Graphic Novel
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Paco Roca – la casa

Mit Der Winter des Zeichners und Kopf in den Wolken hat sich der Spanier Paco Roca bereits einen Namen gemacht. Einfühlsame Geschichten und Zeichnungen sind sein Steckenpferd, individuelle Erlebnisse, das Kleine und Überschaubare, in dem sich Fragen größerer Relevanz verbergen. Bereits bei Kopf in den Wolken beschäftigte Roca sich mit dem Altern, dem Erinnern und Vergessen, allerdings aus der Perspektive eines Demenzpatienten. la casa wählt den Blickwinkel der Zurückbleibenden.

Nach dem Tod ihres Vaters kehren drei ungleiche Geschwister in das Ferienhaus ihrer Kindheit zurück. Dort hat der Vater die letzten Jahre allein verbracht, die Beete umgegraben und den Garten gepflegt. Eigentlich treffen die Geschwister bloß aufeinander, weil sie das Haus entrümpeln und verkaufen wollen. Doch im Zuge der gemeinsamen Arbeit, der gemeinschaftlichen Erinnerung an den Verstorbenen kommen sie sich nicht nur untereinander wieder näher, sie entdecken auch Facetten ihres Vaters, die ihnen zu seinen Lebzeiten verborgen geblieben sind. So hegte und hätschelte der Vater einen Feigenbaum wie kaum ein anderes Gewächs in seinem Garten, weil er ihn an seine Kindheit erinnerte. Wie auch in seinen anderen Arbeiten nutzt Paco Roca in la casa verschiedene Farbmuster, um vergehende Zeit oder Perspektivwechsel zu verdeutlichen. Die Vergangenheit erscheint in einem milden Rosa; die Gegenwart, in der José die ersten Aufräumarbeiten übernimmt, eher gelblich.

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Unweigerlich stellt sich in einem Haus voller Erinnerungen, eigener und fremder, die Frage, wie viel man voneinander wusste und wie viel über die Jahre ungesagt geblieben ist. So ist José überzeugt, dass sein Vater Antonio keinen Anteil an seiner Schriftstellerkarriere genommen hat, bis der Nachbar Manolo berichtet, der Alte habe doch ganz gern mit seinem Schriftstellersohn geprahlt. Im Ferienhaus verdichten sich plötzlich Familienkonflikte, deren Ursprung bereits länger zurückliegt. Unweigerlich drängen Fragen an die Oberfläche: weshalb ist der Vater gestorben, obwohl er sich vermeintlich auf dem Weg der Besserung befand? Hatten die Geschwister indirekt Anteil daran, indem sie ihm seine Fähigkeit, selbstbestimmt zu leben, in dem Glauben absprachen, Gutes zu tun? Und was weißt man eigentlich jemals von seinen Eltern? Paco Roca wirft in dieser zarten und leisen Geschichte, die wohl seine bislang persönlichste ist, all jene menschlichen Fragen des Zusammenlebens auf, deren Antworten uns erst wirklich beschäftigen, wenn der Trott des Alltags durchbrochen wird. Häufig folgt dem Verlust der Eltern ein Rekapitulieren, ein Bilanzieren des bisherigen Lebens und eine neuerliche Annäherung an den familiären Kreis. So auch in Paco Rocas Graphic Novel, in der das eigentlich zum Verkauf zurechtgestutzte Ferienhaus ein Ort der Begegnung wird und ein Anlass, alte Feindschaften und Animositäten beizulegen.

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la casa ist ein guter Einstieg für alle, die Paco Roca bislang nicht kennen. Unaufdringlich, zurückgenommen, mit einem untrüglichen Sinn für menschliche Beziehungen und Verwicklungen, erzählt Paco Roca all seine Geschichten. Ob sie nun von den Herausgebern einer wegweisenden Zeitschrift im Spanien Francos, dem Älterwerden und Verlust von Erinnerungen oder eben einer Familie handelt, die durch den Tod ihres Oberhaupts wieder zusammengeführt wird. Sie alle eint letztlich die Erfahrung, Teil der Familie und in ihr verwurzelt zu sein, Erinnerungen zu teilen, die bestimmt haben, wer sie heute sind. Viel Action ist nicht, aber viel Herz, Beobachtungsgabe und Liebe zum Detail.

Paco Roca: la casa. Aus dem Spanischen von André Höchemer. Reprodukt Verlag. 128 Seiten. 20 €.

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