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Philipp Winkler – Hool

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„Intensiv“, „eindringlich“, „wie ein Schlag“ – das sind nur einige der Attribute, mit denen Philipp Winklers Debütroman über Hannoveraner Hooligans journalistisch angepriesen wird. Liest man den Roman selbst, wird man jedoch das Gefühl nicht los, dass ihm in den Augen mancher bereits die Tatsache zur Ehre gereicht, ein literarisch bisher wenig verwertetes Thema aufgegriffen zu haben. Wie er erzählt ist, gerät plötzlich vor der Begeisterung darüber, von was er erzählt, weit in den Hintergrund.

Den wenigsten von uns dürfte bisher ein erhellender und erfahrungsgesättigter Einblick in die deutsche Hooliganszene gelungen sein. Von den meisten noch immer mit Ultras, Neonazis oder anderen organisierten Schlägertrupps gleichgesetzt, sind sie vor allem für ihre Gewaltbereitschaft im Umfeld von Fußballturnieren bekannt. Der gemeine, im Sinne von gewöhnliche, Hooligan ist ein verletzter, verlassener und aus prekären Familienverhältnissen stammender Orientierungsloser, der in der inszenierten und glorifizierten Gewalt Stabilität findet, Sinn und Bedeutung. So stellen wir uns das vor. Und so erzählt Philipp Winkler es uns auch. Heiko Kolbe ist Anfang zwanzig, hat zwei mal den Schulabschluss verpasst und keinerlei Perspektive. Seine On-Off-Freundin ist morphiumabhängig, sein Vater schwerer Trinker mit einer jungen Frau aus Thailand, seine Mutter abwesend. Stabile Verhältnisse kennt er nicht und aus lauter Rebellion gegen den spießigen Wunsch nach Geborgenheit verachtet er die heile Welt, die er nicht haben kann. Gemeinsam mit seinen Freunden Kai, Ulf und Jojo mischt er in der Hooliganszene um Hannover 96 rivalisierende Gruppierungen auf. Am Rande von Fußballspielen treffen sie sich mit dem Feind auf weniger bewachten Plätzen, um einander die geschundenen Seelen aus dem Leib zu prügeln.

Ich stecke mir den Zahnschutz in den Mund. Beiße drauf. Die Nervosität ist nur noch ein Nachgeschmack. Wir stellen uns in drei Reihen über die Breite des Weges auf. Das Adrenalin pumpt durch meinen Körper. Der Kopf wird leicht.

Winkler selbst war nie in der Hooliganszene, kennt nach eigenen Angaben aber einige Insider. Die Sprache des Romans ist durchsetzt von Slang- und Fäkalausdrücken, die offenbar das Idiom der Szene so originalgetreu wie nur möglich abbilden sollen – stattdessen klingt sie künstlich und konstruiert. Das macht sich insbesondere bei Sätzen wie „Ich sie letztens son bisschen am Stalken aufm Gesichtsbuch“ oder „Ich hatte schon zwei Es geschmissen und drei daumendicke Blunts geschlotet.“ bemerkbar. Das klingt unfreiwillig komisch und erinnert an die Jugendwörter, die Jahr für Jahr prämiert, aber vermutlich von niemandem ernsthaft benutzt werden. Es gibt eine Menge „Arschficker“, „Wichser“, „Schwuckten“, man fährt mit dem „Regio“ und raucht „Zichten“, die Sprache ist rau, kantig, vulgär und erwartbar. Gelegentlich versucht sich Winkler durch seinen Protagonisten an Metaphern, die eher schief als lebendig geraten. So schreibt er „Die Luft splittert wie Sägespäne durch meine pfeifende Lunge.“ Können Sägespäne splittern? „Die Nässe kriecht mir wie eine sexuelle Belästigung unter die Klamotten.“ Ein Vergleich, der weit mehr auf Irritation setzt, denn auf Passgenauigkeit. Besonders kreativ aber wird Winkler als einer der Freunde unter einer Brücke fast zu Tode geprügelt wird. Da glänzen seine Lider „als hätte eine Horde von Goths ihn geschminkt“ , das Blut rinnt „wie Tigerstreifen“ vom Kopf und die geschwollene Nase hat „Farbe und Form einer prallen Peniseichel angenommen.“ Was besonders krasse Wirkung erzeugen soll, wirkt wie versehentlich witzig und entzieht der eigentlich dramatischen Szene einen Großteil ihrer Kraft.

Wenn ich mir das hier so ansehe, verstehe ich, wie die polnischen Hooligans sich zu den mitunter berüchtigtsten in ganz Europa gemausert haben. Ich meine, Hannover ist auch nicht ohne, und ich mag diese graue Tristheit. Aber das hier. Wächst man in so einer Stadt auf, meißelt sich einem doch von Beginn an schon der Zorn in die Stirnhöhle.

In Rückblenden lässt Winkler Heikos Jugendzeit revue passieren, in der Gegenwart setzt er vor allem auf krasse Szenen, Sensationelles, manchmal Slapstickhaftes. Als Heiko seinem wegen Mordes vorbestraften Mitbewohners Arnim dabei hilft, einen Tiger für illegale Tierkämpfe zu transportieren, geraten die beiden während der Fahrt in arge Bedrängnis, als plötzlich der Tiger erwacht. Zwischen „Fuck, fuck, fuck“ und dem Gefühl, gleichzeitig kotzen und pissen zu wollen, schießt Heiko blindlings im fahrenden Transporter mit dem Betäubungsgewehr die grollende Raubkatze bewegungsunfähig. Auch die Hells Angels haben ihren kurzen Auftritt im Roman. Nichts wurde ausgelassen. Trotz alledem wirkt er gerade deshalb nicht glaubwürdig, sondern vielfach bemüht besonders nah dran und echt zu sein. Es gilt mittlerweile als gesichert, dass die Hooliganszene nicht nur aus Losern, Drogenabhängigen und gebrochenen Herzen besteht. Winklers Roman liest sich eher wie ein Tatort am Sonntagabend. Dass er so gelobt wird, hat er größtenteils seinem unkonventionellen Thema zu verdanken. Manchereiner wird nun dankbar sein für den einmaligen Einblick in eine fremde Welt. Mich hat er nicht überzeugt.

Deutlich positivere Stimmen sind bei Sounds & Books und Novellieren zu vernehmen.

Philipp Winkler: Hool. Aufbau Verlag. 310 Seiten. 19,95 €

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