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Marcellus Emants – Ein nachgelassenes Bekenntnis

„Meine Frau ist tot und längst begraben“. So beginnt Marcellus Emants‘ Psychogramm eines Mannes, der, zerfressen von Selbstzweifeln und Selbstüberschätzung gleichermaßen, seine Frau ermordet. Was ihn dazu gebracht hat? Das enthüllt in psychologischem Detailreichtum schließlich das nachgelassene Bekenntnis des Mörders selbst.

Gibt es Menschen, die von grundauf böse sind? Menschen, die nicht gesellschaftsfähig sind aufgrund ihrer eigentümlichen Art, zu denken und zu fühlen? Willem Termeer jedenfalls, Emants‘ Protagonist, setzt viel daran, die LeserInnen seines Bekenntnisses von dieser Perspektive zu überzeugen. Schon früh ist Termeer ein Außenseiter, der sich nicht an den gleichen Dingen erfreuen kann wie andere. Seine Eltern verhalten sich ihm gegenüber gleichgültig, aufrichtig empfundene Zuneigung kennt er von ihnen nicht. Was ihm hingegen sehr geläufig ist, ist ein feststehendes und in die Zukunft weisendes Selbstkonzept. Termeer weiß genau, wie er gern wäre, was er gern genießen könnte und wohin ihn das Leben treiben sollte – bloß bringt er nichts davon zustande. Statt eines Lebemanns in der Mitte der Gesellschaft bleibt er ein Sonderling, der sich seine Erfahrungen zusammenfabuliert, um vor anderen damit anzugeben. Er ist sich zu jedem Zeitpunkt darüber im Klaren, dass er an seinen eigenen Erwartungen scheitert und er leidet immer mehr unter seiner Unfähigkeit, ein Leben nach seinen Vorstellungen zu leben. Schließlich begründet er sich diese Unfähigkeit mit einer Charakterschwäche und einer grundlegenden Entartung seiner Person. Seine Freude läge in der Zerstörung, seine Schwäche in einer generellen Gefühlsarmut. Er, so ist er fest überzeugt, unterscheidet sich vollkommen von anderen Menschen. Aus diesem Gedanken entsteht nicht nur seine Verzweiflung, sondern auch seine Neigung zu Hochmut und Arroganz.

Konnte ich, der schwache Spielball von Tausenden von Zufällen in mir und um mich herum, Zufällen, die eine normale Individualität nicht einmal bemerkt, ich, der ängstlich vor der riesigen, schwarzen Maschinerie – der Gesellschaft – zurückgewichen war, ich, an und in dem alles schon bei der harmlosesten Berührung mit einer anderen menschlichen Natur zitterte, ich, der ich nur in der Lage bin, etwas zu unterlassen, aufzugeben, nicht zu wollen … konnte ich mich selbst als geeignet für diese oder jene Aufgabe erklären, um bei jemandem um Arbeit nachzufragen, Verantwortung auf meine Schultern zu laden?

Marcellus Emants lässt Termeer in aller Ausführlichkeit seine Geschichte voller Rechtfertigungen und scheinheiligen Absolutionen erzählen. Sein Aufwachsen im lieblosen Elternhaus, seine erdichteten Frauengeschichten, um andere Frauen zu beeindrucken und (erfolglos) Zugang zur Gesellschaft zu erhalten und das Zusammentreffen mit seiner späteren Frau, die glücklicherweise die Tochter eines wichtiges Mentors ist. Die Leidenschaft zwischen beiden kühlt rapide ab, so sie je mehr war als eine beidseitig verschieden gestaltete Wunschvorstellung. Termeer bleibt der eigenbrötlerische Menschenhasser, dessen Hoffnungen auf ein besseres Leben als besserer Mensch noch gelegentlich aufscheinen, doch insgesamt in seiner Wahrnehmung eher unterrepräsentiert sind. Emants 1894 erschienener Roman, den man gemeinhin dem Naturalismus zurechnet, bedient sich in raffinierter und gekonnter Weise der Innenansichten eines Gequälten, um seine Zerrüttungen und Fehlleistungen in größter Eindrücklichkeit darzustellen. Ganz nebenbei entfalten sich natürlich auch ganz elementare Fragen: wie werden wir, was wir sind? Wie sind unsere Beziehungen beschaffen und inwieweit lässt sich unsere Verantwortung für charakterliche Defizite an die Umstände abtreten, unter denen sie entstanden sind? Emants, so schreibt J.M. Coetzee in seinem Nachwort, stehe in einer Reihe mit europäischen Romanciers wie Flaubert oder Ford Madox Ford; interessiert an menschlichem Verhalten und zutiefst destruktiven Beziehungsstrukturen, insbesondere in der Ehe. Für Termeers Ehefrau Anna endet die Ehe tödlich.

Nur in zwei Fällen kann ich Personen dulden, die mir ähnlich sind, nämlich wenn sie unter mir stehen oder wenn sie sich ebenso gut kennen und folglich ebenso geringschätzen wie ich mich.

Doch das Dilemma hat schon wesentlich früher begonnen. In geschliffener und analytischer Sprache vollzieht der Betroffene seinen Niedergang nach, stilisiert sich zum Ausgestoßenen, zum lonewolf unter all den Schafen. Insbesondere das Spannungsfeld zwischen Selbsthass und Selbstüberschätzung arbeitet Emants brillant heraus, die Psychodynamik des Verbrechens ist unverkennbar. Am Ende liegt sie – im wahrsten Sinne des Wortes – wie ein offenes Buch auf dem Tisch. Wer sich schon immer gefragt hat, wie sich ein verschwindend geringes Selbstwertgefühl mit dem Angriff auf andere kompensieren lässt, findet in Ein nachgelassenes Bekenntnis  erstaunlich akkurates Anschauungsmaterial. Der Roman ist ein invertiertes Whodunit –  Mord und Täter stehen bereits mit dem ersten Satz fest, nur der Weg dahin muss nachgezeichnet werden.

Marcellus Emants: Ein nachgelassenes Bekenntnis, aus dem Niederländischen von Gregor Seferens, Manesse Verlag, 320 Seiten, 26,95 €

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