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Nathan Hill – Geister

Hills Debütroman ist das, was man im besten Sinne einen Pageturner nennt. Geschmeidig geschrieben, fluffig zu lesen, wortgewandt, humorvoll und geschickt komponiert. Samuel Anderson, der typische Literaturprofessor amerikanischer Machart, begibt sich aus finanziellen Gründen auf die Suche nach seiner Mutter. Die hat ihn und die Familie von einem Tag auf den anderen verlassen und tritt nun als sogenannter „Packer-Attacker“ steinewerfend ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Was folgt, ist nicht nur die Erkundung einer mütterlichen Biographie, sondern auch ein Stück amerikanische Geschichte.

Samuel Anderson ist gelangweilt und desillusioniert. Er muss sich mit Schülern herumplagen, die an Hamlet im Speziellen und der Literatur im Allgemeinen kein Interesse haben. Mit Schülerinnen, die ihre Seminararbeiten fälschen, daran nichts Verwerfliches finden können und um keine dumme Ausrede verlegen sind. Vor einigen Jahren hatte er selbst schriftstellerische Ambitionen, die ihm zwar einen Buchvertrag mit gewaltigem Vorschuss eingebracht, aber kein Buch gezeitigt haben. Nun steht sein windiger Verleger Periwinkle auf der Matte und verlangt den längst verjubelten Vorschuss zurück. In seiner Notlage gesteht er, die Frau zu kennen, die allerorten als „Packer-Attacker“ von sich reden macht. Sie hat den republikanischen Gouvernor Packer, der (von Hill unbeabsichtigt) gewaltige Ähnlichkeiten mit Donald Trump aufweist, vor laufenden Kameras mit Steinen beworfen. Der schlachtet das hemmungslos für seinen laufenden Wahlkampf aus; Samuel wiederum verspricht Periwinkle, seiner Mutter und ihrer Vergangenheit auf die Spur zu kommen, um ein skandalöses Buch über sie zu schreiben. Der Roman springt immer wieder von der Gegenwart 2011 in die nähere (1988) und fernere (1968) Vergangenheit und beleuchtet dabei vorallendingen die Unruhen in Chicago nach der Ermordung Martin Luther Kings. Samuels Mutter gerät mit Beginn ihres Studiums mehr oder weniger unfreiwillig in die Kreise studentischer Friedensaktivisten, deren Engagierte im April 1968 während eines Kongresses der Demokraten gewaltsam mit der Polizei zusammenstoßen.

Hätte Samuel gewusst, dass seine Mutter weggehen würde, hätte er vielleicht besser aufgepasst, hätte ihr genauer zugehört, sie eingehender beobachtet, sich ein paar wichtige Dinge aufgeschrieben. Vielleicht hätte er sich auch anders verhalten, anders gesagt, wäre ein anderer Mensch gewesen. Vielleicht ein Kind, für das es sich gelohnt hätte zu bleiben.

Hill erzählt eine Geschichte in der Geschichte, die nicht nur das Vorgehen der Friedensbewegung der kritischen Betrachtung aussetzt, sondern auch ein individuelles Schicksal nachzeichnet. Samuels Mutter ist die Tochter eines norwegischen Einwanderers, fügsam und angepasst. Sie wünscht sich einen empfindsamen Dichter wie ihren Helden Ginsberg und heiratet schließlich einen Handelsvertreter für Tiefkühlkost. Bereits mit ihrem Studium in Chicago hat sie versucht, sich aus einem zu engen Leben zu befreien, doch nachdem sich dort die Ereignisse überschlagen, kehrt sie zu ihrem Mann Henry zurück und fügt sich. So lange jedenfalls, bis die Sehnsucht nach mehr sie erneut von ihrer Familie entfremdet. Ihr Sohn Samuel ist ihr zu zartbesaitet, ihr Mann zu phlegmatisch. Nach und nach setzt Hill die Puzzleteile der Familiengeschichte zusammen, verzettelt sich dabei aber zuletzt immer wieder. Die Nebenhandlung eines Videospielsüchtigen, der Samuel – auch Spieler in einer Online-Fantasywelt – wichtige Anhaltspunkte auf der Suche nach seiner Mutter liefert, ufert aus. So wird sein Ausscheiden aus der Onlinewelt in einem langen Kapitel wiedergegeben, das aus kaum mehr als einem Satz besteht und die Rahmengeschichte um nichts bereichert. Die Geschehnisse des 5.April 1968 werden in sehr kurzen Kapiteln so erschöpfend aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, das am Ende kein Millimeter Raum bleibt für eigene Gedanken und Bilder. Hier liegt eines der Probleme des Romans: er will nichts dem Zufall oder der Vorstellung des Lesers überlassen, ausnahmslos alles wird detailliert und wortreich geschildert, jeder Gedanke und jedes Gefühl. Nicht immer gerät das zum Nachteil des Romans, denn Hill ist eloquent und witzig. Manche Pirouette aber hätte er nicht drehen, manchen Nebenschauplatz nicht eröffnen müssen; ihr Fehlen hätte dem Roman nicht geschadet. Am Ende fügt sich alles irgendwie zusammen auf eine Art, die nur ein Roman ermöglicht – scheinbar mühelos, offenkundig konstruiert und etwas unerwartet.

Man hat immer wieder den Eindruck, dass die Worte exakt in dem Moment seinen Mund verlassen, da sie ihm in den Sinn kommen. Er redet, ohne sich um Kontext oder Syntax zu scheren oder auch nur zu versuchen, seine Sätze inhaltlich mit dem in Verbindung zu bringen, was gerade sein Thema ist. Sein Redestil ist eine Art verbaler Impressionismus.

Nichtsdestotrotz hat „Geister“ Esprit und Witz, berührende Szenen, pointierte Dialoge. Hills ewas zu dick gefütterter Erstling macht Spaß und entwickelt sofort zu Beginn eine Sogwirkung, die er auch über einen Großteil des Textes am Leben erhält. Im letzten Drittel bröckelt es dann etwas, verliert der Roman an Überzeugungskraft und Lebendigkeit.

Nathan Hill: Geister. Aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence und Kathrin Behringer. Piper Verlag. 864 Seiten. 25 €

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