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Irgendwas mit Afrika

In den letzten Jahren wird immer häufiger junge afrikanische Literatur ins Deutsche übersetzt. Die Autorinnen und Autoren erzählen von ihrem Selbstverständnis, ihrer Zerrissenheit zwischen den Welten, von Alltagsrassismus und ihrem Kontinent. Damit scheint allerdings mittlerweile oft ganz automatisch ein bestimmter Phänotyp einherzugehen.

Ich erkenne auf einige Meter Entfernung vermutlich mühelos das neue afrikanische Wunderkind der Literatur, wenn es in einer Verlagsvorschau angepriesen oder auf einem Buchtisch drapiert wird. Warum? Afrika ist bunt! Das muss sich dringend auch in der Covergestaltung spiegeln, deshalb kommt dieser Tage kaum eine Neuerscheinung aus dem afrikanischen Raum ohne aparte Muster, typographischen Besonderheiten und gewagte Farbkombinationen aus. Das Buch soll schon von Ferne ausstrahlen, dass es afrikanisch und mithin exotisch ist, man soll die Trommeln schon dröhnen hören und die Löwen brüllen. Früher war mehr Savanne und Giraffe. Heute ist das Gewand afrikanischer Frauen auf die Buchcover übergesprungen. Es ist immer eine kleine Herausforderung für’s Auge, für’s Hirn indessen nicht. Während manche sich darüber freuen können, dass die Gestaltung ihrer Bücher wenigstens gelegentlich variiert, hat Chimamanda Ngozie Adichie das Afrika-Cover auf Lebenszeit gewonnen. Jedes ihrer Bücher erscheint im Verlag in der gleichen Machart: bunt mit geometrischen Formen.

Nun könnte man sich natürlich fragen, was daran beanstandenswert ist. So sieht der Kunde gleich: aha, das ist Literatur aus Afrika. Oder mindestens von AutorInnen mit afrikanischen Wurzeln. Wer damit wenig anfangen kann, ist augenblicklich gewarnt und kann sich anderen Romanen zuwenden. Wer eine Affinität zum afrikanischen Kontinent und seiner Literatur empfindet, kann beherzt zugreifen. Allerdings werden diese jungen afrikanischen LiteratInnen ja gerade für ihren Kampf gegen Stereotype so gern gefeiert, für ihre „Weltliteratur“, die längst nicht mehr ausschließlich in afrikanischem Setting spielt, sondern häufig die afrikanische Erfahrung in Kollision mit anderen Kulturen zeigt, Unterschiede und Gemeinsamkeiten auslotet, Verbindungen und Verständnis zu schaffen versucht, Rassismus anprangert. Vor diesem Hintergrund ist es mindestens bedauerlich, dass die Stereotype, für deren Abbau sich die Romane stark machen, in ihrer Gestaltung wieder aufgebaut werden.

Wie wäre es mit einem Cover, das nichts verrät über die Herkunft der AutorInnen? Mit einem Cover, das nicht sofort ein ganz bestimmtes Narrativ aufruft, das nicht den Exotismus in den Vordergrund rückt? Ich finde ja: das kann man probieren. Und es ist ja nicht so als geschähe es nicht längst: liebeskind, Wunderhorn und auch Peter Hammer – trotz des oben abgebildeten Young Blood – bemühen sich sehr um afrikanische Literatur, ohne sich immer dem ersten Reflex der naheliegendsten Gestaltung willenlos auszuliefern. Diese Covergestaltung ist allerdings mitnichten ein deutsches Phänomen, häufig wurden auch einfach die Cover der Originalausgaben beibehalten oder nur geringfügig verändert. Am Problem der Einfallslosigkeit und kulturellen Verengung ändert das freilich nichts. Was mit gutem Willen auch als Ausdruck des Respekts einer anderen Kultur und ihrer Besonderheiten gegenüber gewertet werden kann – mit schlechtem ganz einfach als Marketinginstrument -, könnte sich am Ende als wenig hilfreich erweisen, wenn es darum geht, kulturellen Austausch zu schaffen. Was Stereotype vor allem schaffen, sind Rahmen und Grenzen in unserer Vorstellungskraft. Vielleicht bedenken wir das beim nächsten Roman, dem wir wieder ein kreischend buntes Ethno-Antlitz verpassen.

Auch auf Kulturgeschwätz war bereits im letzten Jahr etwas zu Exotismus auf Buchcovern zu lesen.

12 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Irgendwas mit Afrika – #Bücher

  2. Sehr interessant. Das ist mir bisher noch nie bewusst geworden und ich werde darauf achten. Vielen Dank für den Beitrag 🙂

  3. Mich als grundsätzlich Afrika-interessierte Leserin würde das „Young Blood“ sogar von kauf abhalten. Da kann ich nicht hingucken, das stößt mich gleich wieder weg.

  4. Interessante Gedanken. Auf diese Weise könnte man vielleicht allgemein die Literatur verschiedener Erdkreise unter die Lupe nehmen. Ich bemerke immer wieder, dass sich Gestaltungsmuster wiederholen, selbst markante Fotografien für Cover für verschiedene Titel verwendet werden. Irgendwie schade! Denn jedes Buch sollte seine ganz eigene Gestaltung erhalten. Viele Grüße

  5. Mein Liebelingskommentar zu afrikanischer Literatur aus meinem Arbeitsalltag:

    Kundin: „Ich such das Buch dieser afrikanischen Autorin… Das im Radio war… Ich hab den Namen jetzt vergessen….“
    Ich: „Wissen Sie denn, worum es ungefähr geht? Oder in welcher Sendung sie davon gehört haben?“
    Kundin: „Nein, Herrgott! Aber so viele Leute schreiben da doch nicht!“

    Tja, was soll ich sagen. Wir konnten übrigens nicht rausfinden, welches Buch es sein sollte.

  6. Anke sagt

    Diese Beobachtung über die Vermarktung geht auch zusammen damit, was für eine Art Literatur aus Afrika veröffentlicht (und gehypt) wird – häufig Literatur von sogenannten „Afropolitans“, die im Westen ihre Universitätsausbildung genossen haben und z.T. auch dort leben. Die Erfahrung der weitaus größeren afrikanischen Bevölkerung, die kein solches symbolisches Kapital besitzt und marginalisiert bleibt, wird hingegen ausgespart; in der Annahme, dass sie für westliche Leser nicht interessant ist.

    • Ralf C. sagt

      Anke, ich denke, das siehst du falsch. Die Literatur ist eine Kunstgattung, für die es in Afrika südlich der Sahara (und ein paar hundert Meilen nördlich des Kaps der Guten Hoffnung) keine Tradition gibt. Wie es der senegalesische Schriftsteller Cheikh Hamidou Kane formuliert hat: „Wir sind Erben einer oralen Tradition.“ Es ist daher folgerichtig, dass in unseren Buchhandlungen in erster Linie Autoren zu finden sind, die sich im Grenzgebiet afrikanischer und europäisch-nordamerikanischer Einflüsse bewegen.

      Ein Must Read in diesem Zusammenhang ist „Der Roman in Afrika“, das zweite Lehrstück in J. M. Coetzees „Elizabeth Costello“. Sehr empfehlenswert.

  7. Ein guter Buchumschlag spiegelt Elemente des Inhalts und des Autoren wieder. Es gibt zahlreiche Veröffentlichung die schlichte und schlechte Cover haben – ich denke da an Philip Roth im S. Fischerverlag. Wenn sich da ein Verlag Mühe gibt etwas Farbe und individueller zu werden, ist das gut.

    Möchten sie eine in Kamerun lebende Autorin im grauen westlichen Hosenanzug abgelichtet sehen damit es den Stempel „Weltliteratur“ überhaupt erst bekommen kann? Vielfarbigkeit, bunte Gewänder, verrückte Muster sind nicht nur Klischee wie es in dem Artikel suggeriert wird sonder Alltag. Ich finde die Kritik an den Covern überzogen.

    • literaturen sagt

      Man kann diese Kritik durchaus überzogen finden oder ganz anderer Ansicht sein. Was es aber mit Individualität zu tun hat, wenn Bücher afrikanischer AutorInnen in größeren Publikumsverlagen mehrheitlich ein Erscheinungsbild aufweisen, erschließt sich mir nicht. Wie Sie darauf kommen, ich würde die AutorInnen lieber in grauen Hosenanzügen sehen, weiß ich auch nicht. Es geht mir um die Buchgestaltung, nicht um die Modeentscheidungen der AutorInnen.

      • Hallo,
        Bei einer Seefahrergeschichte wird wohl auch immer das Meer auf irgendeiner Art und Weise auf dem Cover wiederzufinden sein. Bei Fantasyromanen wohl für alle Ewigkeiten ein Zwerg, eine Elfe, Drachen oder Zauberwesen auf dem Umschlag zu finden sein. Eine Wiederholung des immer selben mit leichten Variationen.
        Ich geb gerne zu das Verlage mit dem „Ethnoantlitz“ spielen, aber da wo es passt, passt es eben.

        Der Hosenanzug bezieht sich auf „Weltliteratur“. Literatur die sich Weltliteratur nennen darf, wird ja nahezu ausschließlich nach westlichen Maßstäben beurteilt. Wenn sie den Gepflogenheiten der europäischen und angloamerikanischen Denke entspricht. Der Anzug bzw. der Hosenanzug ist ja DIE Uniform der westlichen Kultur. Warum sollten Autoren die damit nichts zu tun haben blanken, neutralen Covern zustimmen? Nur weil ein deutsches Leserpublikum sich daran stört das Teile von Afrika halt so sind wie sie sind. Stereotypen, es gibt sie halt tatsächlich.

        Und zum Ende hin, so denke ich, sollte man die Kirche im Dorf lassen.

        • literaturen sagt

          Meines Erachtens habe ich die Kirche im Dorf gelassen. Ich rufe nirgendwo zum Boykott irgendwelcher Verlage auf, weil sie sich für solche Cover entscheiden, ich beschimpfe niemanden als Rassisten, ich stelle einfach nur Übereinstimmungen fest und ziehe Schlüsse daraus. Denen muss nicht jeder zustimmen. Einfallslosigkeit in anderen Segmenten macht die Einfallslosigkeit hier in diesem Fall übrigens nicht irgendwie besser. Mal abgesehen davon, dass ich einen Unterschied darin sehe, ein Genre zu bebildern oder eben implizit die Herkunft von AutorInnen.

          Und die Frage ist weiterhin, ob diese sich ständig wiederholenden Ethno-Cover nicht viel mehr ein Ergebnis der Beurteilung nach westlichen Maßstäben ist als ein neutraleres Cover (das es ja im Übrigen im Fall von Chimamanda Ngozie Adichie im englischen Original gegeben hat und bei kleineren Verlagen wie liebeskind oder Wunderhorn immer wieder gibt – es ist also offensichtlich nicht so selbstverständlich, dass nur diese Art von Cover eben passt).

          Wir bebildern schließlich auch nicht alle Cover französischer AutorInnen mit einem Hauch Tricolore und einem Baguette, auf den Covern indischer Autoren ist dankenswerterweise auch nicht immer eine Buddha-Statue ebensowenig wie auf Covern chinesischer SchriftstellerInnen immer Nippesfiguren abgebildet sind.

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