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Joost Zwagerman – Duell

Jelmer Verhooff ist ein aufstrebender Star am Himmel der niederländischen Kunstszene. Mit nur vierzig Jahren wird er zum Direktor des Hollands Museums; eine der zentralen Anlaufstellen für moderne Kunst. Er wird gefeiert, hofiert, bewundert. Er hat ein Händchen. Und dieses Händchen wird es auch sein, das im Verlauf einer hochnotpeinlichen Angelegenheit die Leinwand eines 30 Millionen Euro teuren Rothko-Gemäldes durchschlägt. Auf vergnügliche und skurrile Art verhandelt Joost Zwagerman die Frage nach dem Wesen der Kunst.

Kunst kann heute alles sein, was man mit einer zündenden Rede dazu erklärt. Die Grenzen sind offen. Das erleichtert und erschwert die Sache gleichermaßen. Als Jelmer Verhooff im Hollands Museum eine Ausstellung plant, die zeitgenössische Künstler in Dialog mit alten Meistern treten lassen soll, wird ihm das schmerzlich bewusst. Im Gegensatz zu den jungen Künstlern, die Verhoof scherzhaft „Installateure“ nennt, entscheidet sich Emma Duiker als eine der wenigen für die klassische Malerei. Ihr künstlerischer Dialog besteht in der originalgetreuen Kopie des Meisterwerks, in der akribischen Nachbildung bis ins Detail. Farbe, Komposition und Materialien orientieren sich am Vorbild und werden am Ende Teil des Ausstellungsobjekts. Es geht nicht darum, ein Kunstwerk zu zitieren, zu verwandeln oder zu transformieren; es gilt, ihm den höchsten Respekt zu erweisen, indem man sich ihm im Schaffensprozess vollkommen unterordnet. Was einige lächerlich und nachgerade obszön finden, bloß deshalb erfolgreich, weil eine attraktive Endzwanzigerin es mit rebellischer Geste tut, ist für andere eine erfrischende Perspektive. Für Verhooffs Ausstellung Duell ist Duiker jedenfalls gesetzt, sie kopiert das fiktive Rothko-Gemälde Untitled No. 18. Die Duell-Ausstellung markiert einen Wendepunkt in Verhooffs Karriere; ist sie doch die letzte vor umfangreichen Umbaumaßnahmen aufgrund veralteter Brandschutzanlagen. Die Katastrophe nimmt ihnen Lauf, als Restaurator Olde Husink Verhooff darüber aufklärt, dass der vermeintlich echte Rothko eine Fälschung ist.

Bei jedem Satz, den Olde Husdink sagte, kam es Veerhoff so vor, als würde ihm Blut abgezapft. Die Worte des Restaurators waren der Schlauch, durch den seine Lebenssäfte hinwegflossen. Durch seine Adern strömte lediglich noch eines der Lösungsmittel, mit denen Olde Husdink zu arbeiten pflegte.

Joost Zwagerman entfaltet nun in der Novelle eine veritable Verfolgungsjagd rundum das Rothko-Gemälde, das, eingebettet in eine größere künstlerische Vision Emma Duikers, Fragen zur zeitgenössischen Rezeption der Kunst aufwirft. Wem gehört die Kunst? Den Menschen? Den Museen? Stinkreichen Sammlern, die ihre Leinwandtrophäen der Öffentlichkeit entziehen? Allen? Und was ist überhaupt Kunst? Verhooff steht plötzlich an einem Scheideweg seiner Karriere. Immer als der junge, dynamische und progressive Kunstverständige gefeiert, der in unanständig jungem Alter in unanständig gute Positionen geraten ist, spürt er nun einerseits Sympathien für ein anarchisches Kunstprojekt, das innerhalb des Betriebs noch etwas zu bewegen imstande wäre und andererseits seine Verantwortung als Museumsdirektor. Olde Husink, den er trotz einer Klausel in dessen Arbeitsvertrag, unter keinen Umständen jemals reisen zu müssen, angemessen medikamentiert mit auf die „Jagd“ nimmt, gehört der alten Garde an. Denen, die noch Ölgemälde restaurieren können, während andere bloß die Glühbirnen einer Installation auswechseln. Er ist skeptisch, von Anfang an; zu Recht. Das titelgebende Duell ist nun vielmehr als eine Ausstellung, es ist das Leitthema von Zwagermans brillant konstruierter Novelle. Das Duell findet statt zwischen Emma und Jelmer, zwischen dem Betrieb und seinen Rebellen, die früher oder später so oft wieder Teil des Betriebs werden, zwischen verschiedenen Kunstauffassungen und Rezeptionsgewohnheiten.

Das waren nicht nur Farben – das waren die Elemente. Farbe als Wasser und Feuer, Farbe als aufglühende Erde und leise säuselnde Luft. Doch auch Farbe als theatralisches Drama, Farbe als heitere Erzählung, Farben, die, wie Rothko selbst es umschrieben hatte, »atmeten«.

Es ist ein herber Verlust, dass Joost Zwagerman sich 2015 das Leben nahm. Immer wieder hatte der umtriebige und hochproduktive Autor mit Depressionen zu kämpfen, im Herbst 2015 schließlich hat er den Kampf verloren, obwohl es Besserung zu geben schien. Duell ist eine lohnenswerte Möglichkeit, einen Einstieg in Zwagermans Werk zu finden, auch wenn leider vieles nicht mehr erhältlich und vergriffen ist. Zwagerman jedenfalls ist mit Duell, das in den Niederlanden bereits 2010 erschien, eine intelligente und rasante Satire geglückt, die in all ihrer Absurdität und ihrem hintergründigen Witz die richtigen Fragen stellt. Eine unerhörte Begebenheit mit Nachwirkung und großem Unterhaltungsfaktor!

Andere Eindrücke auch bei lustauflesen.de, masuko13 und pinkfisch.

Joost Zwagerman: Duell. Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens. Weidle Verlag. 160 Seiten. 17 €.

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