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Julia Shaw – Das trügerische Gedächtnis

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Wer bislang glaubte, er könne sich, im Großen und Ganzen, auf sein Gedächtnis verlassen, den nötigt Rechtspsychologin Julia Shaw mit ihren Ausführungen zu demütiger Zurückhaltung. Unser Gedächtnis ist zwar einerseits ein biologisches Wunder, andererseits aber auch extrem stör- und fehleranfällig. Es funktioniert mitnichten wie ein linearer und dem chronologischen Ablauf verpflichteter Zettelkasten voller Erlebnisse; das Gedächtnis verfährt selektiv und rekonstruktiv. Und unter bestimmten Umständen ist es möglich, sich an Ereignisse zu erinnern, die niemals geschehen sind.

Wir erleben Wahrnehmung nur deshalb als kohärenten und fließenden Prozess, weil unser Gehirn fortwährend begründete Vermutungen anstellt und damit die Informationslücken füllt.

Jeder von uns kennt Menschen, die im Brustton der Überzeugung behaupten, sie könnten sich an ihre Geburt erinnern. Oder gar an die Zeit vor der Geburt, an die wohlige Geborgenheit im Bauch der Mutter. Neurowissenschaftlich gesehen ist so eine Aussage unhaltbar, so real sie sich auch anfühlen mag. Zu einem so frühen Zeitpunkt des Lebens ist das Gehirn nicht in der Lage, andauernde Erinnerungen zu produzieren. Wie können aber so viele Menschen dennoch sicher sein, sich an den Klaps auf den Po, den Arzt im Kreißsaal oder die ersten Lebensmonate zu erinnern? Julia Shaw macht mehrere Phänomene dafür verantwortlich. Darunter die Konfabulation (Auftauchen von Erinnerungen an Ereignisse, die nie geschehen sind) und die Quellenverwechslung. Zweiteres greift, wenn wir die Schilderungen anderer irgendwann für unsere eigene Erinnerung halten. Möglicherweise hat die Mutter so oft im Familienkreis eine Anekdote aus dem Kleinkindalter der Tochter zum Besten gegeben, das die sich an genau das Geschilderte zu erinnern glaubt, obwohl es sich dabei um eine fremde Erinnerung handelt. Das Gehirn neigt dazu, entstehende Leerstellen mit plausiblem Material auszufüllen, um eine stringente Erzählung zu konstruieren. Dieses Füllmaterial kann konfabuliert sein, aus Erzählungen oder Bildern Dritter stammen oder einer Vorstellung entsprechen, die weniger der Realität als den Wünschen an diese Realität entspricht. Erinnerung, das macht Julia Shaw schnell deutlich, ist keine feststehende und vertrauenswürdige Größe. Sie hat zwar großen Anteil an unserem Identitätsgefühl – wer wir sind, ergibt sich zu einem nicht unwesentlichen Teil daraus, was wir erlebt haben -, aber sie ist manipulierbar. Erinnerungen können suggeriert werden. Überraschenderweise nicht nur unter dem Druck einer polizeilichen Verhörsituation, der Unschuldige plötzlich detaillierte Mordgeständnisse hervorbringen lässt. Auch Erinnerungen an eine unverfängliche Ballonfahrt oder den Biss eines Hundes können mittels spezieller Techniken wie ein Fremdkörper in die eigene Biographie implementiert werden.

Allgemeiner gesagt bilden die Erinnerungen die Grundlage unseres Lebens und unserer Identität. Sie formen das, was wir erlebt zu haben und wozu wir uns daher auch in der Zukunft befähigt glauben. Aus all diesen Gründen können wir unser Gedächtnis nicht infrage stellen, ohne zugleich zwangsläufig die Fundamente unserer Identität infrage zu stellen.

Julia Shaw räumt mit vielen Volksweisheiten über das Lang- und Kurzzeitgedächtnis auf und führt vor, wie oft wir über uns selbst oder andere im Irrtum sind. So halten wir z.B. andere gewöhnlich für durchschaubarer als uns selbst. Sie nimmt Programme zur Effizienzsteigerung des Gedächtnisses kritisch unter die Lupe (kann man wirklich im Schlaf lernen?) und widmet sich auch insbesondere falschen Erinnerungen im strafrechtlichen Kontext. Wie vertrauenswürdig sind Zeugenaussagen? Woran lassen sich falsche Erinnerungen erkennen? Julia Shaw wird selbst häufig als Gutachterin in Fällen herangezogen, die möglicherweise auf falschen Erinnerungen basieren. Dabei betont sie zu jedem Zeitpunkt: eine falsche Erinnerung zu produzieren und von ihrer Korrektheit überzeugt zu sein, sei nicht gleichbedeutend mit einer Lüge. Wer lügt, äußere sich bewusst und wissentlich falsch zu einem Sachverhalt; wer auf der Grundlage falscher Erinnerungen aussagt, tut das in der Überzeugung, die Wahrheit zu sagen. Falsche Erinnerungen sind für den Betroffenen emotional durch nichts von einer korrekten Erinnerungen, soweit man von einer solchen überhaupt sprechen kann, zu unterscheiden. Shaw gibt auch im psychologischen Kontext zu bedenken, dass ein Phänomen wie Verdrängung (ursprünglich ja auch ein Terminus der Psychoanalyse) neurowissenschaftlich durch nichts zu belegen ist. Praktizierende Psychotherapeuten könnten hier möglicherweise zum Widerspruch ansetzen. Das Thema „falsche Erinnerungen“ jedenfalls ist immer auch unweigerlich mit psychischen Traumata, insbesondere sexuellem Missbrauch in der Kindheit, verbunden. Der Sensibilität speziell dieses Themas ist sich Shaw aber bewusst, vom vielfach beschworenen False Memory Syndrome, das begrifflich eine medizinische Störung nahelegt, distanziert sie sich. Unser aller Gedächtnis ist fehlbar und produziert immer wieder falsche Erinnerungen; üblicherweise bloß in kleinerem Rahmen.

Ohne ein Metagedächtnis, das uns hilft, die Verlässlichkeit unserer Erinnerungen zu überprüfen, die Plausibilität unserer Erinnerungen abzuschätzen und ganz allgemein die Fähigkeit unseres Gedächtnisses zu beurteilen, würden wir ständig irgendwo zwischen Realität und Imagination schweben. Das Metagedächtnis ist der Grund dafür, dass gesundere Erwachsene nicht immer denken, was sie sich vorstellen, sei auch wahr, und dass sie normalerweise ziemlich genau wissen, was sie erlebt haben und was nicht.

Das trügerische Gedächtnis ist ein lesbares und hochinteressantes Sachbuch, das mit profunder Kenntnis und Humor ein vielschichtiges Thema unterhaltsam zu vermitteln versteht. Es ist keines jener Bücher, für die man umfassende Vorbildung benötigt, sondern eines, das zum Weiterlesen und Hinterfragen anregt. Und nicht nur das: es ist eines, das zu Mäßigung und einer gesunden Form des Misstrauens gegenüber der eigenen Wahrnehmung einlädt. Das ist natürlich konkret im strafrechtlichen Zusammenhang relevant, wo es möglicherweise um die Verurteilung eines Unschudigen geht. Aber auch im täglichen Leben, in dem wir ständig mit Erinnerungen und Bildern konfrontiert sind, aus denen wiederum neue Erinnerungen erwachsen. (ein Stichwort aus der Geschichtswissenschaft wäre hier das kollektive Gedächtnis). Zu guter Letzt flößt es Respekt ein vor unserem Gehirn und seiner Leistungsfähigkeit. Wie es funktioniert, ist noch immer nicht in Gänze geklärt, aber dass es trotz gelegentlicher Ladehemmungen und Falschinformationen Enormes leistet, bleibt unumstritten.

Julia Shaw: Das trügerische Gedächtnis. Aus dem Englischen von Christa Broermann. Hanser Verlag. 304 Seiten. 22 €.

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