Blogbuster, Kultur
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Blogbuster: Phase zwei.

Die erste Phase des Blogbuster-Projekts ist abgeschlossen. Will sagen: alle Manuskripte sind eingereicht und auf die jeweiligen Wunsch-Blogger verteilt. 252 Beiträge gehen ins Rennen, 40 davon sind auf meinem virtuellen Schreibtisch gelandet. Was ist bisher passiert und wie geht es jetzt weiter? 

Schon vor Einsendeschluss versuche ich immer wieder, einen Überblick über das zu behalten, was mir vertrauensvoll zur Begutachtung überlassen wird; nicht immer gelingt das. Manches kann ich schnell aussortieren, weil es nicht den Teilnahmebedingungen entspricht, an anderem knabbere ich länger. Ist es gut? Ist es originell? Kann man daraus etwas machen? Schnell fällt mir auf, dass meine öffentlich bekundete Vorliebe für das Abseitige offenbar besonders eine Sorte Text anzieht: die Lebensüberdrussbewältigungsliteratur. Man findet seinen Platz im Leben nicht, ist orientierungslos und demonstrativ gleichgültig; Protagonist versucht gelegentlich erfolglos zu schriftstellern. Literatur wie diese fußt vielleicht häufig auf dem Missverständnis, dass das Abseitige nicht allein durch seine Abseitigkeit Tiefe und Qualität erhält. Mit mehr oder weniger gelungenen Referenzen auf Popkultur und Philosophie versucht mancher seinen Text irgendwie aufzuwerten, meistens erfolglos. Ich verstehe den Gedanken dahinter, das Bedürfnis, erworbenes und liebgewonnenes Wissen um Theoreme und Weltenlauf auch irgendwie in einen Text zu überführen. Allzu oft aber wirkt es erzwungen, gewollt, häufig wie ein Gedankentagebuch. Nicht, dass ich anderen sagen wollte, wie „erzählen“ funktioniert – beherrsche ich es selbst doch nur leidlich und alle Jubeljahre mal bei Vollmond -; eines aber fällt mir auf: einigen Texten fehlt die erzählende Kraft und eine Ebene, die über die bloße Verhandlung von Gedanken hinausgeht. Manchmal lese ich Seite um Seite, ohne, dass sich irgendein Handlungsgerüst oder wenigstens die kreative Verweigerung eines solchen erkennen ließe. Es scheitert mitnichten immer am Stilistischen; oft eben auch am Baulichen oder Strukturellen.

Ich habe es mir nicht leicht gemacht. Manche Texte ließen eine Menge Talent erkennen, vielleicht aber weniger für einen Roman. Der Roman ist omnipräsent, aber nicht für jeden geeignet. Vor nicht allzu langer Zeit sagte mir noch jemand: es gibt hervorragende Autoren, die keinen Roman zustandebringen und mit sich und ihrer Autorenschaft mithin hart ins Gericht gehen. Ohne es zu müssen. Ein guter Text kann vieles sein. Am Ende habe ich mich schließlich, nach einigem Hin und Her, nach mancher Enttäuschung und Überraschung (einen meiner Favoriten hatte ich eigentlich schon aussortiert) für vier Manuskripte entschieden, aus denen ich am Ende den Kandidaten küren werde, der auf der Blogbuster-Longlist landen wird (wird im März bekanntgegeben). Einige hundert Seiten liegen nun vor mir, diese vier Manuskripte sind in meine Endausscheidung gelangt:

Mit Ingo Bartsch hat sich mein erster Favorit weiterhin im Rennen gehalten; die Geschichte des Hundeentführers wider Willen, die ich schon in meinem ersten Beitrag zum Blogbusterprojekt erwähnt habe. Trotzdem ich seinerzeit wenig verraten habe, erfreute sich der Ausschnitt aus dem Text einiger Beliebtheit:

Marlene Fleißig erzählt eine ganz andere Geschichte in völlig anderem Stil. Es ist die Geschichte zweier ungleicher Schwestern vor nordspanischer Kulisse, „wo Schinken dicker ist als Blut und das Meer die Schwimmer von den Felsen pflückt wie reife Früchte.“ Marlene Fleißig hat einen Blick für Landschaften und Stimmungen, der mir erst beim zweiten Lesen wirklich bewusst wird. Sie erweckt die Natur zum Leben.

Ich fuhr ein paar Kilometer weiter, zu einer kleinen Bucht, die man ollo nannte. Denn hier legten sich Felsen wie ein Wimpernkranz ums Meer und ein paar hundert Meter weit draußen lag die schwarze Pupille der Bucht, eine merkwürdig rundgeschliffene Felsformation.

Mit Konrad Roenne geht es wieder etwas Humoristischer zu. Im Mittelpunkt eine Seniorengruppe, deren Ausflug zu einem Reiterhof sich unverhofft zu einem skurrilen Roadmovie entwickelt. Es beginnt mit dem plötzlichen Verschwinden von Herrn Bembens Rollator in der sogenannten „Nachlasskammer“ und endet in einer „gemächlichen Verfolgungsjagd“, wie der Autor selbst sagt.

Nein, is doch viel zu spät schon!, doch mittlerweile war Frau Stuff in Bembens Zimmer gegangen ohne anzuklopfen und hatte das Licht angeknipst; da gingen wir natürlich hinterher und sahen dort Heisterkamp wie einen moosigen Findling mit seinem Lodenmantel im Bett liegen: seine Augen waren offen, doch offensichtlich traute er sich nicht, nach der Tür und den Eindringlingen in seinem Zimmer zu schauen.

Doris Brockmann bringt mich mit Putzmacherin Rosa auf einen vermeintlich aussterbenden Beruf und in einen kleinen Ort, der etwas Märchenhaftes und Versponnenes an sich hat. Hier bricht nicht die Hektik aus, hier versucht man sich im Kleinen zu arrangieren, erzählt Geschichten, hütet Träume. „Leben ist Umgang mit der Sabotage am Glück“, schreibt Doris Brockmann. Das Glück in Bhutan hat ja schon desöfteren Anlass für Geschichten geliefert (zuletzt in Weshalb die Herren Seesterne tragen), so auch hier. Denn in Bhutan steckt Hut, steckt Rosas Profession, die sie mit der Hilfe eines romantischen Buchstabenjongleurs aus Schulzeiten zu verwirklichen versucht. Glück ist für jeden anders.

Wenn es ein schlechter Tag ist, beträgt die Wartezeit zwei Stunden vom Aufwachen an, bis die Stecknadelspitzen ihren Rückzug aus den kleinen Gelenken angetreten haben, bis Fäden, Perlen, Schleier und Federn sich gut greifen lassen, das Bügeleisen angehoben, die Appretur aufgesprüht werden kann. Am Nachmittag und Abend geht da mehr. Drum ist der Hutladen erst ab halb drei geöffnet, schließt dafür auch erst um halb acht. Ein gute Zeitspanne für den Kauf eines Hutes. Von morgens bis mittags sind die wenigsten Menschen in der Lage oder Stimmung, sich einen Hut anzuschaffen.

Aus diesen vier Manuskripten werde ich auswählen, was ich der Fachjury vorlege – entschieden ist mit dieser, meiner Auswahl hier also noch gar nichts. Zuletzt noch eine Anmerkung: hier und dort wurde die Namensnennung der AutorInnen kritisiert. Ich entscheide mich hier dennoch dafür, aus einem einfachen Grund: Die UrheberInnen dieser Texte verdienen, dass man sie nicht hinter blumigen Umschreibungen versteckt, sondern für das würdigt, was sie geschrieben haben. Selbst, wenn am Ende ein anderes Manuskript den Blogbuster gewinnt, haben die namentlich erwähnten AutorInnen die Chance, dass man auf sie zurückkommt. Ich möchte mich an dieser Stelle einfach nochmal für alle Einsendungen bedanken! Hut ab (wo wir bei Hüten waren) für den Mut, seinen Text auf diese Art der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Bild: Stocksnap.io

5 Kommentare

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  2. Corinna sagt

    Kritisiert wurde (jedenfalls von mir, wenngleich der Kommentar, den ich andernorts hinterließ, nie freigeschaltet wurde) die Namensnennung von AutorInnen, deren Texte im selben Zug bzw. Beitrag verworfen wurden – dergleichen finde ich nach wie vor gelinde gesagt überflüssig.
    Beste Grüße
    Corinna

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