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Torsten Woywod – In 60 Buchhandlungen durch Europa

Torsten Woywod, Buchhändler, hat getan, was wohl die wenigsten von uns jemals tun werden. Er hat erschreckend spontan seine Wohnung und seinen Job gekündigt, um sich einen Traum zu erfüllen. Zu sämtlichen Buchhandlungen der Welt wolle er reisen, sich dort umsehen und andere Literaturbegeisterte treffen, die an vorderster Front für das Buch kämpfen. Auf der Facebookseite Around the World in 100 Bookshops konnte man ihm wenigstens aus der Ferne dabei zusehen. Den europäischen Teil dieser Reise gibt es nun in Buchform.

Buchhandlungen sind ein Sehnsuchtsort. Sowas wie eine bedrohte Tierart, deren Schönheit und Kraft man erst in den letzten Jahren wiederentdeckt, da sie von der Bildfläche zu verschwinden drohen. Plötzlich spielen unzählige Romane in kleinen, urigen Buchhandlungen mit diesem ganz eigenen unbeugsamen Charme. Nicht nötig zu erwähnen, dass solche romantischen Fantasien in aller Regel wenig mit der Realität zu tun haben, ja, nicht selten eine Form von Buchhandlung heraufbeschwören, wie sie heute nur noch selten überleben könnte. Nichtsdestotrotz haben Buchhandlungen aber eine besondere Anziehungskraft, wohnt da ein gewisser Zauber in ihnen. Das wird kaum jemand bestreiten können, der in regelmäßigen Abständen eine aufsucht. In ihnen stecken Geschichten, geballtes Wissen, die oft belächelte, aber deshalb nicht weniger notwendige und ansteckende Leidenschaft für Literatur. Wer eine Buchhandlung betritt, der ist in aller Regel unter Freunden, Gleichgesinnten. Nicht selten kommt es vor, dass sich Kunden untereinander Bücher empfehlen oder über einen Titel ins hitzige Debattieren oder Fachsimpeln geraten; ganz ohne, dass der Buchhändler oder die Buchhändlerin eingreifen müssen. Literatur verbindet. In Buchhandlungen naturgemäß und auch anderswo.

Der totgesagte Buchhandel jedenfalls ist lebendiger als sein Ruf. Das stellt auch Torsten Woywod bei seiner Reise fest. Noch immer eröffnen neue Buchhandlungen mit spannenden Konzepten in ganz Europa, manches alteingesessene Traditionsunternehmen übt magnetische Anziehungskraft auf Touristen aus. Eine Buchhandlung in Portugal kann es sich gar leisten, Eintritt zu verlangen (der allerdings mit einem Einkauf dort verrechnet wird). Woywods Buch ist eine wohltuende Mischung aus Hommage, Sachbuch und Reisebericht, die unbedingt Lust darauf macht, einige der beschriebenen Buchhandlungen selbst zu besuchen. Den erfolgreichen von ihnen ist nicht nur ein atemberaubend schönes Interieur gemein, sondern auch die Verweigerung des Stillstands. Sie haben spannende Konzepte entwickelt und umgesetzt, Möglichkeiten ausgeklügelt, ihre Kunden einzubinden und gegebene Vorteile zu nutzen. Die BuchhändlerInnen haben Ideen und beweisen Geschick in der Vermittlung der allerschönsten Nebensache der Welt. Und manche Buchhandlung besticht dann auch durch ihre Schrulligkeit, ihre Liebenswürdigkeit, ihre Beständigkeit. Ohne ihre etwas kauzigen Köpfe und deren enzyklopädisches Wissen über den Warenbestand wären sie nur halb so attraktiv.

Was Woywods Buch ganz am Rande auch lehrt: warum ältere Bücher nach Vanille duften und dass man Buchhandlungen prinzipiell eigentlich überall betreiben kann. In alten Kirchen, unter freiem Himmel, fahrend, schwimmend (auch wenn das letztere leider nicht so erfolgreich war), den Ideen sind wenig Grenzen gesetzt. Oft gibt es ein integriertes Café oder wenigstens Kaffee auf Verlangen, es herrscht Gemütlichkeit allerorten. Auch in Woywods Buch finden einige Buchhandlungen kurz Erwähnung, die mittlerweile geschlossen sind. Das Buchhandelssterben ist auch dort präsent, wo die Buchhandlungen berechtigt gefeiert werden. Umso wichtiger, ein Bewusstsein dafür zu wecken, weshalb es sich beim Buchhandel nicht um ein aussterbendes Gewerbe handelt, das längst nicht mehr zeitgemäß ist. Geschichten sind immer zeitgemäß, Bildung und Wissen kommen hoffentlich niemals ernsthaft aus der Mode, auch wenn man dieser Tage gelegentlich daran zweifeln mag. Torsten Woywods Buch leistet einen wichtigen Beitrag dazu, Buchhandlungen in ihrer Einzigartigkeit wertzuschätzen. Als Begegnunsorte, als Zentren kulturellen Austauschs und Miteinanders. Das ist nicht nur schön anzusehen, sondern mindestens ebenso wichtig. Woywod ist überdies ein charmanter Reiseführer und guter Beobachter, kleine Reiseanekdoten beleben den Text und landestypische Literaturtipps runden jedes Kapitel ab. In 60 Buchhandlungen durch Europa eignet sich auch prima als Geschenk; nicht nur für die, die von der Notwendigkeit einer Buchhandlung nicht erst überzeugt werden müssen, sondern auch für jene, die daran zweifeln.

P.S.: Etwas mehr Fotos hätten sein dürfen!

Torsten Woywod: In 60 Buchhandlungen durch Europa. Edel. 256 Seiten. 19,95 €.

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