Erzählungen, Rezensionen
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Matthias Brandt – Raumpatrouille

Wem Matthias Brandt vor allem als Schauspieler und Sohn Willy Brandts ein Begriff ist, der wird womöglich angesichts eines von ihm geschriebenen Buches kurz aufstöhnen: wieder einer, der auch noch ein Buch schreiben muss. In diesem speziellen Fall wäre jedes Stöhnen allerdings gänzlich unbegründet, denn mit Raumpatrouille ist Brandt ein fantastisches und warmherziges Buch gelungen.

Es ist kein Roman. Es sind keine Kurzgeschichten. Viel mehr sind es kurze Episoden einer besonderen, von der Kanzlerschaft des Vaters überschatteten Kindheit, denen Matthias Brandt in seinem Debüt nachspürt. Ohne Wachschutz darf er das Anwesen nicht verlassen, den vielbeschäftigten Vater sieht er bloß sporadisch. Willy Brandt hat gar einen separaten Hauseingang, der es ihm erlaubt, unbemerkt wie ein Geist ein- und auszugehen. In der Nachbarschaft wohnt Heinrich Lübke, Bundespräsident a.D., den er desöfteren zum Kakaotrinken besucht. Matthias Brandt wächst im Schatten bundesrepublikanischer Politik und ihrer Akteure auf. Regelmäßig kommen alte Herren zu Besuch, die ihm gedankenverloren den Kopf tätscheln. Als er Briefmarken zu sammeln beginnt, stellt er schnell fest, dass viele der auf ihnen Abgebildeten zum unmittelbaren Umfeld seines Vaters gehören. Er muss sich arrangieren mit einem Leben, das sich von dem seiner Altersgenossen gravierend unterscheidet. Nichts ist ihm mehr zuwider als eine besondere, herausgehobene Position; lieber will er sein wie alle anderen. Um sich nicht angreifbar zu machen, beteiligt er sich in der Schule an den Hänseleien eines Außenseiters, mit dem er außerhalb des Unterrichts heimlich Zeit verbringt.

Mit einem untrüglichen Sinn für die Komik des Staatstragenden in der Kollision mit dem Profanen beschreibt Brandt einen Fahrradausflug, der zwischen den zerstrittenen Herren Brandt und Wehner arrangiert wurde. Brandt junior soll dabei als Puffer fungieren, um größere Eskalationen zu vermeiden. Nicht an das Fahrradfahren gewönnt, beendet Willy Brandt schließlich den Versöhnungsauflug unfreiwillig im Gemüsebeet, während Herbert Wehner hilflos die an den „Käfer Samsa“ erinnernden leiblichen Ordnungsbemühungen seines Kollegen betrachtet. Bei dem Versuch, sein Zauberequipment im Rahmen einer bevorstehenden Familienfeier einem sinnvollen Zweck zuzuführen, zündet Brandt junior versehentlich die Gardinen an und lernt daraus etwas Wesentliches für die Zukunft. Die Unumkehrbarkeit dieses Zwischenfalls setzt in ihm ganz langsam das Erwachsenwerden in Gang. „Ich hatte geglaubt“, schreibt Brandt, „dass alles umkehrbar und verzeihbar wäre. Dieser Moment, in dem ich ahnte, dass das nicht stimmte, war der schrecklichste, den ich bisher erlebt hatte.“

Mir dauernd den Kopf zu tätscheln, war eine schlimme Angewohnheit vieler dieser Herren, die in unser Haus kamen. Drei bis vier Klapse auf den Hinterkopf oder die Schädeldecke, unter der mein Hirnwasser sich kräuselte wie die Oberfläche des Froschweihers, wenn ich Steinchen hineinwarf.

Alle geschilderten Episoden sind erkennbar in ihrer Zeit verortet. So weckt die Mondlandung der Amerikaner 1969 in Brandt die Sehnsucht, Astronaut zu werden. Aus dem Radio tönen die Schlager der Zeit; Peter Orloff, Ricky Shayne oder James Last. Im Fernsehen die Gesichter von Ilja Richter, Wim Thoelke und Uwe Seeler. Besonders eindringlich beschreibt Brandt einen Besuch der Familie auf der Kirmes, der sich unter den gegebenen Umständen eher geschäftsmäßig und beschämend ausnimmt. Der Familie wird der Weg freigemacht, sie werden von den übrigen Besuchern abgeschirmt und offensichtlich auch vor der Schmach des Verlierens an der Losbude bewahrt. Hier bewahrheitet sich der Ausspruch: das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Wir gehen zu einer Losbude. Davor stehen Verkäufer, die Lose in kleinen Plastikeimern anbieten. Ich frage meine Mutter, ob ich Geld für ein paar bekommen könnte. Die Entourage wird unruhig, ich sehe jemanden mit den Fotografen reden. Dann wird einem der Verkäufer ein großer Geldschein zugesteckt und der Loseimer aus der Hand genommen. Man hält ihn mir hin. Ich soll jedes der kleinen Lose aufpulen, so lange, bis ich endlich den Hauptgewinn gezogen habe. Wie auch immer der aussehen mag. Das Suchen dauert lange, meine Finger werden taub.

Raumpatrouille beeindruckt nicht vorrangig durch eine besonders elaborierte Sprache oder erfinderische Komposition, sondern viel mehr durch eine überzeugende kindliche Erzählstimme, das Zeitkolorit und den realen Hintergrund der Figuren. Brandts Witz und seine gute Beobachtungsgabe gewähren Einblick in die Schattenseiten eines öffentlichen Lebens und den Wunsch, im besten Sinne gewöhnlich zu sein, wie er es bei einem Besuch eines Freundes erlebt. Kurz denkt er gar über Möglichkeiten nach, die Familie zu verlassen. Und doch steht am Ende die Versöhnung, mit dem Vater und mit dem Leben. Viele der Geschichten sind außerdem Teil eines Projekts mit dem Musiker Jens Thomas, dessen Album Memory Boy entscheidenden Einfluss auf ihre Entstehung ausgeübt hat. Hier kann man sich die Musikstücke zu einzelnen Kapiteln anhören.

Matthias Brandt: Raumpatrouille. Kiepenheuer & Witsch. 176 Seiten. 18,00 €

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