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Über Apollokalypse: Ein Streitgespräch

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„Apollokalypse“ ist ein polarisierender Longlistkandidat. Entweder, man bricht angesichts seiner verwinkelten und überdrehten Machart in Lobeshymnen aus oder man lehnt seine Maniriertheit und zahllosen Anspielungen auf Literatur, Kultur und Historie ab. Mit dem begeisterten Buchpreisbloggerkollegen Gérard Otremba habe ich über das sprachgewordene Enfant terrible gesprochen. Er ist voll des Lobes, ich bin von den überkandidelten Spirenzchen des Romans ermüdet.

Sophie: Was würdest du als größte Qualität des Romans bezeichnen?

Gérard: Die intellektuelle Herausforderung, die „Apollokalypse“ zweifellos darstellt.

S: Ja, ich gebe dir insofern Recht, dass der Text seinen Lesern durch den Anspielungsreichtum eine Menge abverlangt. Ihn zu dechiffrieren, ist schon eine Herausforderung. Ab irgendeinem Punkt aber waren mir all diese Anspielungen und Verweise zu anstrengend, zu gewollt, zu konstruiert. Als wollte jemand unbedingt all sein Wissen in einen einzigen Roman pressen und alles auf wahnwitzige Weise miteinander verbinden. Falkner hat sehr lange an diesem Roman gearbeitet, ein paar Jahrzehnte, – so liest er sich. Als hätte er zu viel Zeit zum Reifen gehabt und wäre dadurch ungenießbar geworden.

G: Deine Ausführungen sind vollkommen richtig, bis auf die Schlussfolgerung. Ich habe noch lange nicht alle kulturellen Anspielungen, die en masse in diesem Roman vorhanden sind, verstanden, finde aber dass er eben durch den langen Entstehungsprozess an Reife gewonnen hat und in der Blüte seiner Pracht dem Leser dargereicht wird. Das mag für einige überfrachtet wirken, aber in diesem Fall passt die schriftstellerische Komposition haargenau.

S: Die schriftstellerische Komposition passt haargenau wozu? Weißt du, am Anfang hatte ich Freude am Roman, so die ersten dreißig Seiten? Falkner schreibt bissig, temporeich, hat Humor. Nach und nach begann das aber zu bröckeln, wenn die Handlung zerfasert. Gegen Ende lässt Falkner im Roman jemanden sagen: „Kontinuität würde ihren Sinn verfehlen, Chronologie nur auf eine falsche Fährte führen“. Und das trifft hervorragend die Komposition des Buches. Es gibt keinen roten Faden, keine Chronologie im klassischen Sinne, keine Kontinuität. Nur Ausschnitte, Fragmente, Assoziationen, eine Menge Sex. Warst du nicht irgendwann dieser ständigen Vögelei überdrüssig, die irgendwie mit steigender Häufigkeit erstaunlich rapide an Reiz verliert?

G: Eine Chronologie im klassischen Sinne gibt es nicht, das ist richtig und passt eben zu dieser mysteriösen Figur des Georg Autenrieth, der die Geschichte erzählt. Eine chronlogische Erzählung wäre wahrscheinlich eher enttäuschend gewesen. Übrigens habe ich unlängst den Roman „Lutra lutra“ von Matthias Hirth gelesen und was Sexszenen betrifft so ist Falkner dagegen noch ein Waisenknabe. Nein, ich fand die von Falkner eingefangene Berliner Atmosphäre der 70er, 80er und Früh-90er viel interesanter und faszinierender, als die dazugehörigen Sexszenen.

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S: Dann hast du den Roman vermutlich auch mit einem anderen Schwerpunkt gelesen. Ich kann ja jetzt nicht behaupten, aus eigener Anschauung viel von der Berliner Atmosphäre dieser Zeit zu wissen. Was die Sexszenen anbelangt, so empfand ich sie auch nicht als krass, sondern als repetitiv. Was mich bei allen Rezensionen, die ich bisher so gelesen habe, wundert: bisher kann mir keine glaubhaft darlegen, was so überzeugend und lesenswert an diesem Roman ist, abgesehen von seinem Anspielungsreichtum. Es ist, als wollten sich bloß alle dafür loben, dass sie die zahlreichen Referenzen verstanden haben. Was erzählt der Roman eigentlich? So, heruntergebrochen, … alle loben das Elaborierte, das Kühne, das Mutige, das Wahnwitzige, aber es scheint als sei das ab irgendeinem Moment bloß noch Selbstzweck. Ich breche es mal runter: was erzählt dir dieser Roman, was du andernfalls (vielleicht ohne es zu wissen) schmerzlich vermisst hättest?

G: Ja, über das Elaborierte und Wahnwitzige dieses Romans habe ich mich ja in meiner Rezension ebenfalls positiv ausgelassen und ich kann das durchaus verstehen, wenn das dir und anderen ab einem Zeitpunkt zum Selbsztweck diente. Ha! Schmerzlich vermissen! Was vermisste ich denn schmerzlich bei Shakespeare? U.a. die geschliffene Sprache und größtmögliche Unterhaltung. Beides bietet mir Gerhard Falkner auf seine Weise auch. Und ich lasse mich selten unter meinem Niveau unterhalten…

S: Bei der geschliffenen Sprache gebe ich dir Recht, sie blitzt immer wieder auf, kann aber am Ende für mich das Ganze nicht zusammenhalten. Weil sie dann auch zu häufig über’s Ziel hinausschießt und völlig schräg wird. Z.B. wenn Brüste so „lebhaft wirkten wie weiße Wellensittiche“ (was auch immer damit ausgedrückt werden soll) oder die Episode mit dem „zersungenen Schwanz“ (wie überhaupt vieles sehr phalluszentriert ist in diesem Buch), der ja andeutungsweise auf Grass‘ Blechtrommel Bezug nimmt.

produkt-10002748G: Ich widerspreche nicht. Sicherlich gibt es schräge und merkwürdige Passagen, aber schließlich hat hier der Teufel seine Hand im Spiel, da verwundert mich die zeitweilige Triebgesteuertheit des Romans nicht. Nur, wie gesagt, Falkners Finesse und sein ausgeführter zeitgeschichtlicher Kontext (ich war Ende der 80er nur zweimal kurz in Berlin und habe mir ansonsten das ein oder andere aus der Zeit angelesen und angeschaut) mit Mauer, DDR und RAF haben mir imponiert.

S: Ja, der zeitliche Kontext hat mir zu Beginn am besten gefallen, muss ich zugeben, weil er sehr prägnant und charakteristisch geschildert war. Danach wirkte es auf mich oft bloß noch wirr – was genau hatte die RAF darin verloren, was tut Autenrieth eigentlich für sie? Ist das von Belang? Mir erscheint dieses Buch wie ein perfektes Tablebook für distinguierte Weinverkostungen; man kann damit angeben und es ausschweifend loben, auch wenn man selbst nicht einmal die Hälfte von dem versteht, was es eigentlich sagen will.

G: Nun, die RAF war ein bestimmendes Thema in der Bunderepublik der 70er bis 90er Jahre und zumindest bewegt sich Autenrieth in diesem Dunstkreis und schmuggelt Waffen über die Zonengrenze. Insofern wichtig, ja. Dein letzter Einspruch gilt wahrscheinlich für sehr viele hervorragende belletristische Bücher.

S: Ich glaube, wir werden uns über dieses Buch auch nicht einig, da mir scheint, wir lesen auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Dich packt das Zeitkolorit, das ist gewissermaßen Dreh- und Angelpunkt für deine Betrachtung in Verbindung mit der (überdrehten) Sprache. Mir fehlt das große Ganze, was mich inmitten dieser Anekdoten und Kleinsterzählungen überzeugt. Ich sehe schiefe Metaphern, den fehlenden roten Faden, einen Charakter, der dauernd seine eigenen Ausscheidungen studiert, viel Sex und eine Menge wild verteilter Bildung, gepresst zwischen zwei Buchdeckel. Wie ein „modernes“ Theaterstück, in dem sich alle mit Kunstblut beschmieren, weil das total edgy ist.

G: Der rote Faden ist das ausschweifende und zwielichtige Leben des Georg Autenrieth, das lediglich auf unkonventionelle Art erzählt wird. Aber sicherlich werden wir uns in der Rezeption von „Apollokalypse“ nicht einig, was dich abtörnt, überlese ich gefliessentlich und erfreue mich an dem großen ganzen Rest.

Gérards Rezension könnt ihr hier nachlesen. Meine Kurzrezension erscheint im nächsten Magazin Buchkultur, ab 30.09. am Zeitschriftenkiosk.

Gerhard Falkner: Apollokalypse. Berlin Verlag. 432 Seiten. 22,00 €.

5 Kommentare

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  2. Herzlichen Glückwunsch!
    Ein toller Talk, der meine zunächst eher ablehnende Haltung zu diesem Buch etwas aufgeweicht hat. Ich würde mich jetzt gerne mal – ohne Rezensionsdruck – auf das Leseerlebnis einlassen und schauen, wie es mir damit ergeht. In den Achtzigern und frühen neunziger Jahren habe ich in Berlin gelebt und mag daher Berlin-Romane, die in dieser Zeit spielen, per se sehr gerne. Und wenn es sprachlich fordernd wird, greife ich immer gerne zu dem Mittel, mir den Text laut vorzulesen. Dann kommt ein Sinn hinzu, vieles klärt sich auf und man erlebt mitunter die Lektüre ganz anders.

    Es grüßt sehr herzlich der Kollege aus dem Buchrevier

    • literaturen sagt

      Lieber Tobias,

      mit diesem Ausgang können wir ja zufrieden sein! Solltest du es dir vornehmen, bin ich sehr gespannt, wie du den Roman lesen wirst!

      Herzliche Grüße ins Buchrevier,
      Sophie

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  4. Selbst wenn Ihr Euch nicht einigen könnt – großartig! Ich stehe ganz auf deiner Seite, Sophie. Auch mich haben nach erster Begeisterung (Westberlin der Achtziger) all die Sprünge und Metaphern extrem gestört und furchtbar ermüdet. Ich wollte doch einfach nur eine gut erzählte Geschichte!
    Nach 120 gelesenen Seiten pausiere ich mit „Apollokalypse“ erstmal, Jacqueline

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