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J.D. Vance – Hillbilly Elegy

J.D. Vances Memoir hat in den Staaten für reichlich Aufregung und Jubel gesorgt. Ein Mann, der es von der ärmlichen Region der Appalachen, im Rücken eine typische Hillbillyfamilie, bis nach Yale geschafft hat, ist eine Sensation. Seine frühe Lebensgeschichte steht exemplarisch für die vieler anderer, denen entscheidende Beteiligung am Wahlsieg Donald Trumps nachgesagt wird. Hillbilly Elegy soll nun, so heißt es, zum Verständnis dieser Menschen beitragen.

Es wird viel über sie gesprochen dieser Tage. Über die Armen und die Abgehängten, die längst kein Vertrauen mehr in Politik und Medien haben. Über die „Vergessenen“, wie Donald Trump sie nennt, die einfachen Leute. J.D. Vance hat lange zu diesen Menschen gehört und er fühlt sich ihnen noch immer stark verbunden, obwohl sein Leben mittlerweile kaum in größerem Kontrast zu ihrem stehen könnte. Er wächst u.a. in Jackson, Kentucky auf, das stark von der Kohleindustrie geprägt ist. In der Stadt gibt es nicht viel außer vereinzelten Fastfoodketten, Trailerparks und kleinen Bauernhäusern. Das Leben ist einfach, die Menschen sind es auch. Seine Großeltern gingen bereits in den 40er-Jahren nach Middletown, Ohio, in die nordöstliche Industrieregion der Staaten, die gern als „Rust-Belt“ bezeichnet wird. Eine Region, die lange Zeit traditionell in demokratischer Hand war, bis zur Präsidentschaftswahl 2016. Die Industrie spielt angesichts des Strukturwandels dort längst keine große Rolle mehr. Viele Amerikaner entschlossen sich zu diesem Schritt, in der Hoffnung, in den florierenden Städten Arbeit zu finden. Vances Großeltern waren nicht die einzigen Hillbillys aus den Appalachen, die sich um diese Zeit in Middletown ansiedelten, ganz im Gegenteil. Man traf sich dort wieder, bildete eine eigene, durchaus geschlossene Gemeinschaft.

The statistics tell you that kids like me face a grim future – that if they’re lucky, they’ll manage to avoid welfare; and if they’re unlucky, they’ll die of a heroin overdose, as happened to dozens in my hometown just last year.

Die Verhältnisse, in denen Vance aufwächst, sind von Beginn an schwierig und unstet. Seine Großeltern, traditionelle Hillbillys mit einem ausgeprägten Sinn für Familienehre und einem losen Mundwerk, sind ihm eine große Stütze, insbesondere seine Großmutter tut sich dabei hervor. Auf seine Eltern allerdings kann er nicht zählen. Sie trennen sich früh, seine Mutter ist drogenabhängig, erst nimmt sie Tabletten, später sogar Heroin. Besonders einprägsam schildert Vance die Instabilität der mütterlichen Beziehungen. Immer wieder hat sie neue Partner, die künftige Vaterfiguren werden sollen, doch bevor der junge J.D. sich an sie gewöhnen kann, verschwinden sie auch schon wieder aus dem gemeinsamen Leben. Es ist ein Kommen und Gehen ohne jeden Halt, aber immer wieder mit lautstarken Streitereien. Auch das hat es bereits in der Familie seiner Großeltern gegeben; der Großvater alkoholabhängig, die Großmutter resolut. Vances Familienverhältnisse stellen eher die Regel dar als die Ausnahme. In fast jeder Familie der ärmeren Viertel gibt es Fälle von Substanzmissbrauch, häuslicher Gewalt oder Gefängnisaufenthalten. Man kann dem Elend kaum entfliehen und genau das ist es schließlich, was die Menschen entscheidend prägt. Das Gefühl, keinen Ausweg zu haben und zwangsläufig so zu enden wie die Eltern und Großeltern.

Vance geht immer wieder auf diesen Umstand ein: das Dogma der Hoffnungslosigkeit. Die Menschen glauben weder an sich und ihre Chancen noch an die, die sie ihnen versprechen. Die Möglichkeiten der Regierung sind dort begrenzt, wo die Defizite bereits in den Familien selbst liegen, in mangelnder Unterstützung, in früher Traumatisierung. Was es braucht, sagt er, sind Vorbilder und Mentoren, die den Glauben an etwas Besseres wecken. Dass er es schließlich nach Yale geschafft hat, an eine der angesehensten Universitäten des ganzen Landes, während die meisten in seiner Familie nicht einmal den Collegeabschluss geschafft haben, verdankt er Menschen, die an ihn glaubten. Seiner Großmutter, die ihn immer ermunterte, in der Schule mitzuarbeiten, die ihm wieder und wieder sagte, er könne es schaffen, das zu werden, was er sich erträumt. Er nimmt die Politik zu großen Teilen aus der Verantwortung, mahnt seine Community zur Selbstkritik. Viele seien so daran gewöhnt, auf Politiker und Gesellschaft alle Verantwortung für ein besseres Leben abzuwälzen, dass sie sich gar nicht mehr als Handelnde begreifen. Manche staatlichen Hilfsangebote seien oftmals gar kontraproduktiv, insbesondere wenn es um die Pflege von Kindern aus schwierigen Familien geht. Vance selbst log vor Gericht, um seine Mutter zu schützen und nicht den Menschen entrissen zu werden, die ihm Halt gaben. Nahe Verwandte werden oft bei der Suche nach einer Pflegefamilie nicht berücksichtigt; in staatliche Obhut genommen zu werden, kann also schlimmstenfalls bedeuten, den letzten Halt zu verlieren. Auf viele  Empfehlungen zu Ernährung und Lebensführung reagierten die meisten, so Vance, nicht deshalb so aggressiv, weil sie sie für falsch hielten, sondern weil sie wüssten, dass sie richtig sind. Was dennoch aus ihnen spricht, sind Trotz und Stolz – weitverbreitete Eigenschaften der Hilbillys und ihres näheren Umfelds.

Barack Obama strikes at the heart of our deepest insecurities. He is a good father while many of us aren’t. He wears suits to to his job while we wear overalls, if we’re lucky enough to have a job at all. His wife tells us that we shouldn’t be feeding our children certain foods, and we hate her for it – not because we think she’s wrong but because we know she’s right.

Doch natürlich könnte man auch über die Selbstkritik hinaus etwas tun. Geld in Bildung und soziale Projekte investieren und Menschen ausbilden, die Hoffnung und Chancen vermitteln können. Investitionen in strukturschwache Gegenden attraktiver machen, den brain-drain verhindern, den auch Vance anspricht und dessen leibhaftiger Vertreter er ist. Die, die es zu etwas gebracht haben, kehren nicht zurück und gestalten um. Auch die Ausgrenzung der Ärmeren, die Homogenität ihrer Viertel trägt zur allgemeinen Hoffnungslosigkeit bei. Wer wie selbstverständlich in einer Nachbarschaft mit anderen lebt, die Chancen und Möglichkeiten haben, wird auch selbst eher daran glauben, etwas erreichen zu können. Die Separation zwischen arm und reich, die sich im städtischen Raum widerspiegelt, ist auch in deutschen Städten immer häufiger zu beobachten. Am Ende liefert Vance natürlich keine Antworten im Sinne von Lösungen. Er hat kein Rezept zur Umkehrung gegenwärtiger Entwicklungen, aber er gewährt einen tiefen Einblick in die familiären Strukturen und in die Denkweisen der Menschen, die heute gemeinhin als Gefahr für die Stabilität gelten, die sie selbst nie kennengelernt haben. Zwar geht er auch hart mit ihnen ins Gericht, aber er gibt ihnen auch ein Gesicht, das aus mehr Facetten besteht als bloß dem typischen Mountain Dew mouth.

Hier kann man seinen TED-Talk ansehen, vielen Dank für den Hinweis!

J.D.Vance: Hillbilly Elegy. Harper Collins. 272 Seiten. ca. 15,99 €.