Graphic Novel
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Richard McGuire – Erzählende Bilder

Bereits mit „Hier“ hat Richard McGuire bewiesen, dass er ein ungewöhnlicher, ein überraschender und experimentierfreudiger Künstler ist. Seit 2005 entwirft er neben Coverbildern auch Vignetten für The New Yorker, der es sich charmanterweise nach wie vor erlaubt, dieser Kunstform aus früheren Tagen eine Bühne zu bieten. Einige dieser Vignetten liegen nun in dem Band Erzählende Bilder gesammelt vor.

Die einzelne Vignette ist leicht zu übersehen. Sie trennt gleichsam Textabschnitte und verziert das Dazwischen. Und sie unterliegt gewissen Regeln, insbesondere hinsichtlich ihrer Größe. Als künstlerische Dekoration sollte sie den Text umspielen und umschmeicheln, nicht etwa durch zu augenfällige Präsenz in den Schatten stellen. Sie muss, so schreibt Luc Sante in seiner Einleitung zu McGuires Arbeiten, für sich selbst und allein stehen können, da oft mehrere Seiten zwischen den einzelnen Vignetten liegen. Richard McGuire hat es in den über zehn Jahres seines Schaffens als Textdekorateur unbestritten zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Seine Bilder funktionieren sowohl ganz separat für sich als auch im Verbund. Sie erzählen Geschichten oder nehmen sich eines speziellen Motivs an, das in den aufeinanderfolgenden Vignetten durchgespielt wird. So zeigt „In der U-Bahn“ die Gesichter ganz verschiedener Protagonisten, die jeweils durch spezifische Besonderheiten des U-Bahn-Umfelds – Haltestangen, Griffe am Sitz, die Gliedmaßen anderer Passagiere – fragmentarisiert werden. „Im Rahmen“ ist eine verspielte, ineinander verschachtelte Betrachtung; beginnend mit einem Bilderrahmen, der von einem Türrahmen umrandet wird, der wiederum in einem Spiegel zu sehen ist, durch einen weiteren Durchgang betrachtet etc.; das Prinzip wird klar. McGuire legt Typologien vor, von Vogelkäfigen, Architektur oder Kopfbedeckungen, er spielt so geschickt und mühelos mit verschiedenen Formen und Perspektiven, dass es eine Freude ist, dabei zuzusehen.

Neben diesen Formspielereien aber finden sich auch kurze Geschichten, deren zeitlicher Rahmen von einigen Monaten bis zu wenigen Minuten alles abdeckt. Ob er in „Der Flur“ das anonyme Zusammenleben mehrerer Hausbewohner illustriert, deren Leben sich durch verschiedene flüchtige Spuren im Hausflur verbildlicht (Briefe, der Pizzabote, laute Musik, die Möbelpacker mit dem Sofa), bis sie sich am Ende dann doch für einen Augenblick begegnen oder in „Flamingoschirm“ auf humorvolle Weise den Besitzerwechsel eines Regenschirms nachzeichnet; McGuires Liebe zum Detail ist immer sichtbar. Mit seinen Bildern gelingt ihm aber auch die Belebung des Unbelebten, etwa wenn eine fatale und dramatische Dreiecksgeschichte von Besteck bestritten wird oder diverse Hygieneartikel (Rasierapparat, Zahnseide, Nagelschere, Pinzette) allein aufgrund ihrer ihnen eigenen Form wie ins Gespräch vertieft erscheinen. McGuire liegt das Kleine, das notwendig Begrenzte. Auch auf einen Stil lässt er sich bei seinen Zeichnungen nicht festlegen. Er experimentiert auch hier. Einige Arbeiten sind von fast piktografischer, andere abstrakt, manche realistischer.

Wer glaubte, dass mit winzigen Vignetten kein Blumentopf zu gewinnen sei, den belehrt Richard McGuire eines Besseren. Er erhebt sie zur Kunst; nicht nur als einzelne Arbeit, sondern auch als Form der eigenständigen und fortlaufenden Bilderzählung. Insofern seien Richard McGuires Erzählende Bilder jedem ans Herz gelegt, der sich für Visuelles und Experimentelles begeistern kann, der ungewöhnliche Perspektiven auf gewöhnliche Objekte und Gegebenheiten des täglichen Lebens schätzt.

Richard McGuire: Erzählende Bilder. Sequenzielle Zeichnungen aus dem New Yorker. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Dumont Verlag. 584 Seiten. 25 €.

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