    Was jedoch sowohl beim letztjährigen Deutschen Buchpreis als auch jetzt bei der Liste für den Leipziger Buchpreis auffiel, ist, wie beinahe pedantisch darauf geachtet wird, dass mindestens gleich viele Werke von Autoren wie Autorinnen aufgeführt werden. Hoffentlich braucht es diese „Frauenquote“ in Zukunft einfach nicht mehr und der, die, das beste Buch gewinnt. Sowohl bei den einschlägigen Literaturpreisen, als auch beim Käufer in der Buchhandlung.

    Liebe Grüße, Mareen und Ann-Kathrin

  12. Liebe Sophie,
    danke für diesen tollen Beitrag und das Teilen deiner Gedanken dazu.

    Ich glaube, in meinem Regal ist es recht ausgewogen.
    Beim Drachenmond Verlag schreiben beispielsweise hauptsächlich Frauen (ich glaube es gibt aktuell 2 männliche Autoren dort), und davon stehen halt viele Bücher bei mir im Regal.
    Ansonsten fiel mir eben auf, dass fast alle Selfpublisher die ich lese Frauen sind.
    Als Autorin kam mir eben spontan Ruta Sepetys in den Sinn, „Salz für die See“ fand ich großartig, bedrückend und vor allem wichtig.

    Liebe Grüße,
    Nicci

  13. JA zu deinem Text!
    Ein Blick in mein Bücherregal offenbart mir zunächst dasselbe „Problem“ (ist es überhaupt eins?), dass nämlich die meisten Bücher von Männern geschrieben wurden. Zumindest die, die dafür große Aufmerksamkeit bekommen haben. Denke ich – und dann fällt mein Blick auf die ganzen Romane der letzten Jahre, die eben NICHT von Männern geschrieben wurden UND viel Aufmerksamkeit bekamen UND KEINE Liebesromane sind (diese findet man bei mir nämlich, zumindest in ihrer kitschigen Form, nicht).
    Es besteht also noch Hoffnung. Und eigentlich – eigentlich – ist es mir auch ganz egal, ob Männlein oder Weiblein an den Tasten saß…

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