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Margarete Stokowski – Untenrum frei

Muss das sein oder kann das weg? Über den Feminismus grassieren eine ganze Reihe haarsträubender Vorurteile und Mythen, die sich am Ende häufig in der Idee von barbusigen „Feminazis“ erschöpfen, die am liebsten die Männer abschaffen würden. So oder so ähnlich kann man es in Diskussionen immer wieder beobachten, die sich um Feminismus drehen oder feministische Themen berühren. Margarete Stokowski räumt mit vielen dieser Fantasien auf und zeigt, zitiert nach Chimamanda Ngozie Adichie, warum wir alle Feministen sein sollten.

In Diskussionen dieser Tage geht es häufig um die Angst, etwas könne einem weggenommen werden. Die Freiheit, die finanziellen Mittel, das Recht auf eine eigene Meinung oder die Kultur. Überall lauert die Angst vor Verlust, dem man sich mit immer schärferem Vokabular und immer unbarmherzigerem Auftreten entgegenstellen muss. Gegen Feminismus, gegen diese ominöse „Political Correctness“, die vermeintlich Denk- und Sprechverbote produziert. Dabei geht es weder beim Feminismus noch bei politischem Engagement für Minderheiten darum, dem einen etwas wegzunehmen, sondern jenen, denen Zugang verwehrt wird, etwas zu geben. Es geht um eine Ausweitung, nicht um eine Beschneidung von Rechten. Ziel ist nicht, die Umverteilung von Macht von den einen zu den anderen, sondern mehr Gleichberechtigung in sämtlichen Bereichen. Auch wenn wir geneigt sind zu glauben, wir hätten in den letzten Jahrzehnten schon eine ganze Menge gewonnen im Bereich der Frauenrechte, lohnt es sich, genauer hinzusehen. Ist das wirklich so? Ist Feminismus heutzutage ein alter Hut, der nutz- und gegenstandslos geworden ist, weil bereits alles Notwendige erreicht wurde? Einige würden das bejahen. Margarete Stokowski sieht sich die Strukturen aber genauer an und zeigt, wo es noch Engagement braucht und einen prüfenden Blick.

Es geht um Freiheit, und trotzdem möchte dieses Buch niemanden befreien. Aus zwei Gründen: Erstens wollen einige gar nicht befreit werden, und zweitens müssen alle, die frei sein möchten, sich letztlich selbst befreien. Natürlich gibt es Frauen, die gern unterwürfig sind und traditionelle Rollen mögen, und es gibt Männer, die sich wirklich, wirklich überhaupt nicht anders denken lassen denn als im Stehen pinkelnde Grillexperten. Aber: Alles ist schöner, wenn es freiwillig ist und bewusst selbst gewählt, und dazu muss man die Alternativen zumindest kennen.

Das beginnt früh, wenn es um bestimmte Rollenbilder geht, um „typisch männlich“ und „typisch weiblich“. Wie ein Mädchen zu sein hat, ohne unangenehm aufzufallen, bemerkt man schon früh. Schön, zierlich, um andere besorgt, prinzessinnenhaft. Als ich zur Grundschule ging, war die „Prinzessin“ wohl das beliebteste Faschingskostüm. Die Narrative von der hilflosen Frau, die vom Mann aus Drangsal und Gefahr befreit werden muss, sind kulturell tief verwurzelt. Und auch Stokowski ist sich früh darüber im Klaren, dass an ein Mädchen gewisse Erwartungen herangetragen werden. An Jungs im Übrigen genauso. Mädchen haben eher brav zu sein als frech und aufmüpfig. Sie sollten sich schön anziehen, aber nicht zu aufreizend. Sie sollten sich durchsetzen können, aber nicht zu vehement; das macht unattraktiv. Jungs haben stark und durchsetzungsfähig zu sein. Sie sollten einfühlsam sein, aber nicht weinerlich. Schmerzen sollen sie wegstecken können, egal ob psychisch oder körperlich. Und an Sex denken sie sowieso ununterbrochen. Mit dem Attribut „ganzer Mann“ sind Erwartungen verknüpft, die nicht jeder erfüllen kann oder will. Man könnte meinen, dass es sich dabei um überholte Rollenbilder handelt, um Klischees, denen wir längst entwachsen sind. Aber schon ein Blick in Frauen- und Männerzeitschriften, in Supermarktregale, in Videos gefeierter Youtube-Sternchen oder in ein Programm von Mario Barth straft diese Annahme Lügen. Margarete Stokowski präsentiert viele dieser Beispiele. Ganz gleich, ob es um Gender-Marketing geht oder um dubiose Ratschläge an Frauen, die sich dem Oralsex verweigern. Wir geben und fühlen uns offen und fortschrittlich, haben aber Rollenbilder von vorvorgestern längst nicht überwunden. Im Gegenteil: sie werden mit der Natur begründet und gerechtfertigt. Was „natürlich“ ist, das ist richtig. Auch wenn ein etwas genauerer Blick in die Natur auch dieses vermeintliche Argument Lügen straft.

Im fünften Kapitel wird gefragt, ob feministische Weltherrschaft eine Option ist, und die Antwort ist: natürlich nicht, weil Weltherrschaft generell keine Option ist.

Eigentlich ist es ganz einfach: ob Mann, Frau, Trans, homo-, bi- oder heterosexuell, spielt keine Rolle, so lange jeder sein kann, wie er will und lieben kann, wen er will (vorausgesetzt, kein Dritter wird in seinen Rechten und Freiheiten beschränkt oder verletzt, selbstverständlich eigentlich). Niemand sollte auf der Basis seines Geschlechts das Vorrecht haben, etwas zu tun oder zu lassen. Was in der Theorie nicht ganz so knifflig klingt, erweist sich in der Praxis immer wieder als Zankapfel und Brennstoff in jeder Diskussion. Untenrum frei bietet einen sehr guten Einstieg in das Thema „Feminismus“, argumentiert umsichtig, wagt Humor und nicht Verbissenheit, die Engagierten in den verschiedensten Bereichen gern attestiert wird, wenn man eine Haltung nicht als solche anerkennen will. Stokowski, die Kolumnen für den Spiegel schreibt und auch immer wieder massiven Beleidigungen ausgesetzt ist, sagt selbst: nicht alles, was das Label „Feminismus“ trägt, tut dem Feminismus gut. Aber einzelne Aktionen zur Diskreditierung eines sinnvollen Anliegens zu nutzen eben auch nicht. Untenrum frei ist erfrischend unverklemmt und offenherzig, auch wenn es um Sex geht. Darum, wie wir über Sex sprechen, wie wir Sex haben und ob wir wirklich so eine hypersexualisierte Gesellschaft sind. FeministInnen wird sehr häufig vorgeworfen, sie seien ungeheuer dogmatisch. Das kann man Margarete Stokowskis Buch selbst mit einigem Bemühen nicht vorwerfen. Viel mehr regt es zum Denken an, zum Hinterfragen von Strukturen, zum Überprüfen eigener Vorstellungen. Denn am Ende ist das Ziel eben nicht: weniger Freiheit, sondern mehr. Nicht weniger Gleichberechtigung, sondern mehr. Sich damit auseinanderzusetzen, setzt allerdings auch die Bereitschaft voraus, sich Erfahrungen zu stellen, die man selbst nie gemacht hat. Oft gilt in Diskussionen bereits die Äußerung „Sowas habe ich noch nie erlebt“ als hinreichendes Gegenargument. ICH bin noch nie diskriminiert worden, angetascht, herabgesetzt, belächelt. Statt zu folgern: dementsprechend gibt es das nicht, vielleicht einmal öfter entgegnen: offensichtlich hatte ich Glück und bin dankbar dafür. Eine freie und offene Gesellschaft braucht stetige Verhandlung, braucht den Dialog, braucht Kompromisse und Ideen. Damit es nicht irgendwann überall so ist wie Georg Kreisler gesungen hat: Ich will dir sagen, was ich heutzutag‘ als freiheitlich empfind, die Dinge so zu lassen wie sie sind.

Margarete Stokowski: Untenrum frei. Rowohlt Verlag. 256 Seiten. 19,95 €.

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