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Das Debüt-Bloggerpreis: Mein Preiskandidat

Fünf Debütromane haben es auf die Shortlist des erstmalig von Bloggerseite ausgelobten Preises für das beste Erstlingswerk des Jahres geschafft. Stilistisch ganz unterschiedlich, einen sie doch alle die Themen Macht und Gewalt in der einen oder anderen Form: persönliche und private Gewalt, politische Verfolgung, Diktatur, Mord, Korruption, Ideologie.

Die Entscheidung für einen Favoriten aus diesen fünf AnwärterInnen war keine, die sich aus dem Ärmel schütteln ließ. Katharina Winklers Roman um die junge Filiz, die den grausamsten Formen häuslicher Gewalt ausgesetzt ist, geht unter die Haut. Nicht nur wegen des Themas, sondern vor allem wegen der zurückgenommenen und bildhaften Sprache, die den Versuch wagt, das Unbeschreibliche zu beschreiben, das Unsagbare zu sagen. Indem Blauschmuck tief in die Gedankenwelt der Betroffenen eintaucht, legt der Roman destruktive Dynamiken und Selbstbilder bloß,  die bereits den Boden für die Gewalt ebnen. Auch Sonja Harters Weißblende spielt nicht zufällig in einem Tal, in dem die umliegenden Berge bereits die Begrenzung der Welt darstellen. Kaum einem Dorfbewohner gelingt es, diese Enge zu überwinden, die wenigsten haben Interesse daran. Es ist „eine unwegsame Gegend, wo die Symphonien zwischen den Hochspannungsmasten dich in den Schlaf wiegen.“ Aber es ist ein unruhiger Schlaf. „Hier werden die Hände unweigerlich braun: auf den Straßen, auf den steilen Feldern, in den Ställen, in den Vaginas der minderjährigen Töchter.“ Harter beschreibt ein dörfliches Milieu, in dem die Gewalt hinter verschlossenen Türen, hinter blickdichten Gardinen stattfindet; in dem sie ein offenes Geheimnis ist. Matilda will ausbrechen aus einer Welt, in der ihr Vater sich über den frühen Tod der Mutter ausschweigt und sie jahrelang über die wahre Todesursache belogen hat. Aber um frei zu sein, begibt sie sich schlussendlich doch erneut in Gefangenschaft.

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Donald Trump prahlte im Wahlkampf, sein erklärtes Ziel sei es, „den Sumpf auszutrocknen“, will sagen, der Korruption und Vetternwirtschaft in der herrschenden Politik den Kampf anzusagen. Wenn einer der Shortlistkandidaten im Gegensatz zum amerikanischen president-elect dieses Versprechen erfüllt, dann ist es Uli Wittstock. Mit größmöglicher Akribie werden in Weißes Rauschen (das den Untertitel ,Die sieben Tage von Bardorf‘ trägt und nicht zufällig leise Assoziationen an ,Die 120 Tage von Sodom‘ weckt) ausgehend von einem Mordfall an Redakteur Manfred Wilkhahn politische Seilschaften und Gefälligkeiten aufgedeckt. Von Kommunalpolitik, organisiertem Verbrechen und Kulturbetrieb bishin zu Absprachen bei örtlichen Fußballvereinen, das Netz ist weit verzweigt und Manfred Wilkhahn spielte bis zu seinem Tod eine zentrale Rolle darin. Wittstocks Sprache ist genau, an manchen Stellen fast chirurgisch präzise, sodass man nicht umhin kommt, sie, ähnlich wie die Bardorfer Kungelei, als eine gut funktionierende Maschine zu begreifen, deren Räder perfekt ineinandergreifen. Wittstock entfaltet das Panorama einer Stadt ohne Fluss (immer wieder wird Bezug auf diesen Mangel genommen), der den Schmutz und Dreck aus der Stadt spülen könnte. Es herrschen verkrustete Strukturen, bis der Mord erste Risse sichtbar werden lässt. Es ist ein ambitionierter Roman, der gelegentlich über das Ziel hinausschießt (und dem, man muss es leider anmerken, eine etwas konzentriertere Rechtschreibprüfung seitens des Verlages gut getan hätte).

Politisch wird es auch in Shida Bazyars iranischer Familiengeschichte Nachts ist es leise in Teheran. Über mehrere Generationen hinweg vollzieht Bazyar den politischen Wandel nach. Zunächst noch vom Schah zu Chomeini im Iran selbst aus der Perspektive der politisch engagierten Eltern, dann aus einer Außenperspektive der Kinder, die nach der Flucht in Deutschland aufwachsen. Diese Doppelperspektive von außen und innen, nochmals gebrochen durch verschiedene Generationen, macht den Roman ausgesprochen reizvoll. Nicht nur, weil er Einblicke gewährt in das Leben im Iran und dabei im Zehn-Jahres-Rhythmus große Brücken schlägt, sondern auch weil er die Themen Flucht, Heimat und Identität auf sehr gelungene Weise aufgreift. Wie viel bleibt den Kindern von ihrem Heimatland, können Sie sich noch damit identifizieren? Sind ihnen Gebräuche fremd, aus denen ihre Eltern noch Geborgenheit und Sicherheit gewinnen können? Welche Vorurteile existieren auf beiden Seiten, in der ursprünglichen Heimat über Deutschland und umgekehrt? Bazyar erzählt von zerschlagenen Hoffnungen und Neuanfängen in einem ganz eigenen Ton, getragen von der Innenperspektive der Figuren. Philip Krömers Ymir packt das Politische von einer ganz anderen Seite an, indem er seine grandiose Abenteuer-Groteske kurzerhand nach Island und in die Hände eines ausgesprochen souveränen, wenn auch nicht unbedingt verlässlichen Erzählers legt.

cover-ymirEine Gruppe von getreuen Nationalsozialisten wird kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gebeten, im Isländischen ein scheinbar bodenloses Loch zu untersuchen. Diese absurde Mission gerät zu einer Reise durch den Volkskörper (mit wunderbaren Illustrationen eines Lehrbuchs aus den 30er Jahren versehen), an deren Ende eine gefestigte Ideologie gefährlich ins Wanken gerät. Krömer nimmt gekonnt und scheinbar mühelos diverse Stereotypen aufs Korn; so trägt einer der Expeditionsteilnehmer einen Plattenspieler samt Wagneroper bei sich. Die nordische Mythologie zeichnet nicht nur für den skurrilen Titel verantwortlich, sondern wird im gesamten Text immer wieder aufgegriffen. Als der Erzähler, der als Berichterstatter und braver Bürger entsandt wird, seine Begleiter vorstellt, geizt er nicht mit spitzen Seitenhieben: „Von VonUndZu hieß es (KleinHeinrich klärte mich vor dem Abflug auf), er sei vor kurzem aus Tibet zurückgekehrt, wo er die Schädel der Einheimischen untersucht habe, ohne jedoch blonde Strähnen daran entdeckt zu haben.“ Dieser Roman ist schelmisch von seinem Anfang bis zu seinem Ende, wagemutig, ganz und gar unkonventionell, ziemlich komisch und vollkommen absurd. Krömers frische und hochintelligente Stimme hat Aufmerksamkeit verdient! Dieses Gesamtpaket lässt ihn mich als meinen Favoriten auswählen, ganz knapp vor Katharina Winkler (Interview) und Shida Bazyar. Man hatte es wirklich nicht leicht mit dieser beeindruckenden und qualitativ ausgewogenen Shortlist!

Mein Jurystimme geht also an: Philip Krömer – Ymir oder aus der hirnschale der himmel, homunculus Verlag, 216 Seiten, homunculus Verlag, 19,90 €

Am 15. Dezember wird auf Das Debüt der Gewinner oder die Gewinnerin bekanntgegeben. Die Preisverleihung (Urkunde und 500 € Preisgeld) findet im Frühjahr in Essen statt.

3 Kommentare

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  2. Hallo Sophie,

    sehr schön zusammengefasst und auf den Punkt gesagt, warum du gerade dieses Buch gewählt hast. Philip Krömer, Katharina Winkler und Shida Bazyar stehen auch bei mir auf dem Treppchen. Wer das Rennen macht, steht noch nicht fest.

    Liebe Grüße
    Mitjuror Marc

  3. Also am Spannendsten bei dieser ganzen Sache finde ich, wie offensichtlich wird, dass jeder seine eigene Meinung hat. Ich bin total fasziniert, zu sehen, wie unterschiedlich jeder urteilt.

    Lächeln, Fabian.

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