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Carolin Emcke – Gegen den Hass

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Wer bislang glaubte, mit Carolin Emcke sei in diesem Jahr eine Friedenspreisträgerin des deutschen Buchhandels gekürt worden, die allseits geachtet und für ihre Kolumnen ebenso wie für ihre Essays und Berichte respektiert und angesehen ist, der durfte spätestens nach ihrer Rede in der Frankfurter Paulskirche gegenteilige Beobachtungen machen. Emcke wird als mittelmäßig verunglimpft, als banal, als kleinster gemeinsamer Nenner gutsituierter Moralisten oder schlicht: als Gutmensch. Je nachdem, wen man fragt. Inhaltliche Kritik an Emckes Analysen hingegen ist Mangelware.

Der Jurist Thomas Fischer wettert in seiner Kolumne: „Wir möchten unbedingt ebenfalls den Friedenspreis des deutschen Kuscheltuchhandels. Und spenden ihn dann an ein Waisenkind auf Haiti. Wir melden uns hiermit an auf der Warteliste der zehn verfolgtesten lesbischen Friedenskämpferinnen ohne eigene Meinung.“ Auf Facebook wird der polemische, unsachliche und zynische Artikel bejubelt. Bei Emcke handle es sich um „das gute Gewissen der deutschen Mittelmäßigkeit“. Und etwas suggestiv wird gefragt: „Ist sie tatsächlich eine derart banale, selbstgerecht jammernde, postkoloniale Weltenbemutterungsschwurblerin?“ Ein Kommentator schreibt: „In meiner Welt muss niemand kämpfen, der sich selbst akzeptiert.“ Und vielleicht liegt bereits dort eines der Probleme dieser schwachbrüstigen Emcke-Kritik, die statt sich inhaltlich auszubuchstabieren, an der Oberfläche kratzt und den Rebellen markiert. Vielleicht leben einige Kritiker tatsächlich, ohne damit pauschale Aussagen über alle von ihnen zu treffen, in einer Welt, der das von Emcke Geschilderte fremd ist. Hauptsächlich, weil sie nicht in die unangenehme Situation geraten, einer Minderheit anzugehören, die um ihre Rechte und die ihnen gewährte Akzeptanz noch immer kämpfen muss. Dabei enthüllt ja der Zusatz „in MEINER Welt“ bereits, dass es andere Welten des Erlebens geben könnte, dass die eigene Wahrnehmung keinen Anspruch auf absolute Richtigkeit hat. Diese Marotte allerdings, das selbst Empfundene und Erlebte als objektive Tatsachen zu bewerten, grassiert ja dieser Tage nicht nur im Umfeld von unreflektierten Emcke-Kritikern. Dabei täte uns allen der gelegentliche Blick über den Tellerrand gut, der Schritt aus der Komfortzone, in der all diese vielbeschworenen Ungerechtigkeiten nicht sichtbar sind. Es wusste aber schon der, der den Kopf in den Sand steckt, dass unsichtbar nicht inexistent bedeutet.

Nun, ich halte es für keinen zivilisatorischen Zugewinn, wenn ungebremst gebrüllt, beleidigt und verletzt werden darf. Ich halte es für keinen Fortschritt, wenn jede innere Schäbigkeit nach außen gekehrt werden darf, weil angeblich neuerdings dieser Exhibitionismus der Ressentiments von öffentlicher oder gar politischer Relevanz sein soll.

Mit Gegen den Hass versucht Carolin Emcke, Mechanismen des strukturellen Hasses nachzuvollziehen. Hass entsteht nicht einfach so, er bedient sich bereits bestehender Narrative und Strukturen. Die existieren nicht seit jeher, sondern sind gemacht und werden gepflegt. Für die derzeit ausgesprochen polarisierte politische Lage war bereits vor der Flüchtlingskrise des Sommers 2015 eine Infrastruktur vorhanden, die bis in die frühen 90er zurückreicht. Emcke plädiert für ein Hinsehen, das sich nicht bereits an der Oberfläche in Form von simplen Kategorisierungen erschöpft, sondern das wahrlich differenziert. Ein Hinsehen, das eine Auseinandersetzung mit Behauptungen und Thesen verlangt, nicht bloß eines, das sich unter Zuhilfenahme des berühmten Bauchgefühls in Rekordgeschwindigkeit eine Meinung zusammendrechselt, gegen die alle nachweisbaren Fakten machtlos sind. Es wäre schön, wenn wir damit aufhören könnten, ad hominem zu diskutieren, sondern uns inhaltlich mit dem beschäftigen würden, wovon die Rede ist. Es wäre schön, wenn wir dort schweigen könnten, wo Wissen und Erfahrung uns nur schwammige Urteile erlauben – so lange jedenfalls, bis dieser Mangel beseitigt ist.

Die Sorge erlebt zur Zeit eine erstaunliche Aufwertung. In der Sorge, so die rhetorische Suggestion, artikuliere sich ein berechtigtes Unbehagen, ein Affekt, der politisch ernstgenommen und keinesfalls kritisiert werden sollte. Als seien ungefilterte Gefühle per se berechtigt. Als käme unreflektierten Gefühlen eine ganz eigene Legitimität zu.

Die Lösung, so Emcke, könne jedenfalls nicht sein, Hass mit Hass zu beantworten, Ressentiments mit Ressentiments. Das trägt allenfalls zur Verschärfung und Verhärtung der Situation bei, nicht zu ihrer Entspannung. Demzufolge ist es wohl wenig zielführend, jeden Kritiker aktueller Politik wahlweise der AfD, Pegida oder der verschwörungstheoretischen Allianz zuzurechnen; bloß, was rassistisch ist, muss auch rassistisch genannt werden. Die, die Emcke für banal halten und ihre Forderungen für selbstverständlich, scheinen zu vergessen, für wie viele Menschen diese „Selbstverständlichkeiten“ im Umgang mit anderen schon längst nicht mehr gelten. In einer Facebook-Kommentarspalte wird auf gönnerhafte Art Emckes Anmerkung in Frage gestellt, jeder Schwarze sei einzigartig. Man müsse da, so der Kommentator, doch bloß einmal die Opfer der Kölner Silvesternacht befragen (in diesen Zusammenhängen ein Totschlagargument). Wie selbstverständlich ist angesichts solcher Einwürfe die Einzigartigkeit eines jeden Menschen, gleich welcher Herkunft, Hautfarbe, sexuellen Orientierung? Ja, Emcke denkt von den Minderheiten her, die Diskriminierung erfahren, nicht von der Mehrheit, die diese Diskriminierungen entweder als Hysterie abtut oder gar nicht erst wahrnimmt. Aber was soll daran verwerflich sein? Kritikwürdig? Verachtenswert? Ist es auch hier wieder die Angst vieler, dass jemand in ihr Leben eingreifen und ihre Freiheiten zugunsten der wenigen beschneiden will? Vielleicht. Vielleicht liegt dem die einfache Rechnung zugrunde: wo der eine mehr Rechte bekommt, müssen sie einem anderem genommen werden. Dumm nur, dass davon nirgendwo bei Carolin Emcke die Rede ist.

Wirklich im Plural zu existieren bedeutet wechselseitigen Respekt vor der Individualität und Einzigartigkeit aller. Ich muss nicht genauso leben oder glauben wollen wie alle anderen. Ich muss die Überzeugungen und Praktiken anderer nicht teilen. Sie müssen mir weder verständlich noch sympathisch sein. Auch darin besteht die enorme Freiheit einer wirklich offenen, liberalen Gesellschaft: sich nicht wechselseitig mögen zu müssen, aber lassen zu können. Dazu gehören ausdrücklich auch jene religiösen Vorstellungen, die manchem vielleicht irrational und unverständlich erscheinen.

Das impliziert ausdrücklich auch jene, die von alltäglichen Diskriminierungen wie sie Behinderte, Homo- und Transsexuelle oder Menschen spezieller Herkunft oder religiöser Überzeugung erleben, unberührt bleiben. Sie müssen das nicht verständlich finden oder sympathisch, bloß das Aufbegehren gegen diese Diskriminierung nicht als ungerechtfertigt abwerten. Je weniger homogen eine Gesellschaft ist, desto freier ist sie in ihren individuellen Lebensentwürfen und -formen. Und ist es nicht die Freiheit unserer westlichen Welt, die so viele gern gegen die Bedrohung von außen schützen wollen? Die Bedrohung existiert auch innergesellschaftlich durch eine verrohte Debattenkultur und einen Mangel an Differenzierung und Empathie. Auch das beschreibt Emcke deutlich, wenn sie den Vorfall in Clausnitz Anfang dieses Jahres oder den Mord an Eric Garner auseinandernimmt. Es ist nicht neu, aber aufs Neue virulent: der Hassende verschmilzt einzelne Persönlichkeiten zu einem Kollektiv, in dem individuelle Unterschiede vollkommen negiert werden. Jeder Flüchtling, jeder Schwarze steht nur noch exemplarisch für das Kollektiv, längst schon nicht mehr für sich selbst. Und im Fall von Clausnitz merkt sie an:

Die Geflüchteten wurden von denen, die sie angeblich fürchten, also nicht gemieden, die Geflüchteten lösten nicht Abscheu aus oder Ekel, sondern im Gegenteil: Sie wurden gesucht und gestellt. Wären Angst oder Sorge die entscheidenden Motive für die Protestierenden (wie gern behauptet wird), sie suchten nicht deren Nähe. Wer angsterfüllt ist, möchte zwischen sich und die Gefahr eine möglichst große Entfernung bringen. Der Hass dagegen kann sein Objekt nicht einfach umgehen oder auf Distanz halten, er braucht seinen Gegenstand in greifbarer Nähe, um ihn „vernichten“ zu können.

Ist Gegen den Hass nun banal? Ohne großen Anspruch? Klar ist: Emcke erfindet weder in ihrer Rede noch in ihrem Buch das Rad neu. Wer das erwartet hat, der wird enttäuscht. Carolin Emcke ist nicht unbequem. Das macht sie allerdings nicht automatisch trivial. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird schließlich nicht für intellektuelles Rowdytum verliehen, nicht für spitze Ellbogen in aufgeheizten Debatten, sondern er geht an eine Persönlichkeit, „die in hervorragendem Maße vornehmlich durch ihre Tätigkeit auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat.“ Emcke sagt nichts, was der aufmerksame Leser oder die aufmerksame Leserin nicht schon zuvor irgendwo aufgeschnappt hat. Es gibt keinen krassen „Aha“-Effekt. Manches im Buch wiederholt sich, wirkt beschwörerisch. Nichtsdestotrotz enthält es wichtige Beobachtungen in einer Sprache, die nicht nur für die zugänglich ist, die ohnehin bereits alles wissen. Und selbst wenn wir all das schon tausendmal gehört hätten. In einer Zeit, in der im Netz täglich beleidigt, verhöhnt und zum „Sterbengehen“ aufgefordert wird, in der auf offener Straße rassistische Parolen gebrüllt und Geflüchtete tätlich angegriffen werden, kann man das Selbstverständliche vielleicht nicht oft genug sagen. Laut und vernehmlich, wie Carolin Emcke es seit Jahren tut. Wem das nicht reicht, dem sei es unbenommen, sich selbst zu engagieren.

Carolin Emcke: Gegen den Hass. Fischer Verlag. 240 Seiten. 20 €.

1 Kommentare

  1. Liebe Sophie,
    ach wie schön, einmal eine Besprechung zu lesen, in der die Argumentation und die Überlegungen und Analysen im Vordergrund stehen und nicht schon von vorneherein mit der Frage an den Text herangegangen wird, was denn hier bahnbrechend Neues stehe. In der ZEIT stand auch solch eine kritische Betrachtung der Äußerungen Emckes. Meiner Meinung nach brauchen wir einfach auch diese Texte, die vielleicht nicht gar so viel Neues sagen, uns aber erinnern und aufrütteln und in unserer moralischen Haltung unterstützen und bestärken. Dass wir sehen, dass nicht nur die fünfzehn Prozent für sich reklamieren können, das Volk zu sein, sondern dass auch die anderen wieder eine Stimme finden und sie erheben. Dass wir – wieder – bestärkt werden in unserer Haltung, wir, die wir uns gerade ungläubig die Augen reiben angesichts des gerade zu beobachtenden gesellschaftlichen Rückschritts, wähnten wir und doch in der Sicherheit, dass solch ein Hass, solch ein Ausgrenzen von Einzelnen und Gruppen nach unseren Erfahrungen in den 1920er und 1930 er Jahren (und diese Geisteshaltung lässt sich ja auch weiter zurückverfolgen) nicht mehr möglich sei. Und so schreibst Du ja auch völlig zu Recht: „Und selbst wenn wir all das schon tausendmal gehört hätten. In einer Zeit, in der im Netz täglich beleidigt, verhöhnt und zum „Sterbengehen“ aufgefordert wird, in der auf offener Straße rassistische Parolen gebrüllt und Geflüchtete tätlich angegriffen werden, kann man das Selbstverständliche vielleicht nicht oft genug sagen. Laut und vernehmlich, wie Carolin Emcke es seit Jahren tut. Wem das nicht reicht, dem sei es unbenommen, sich selbst zu engagieren.“
    Viele Grüße, Claudia

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