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Blogbuster Longlist: „In Bhutan steckt Hut“

Nach Wochen der Lektüre und des Abwägens steht meine Favoritin für den Blogbuster 2017 jetzt abschließend fest. Es war nicht einfach, aber eine besondere Erfahrung und, ganz nebenbei, ein lehrreicher Perspektivwechsel. Ich schicke Doris Brockmanns (@DorisBrockmann) In Bhutan steckt Hut ins Rennen, eine märchenhafte kleine Geschichte von Glück, Hingabe und Standhaftigkeit.

Es ist ein bisschen so als sei die Zeit stehengeblieben. Es gibt keine Smartphones, keine Hektik, nur einen kleinen Ort, der sich als eigenständig begreift, obwohl er längst einer größeren Gemeinde angeschlossen worden ist. Und es gibt Rosa, die Putzmacherin.  Eine Frau, die Hüte und Mützen aller Art in hingebungsvoller Handarbeit selbst entwirft und herstellt. Rosa war immer schon ein bisschen besonders, ein bisschen eigen. Sie hat den kleinen Ort nicht Richtung Karriere verlassen, vielmehr hat sie sich einen kleinen Mikrokosmos geschaffen, in dem sie regelmäßig modeinteressierte Fashionistas aus dem urbanen Umland begrüßt, die mit Champagner und Luxuswagen vorfahren. Sie fertigt Hüte nach Maß aus diversen Materialien und ist, manchem Schicksalsschlag zum Trotz, glücklich in einer Welt, die sie nur für ihre Zeit auf der Walz verlassen hat. An der Wand ihres Ladens hängt ein kleines Foto von Coco Chanel; der Inbegriff eines Lebenstraumes. Einmal mit den eigenen Kreationen wahrgenommen werden, einmal eine eigene kleine Kollektion haben, das wäre was.

Ihr Freund Konrad, immer ein Naturbursche, robust und umschwärmt, hat in seiner Jugend den Zusammenstoß mit einem Kastenwagen zwar überlebt – derselbe ist er aber nicht mehr. Er ist kindlich geblieben, gutmütig und verträumt; der Sprung in die Erwachsenenwelt ist ihm nicht gelungen. Trotzdem schafft Brockmann mit ihm eine gute Seele des Ortes, die hervorragend mit der eigensinnigen Rosa harmoniert. Konrad ist ein Wortjongleur, er kann aus einer Buchstabenfolge in Windeseile eine andere machen, aus dem Russisch Brot auf seiner Fensterbank lässt er jeden Morgen andere Worte entstehen. Und manchmal verschickt er leere Pakete, um in den Bewohnern des Dorfes die Fantasie anzuregen. Welchen Inhalt hätten sie sich wohl innig gewünscht? Rosa und Konrad, die einst Liebe und Leid verbunden hat, bilden den Kern der versponnenen Geschichte, beide auf ihre Art besondere Einzelkämpfer in einer Welt, in die sie nicht recht zu passen scheinen.

Kurz darauf sitzt Konrad in Rosas Bademantel vor dem Ofen und isst ein Spiegelei. Der Grog ist zum Trinken noch zu heiß, zum Händeaufwärmen nicht. Wer Gräber gräbt und Holz hackt, hat ähnlich unempfindliche Hände wie eine, die siedeheiße nasse Filzstumpen zu Hüten formt. Da kann ein Glas mit frisch aufgebrühtem Grog problemlos in den Händen gehalten werden, bis er Trinktemperatur erreicht. Solche Hände erzeugen beim Streicheln, ein leises Geräusch, das auf einer Skala von Knistern aufgeladener Wolle bis zaghaftem Reiben einer Muskatnuss ungefähr in der Mitte liegt, vielleicht ein wenig näher am Wolleknistern. Es muss schon sehr still sein, um das hören zu können.

Doris Brockmann erzählt ihre Geschichte ungemein sinnlich; es wimmelt von Düften, Landschaften, Geräuschen und Materialien, die Hutherstellung ist weit mehr als bloß ein Gewerbe am Rand der Geschichte. Hier wird wirklich mit den Händen gearbeitet, werden die Texturen des Materials beschrieben, der Arbeitsablauf, die Kreativität bis hinein in Rosas Schaufenster, das noch eine tragende Rolle spielen wird. Die Erzählstimme ist zwar durchzogen von Rosas Gedanken, bleibt aber unabhängig, unbeteiligt, den LeserInnen zugewandt. Es ist ein feinsinniger Ton, den Brockmann anschlägt und es liegt etwas Versponnenes darin, etwas Altmodisches. Wie das Gewerbe eben auch etwas Aussterbendes hat, Inhalt und Form korrelieren hier gut miteinander. Nicht, dass man die Geschichte erst von einer Staubschicht befreien müsste, vielmehr hat sie etwas Zeitloses und, mit Blick auf den Modezar Lagerfeld, den es ins Örtchen verschlägt, auch etwas Märchenhaftes. Was ist Glück? Steckt Glück auch im Kleinen? Als Rosa, Konrad und die kleine Fee (eigentlich: Felicitas, je älter sie wird, je erwachsener sie sich fühlt, desto mehr Buchstaben gewinnt ihr Name dazu) auf dem Globus das berüchtigte Bhutan suchen (das Land mit dem Bruttonationalglück), ruft Konrad plötzlich aus: „In Bhutan steckt Hut!“ Im Großen steckt manchmal das kleine Glück, für manchen liegt das Glück in der Ferne, für andere ganz nah, in einer Leidenschaft, die sie verfolgen, in einer Tätigkeit, in der sie aufgehen. Konrad, Schlafwagenschaffner im Geiste, reist in Gedanken nach Bhutan, das reicht auch. Man muss es nicht übertreiben, kann glücklich sein mit dem, was man hat. Brockmanns Roman ist bescheiden, zart und unaufdringlich, ein Text der leisen Zwischentöne und des subtilen Humors.

Keine Blätter mehr an den Bäumen plus spät abends einsetzender Schneefall und der Laubkehrmaschinenfahrer mutiert über Nacht zum Schneeräumfahrzeugführer. Das bietet einige Vorteile: ein schöneres und größeres Fahrzeug, als die plumpe Kehrmaschine, noch dazu in orange, der Lieblingsfarbe des Laubkehrmaschinenfahrers, oben auf dem Führerhaus ein rotierendes Blinklicht, als führe der Fahrer die Eskorte einer sehr bedeutenden Persönlichkeit an, draußen ein leistungsstarker Pflug, so breit wie ein Basketballspieler lang, und drinnen alles schön muggelig warm und mit 1A-Radioempfang.

Ich möchte mich an dieser Stelle nochmal bei allen AutorInnen bedanken, die mir das Vertrauen geschenkt und ihr Manuskript eingeschickt haben. Die letzte Entscheidung war denkbar knapp und es waren viele Texte dabei, die einen besonderen Ton hatten oder eine originelle Idee. Vielen Dank dafür! Am Ende kann es nur eine oder einer auf die Longlist schaffen, aber ich hoffe, alle anderen schreiben fleißig weiter und lassen sich nicht unterkriegen.

Foto: Stocksnap.io

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