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Eva Schmidt – Ein langes Jahr

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„Diese Texte erinnern an Bilder, wie Edward Hopper sie gemalt hat“ heißt es auf der Rückseite von Ein langes Jahr. Während aber in Gemälden Edward Hoppers eine wohlige Melancholie liegt, immer auch scheinbar mehr als auf den ersten Blick ersichtlich ist, machen Eva Schmidts Miniaturen aus dem Wohngebiet einen ausnehmend anämischen Eindruck. Sie vermitteln wenig und beschreiben viel.

Es ist ein Wohngebiet wie viele andere, das Eva Schmidt in ihren schlaglichtartig beleuchteten Szenen beschreibt. Die Bewohner haben Träume, Eigenarten, Ängste und Hoffnungen. Da ist Joachim, der seinen Vater und seinen Schulfreund Benjamin damit irritiert, dass er spielerisch Frauenkleider trägt und Parfüm auflegt. Da ist der alte Herr Agostini, der nach einem Unfall nicht mehr gut zu Fuß ist und Benjamin bittet, seinen Hund Hemingway, kurz „Hem“ auszuführen. Da ist der Hund Albuquerque, kurz „Kerk“, der für seine Herkunft berühmt ist. Da sind die Malerin im Atelier und der im Viertel bekannte Obdachlose. Alte Ehepaare, alleinstehende Frauen und Männer, Künstler, Einsame, pubertierende Kinder, Sterbende; Eva Schmidt bemüht sich um möglichst vielfältige Lebenskonzepte und -situationen, um sie in einem relativ kleinen Erzählkosmos zusammenzubringen. Manche Wege kreuzen sich, andere bleiben weitgehend von den übrigen Erzählsträngen isoliert. Mal wird aus der Ich-Perspektive heraus erzählt, auch wenn nicht immer ersichtlich ist, um wen es sich dabei handelt, mal aus der personalen Perspektive. Es scheint, als würde Schmidt herumprobieren, wie ihre einzelnen Ausschnitte sich aneinanderfügen.

Um das Haus auf dem Hügel sehen zu können, musste ich mich vom Sitzplatz in der Küche hinaus in den Garten begeben, war dort aber selbst gut sichtbar. Also schaute ich nur manchmal abends, wenn ich vor der Hecke stand, hinauf und stellte mir vor, wie schön es sein musste, von dort auf die kleine Siedlung mit den Ein- und Mehrfamilienhäusern und die vielen Gärten herabzublicken. Und einmal war ich dann tatsächlich oben auf dem Hügel, eingeladen zu Kaffee, Kuchen und einem Glas Wein von einem älteren Ehepaar, das den rückwärtigen Teil des Hauses bewohnte und an der höchsten Stelle des Hauses einen großen Garten und eine Terrasse besaß, von der aus man die ganze Siedlung und die dahinter aufsteigenden Berge überblicken konnte.

Das Problem dabei: sie arbeitet so deskriptiv (siehe oben), dass man sich letztlich nicht fühlt als betrachte man ein Gemälde Hoppers, sondern allenfalls, als würde einem ein Gemälde von Hopper beschrieben. Schmidt liebt offensichtlich Aufzählungen, mäandernde Gedanken, deren Ursprünge niemals enthüllt werden und so zwangsläufig irritierend bis unverständlich bleiben, das Distanzierte. Nun bringt natürlich die Auswahl relativ kurzer Szenen die Notwendigkeit mit sich, nicht auszuufern, um so viel wie möglich zu diesem Potpourri beizutragen. Ein langes Jahr wird durch diese Erzählhaltung jedoch maximal träge und vor allem eine lange (zwischenzeitlich langweilige) Lektüre. Weder sehe ich mich imstande, Interesse für die Figuren und ihre Konflikte zu entwickeln noch kann ich die Sprache genießen, die bestürzend gewöhnlich, ja beinahe nüchtern in einem Sinne ist, der nicht an Hemingway, sondern vielleicht eher an einen Versandhauskatalog erinnert. Trotzdem gestorben wird, geliebt und gelitten, lässt mich das alles eigenartig kalt. Schmidt gelingt es nicht, die Belange ihrer Figuren lebendig und plastisch erscheinen zu lassen. Am Ende bleiben sie zweidimensional, fiktiv und farblos.

Manchmal schien ihr, als wäre die Wohnung ihr einziges Glück. Ein Glück, das allerdings immer mit einem Gefühl der Unruhe und Angst verbunden war. Aber es war eben nur ein Gefühl. Es machte sie ein wenig nervös, mehr nicht. Es war Sonntag und Gloria machte sich in der Küche ein Frühstück. Kochte ein weiches Ei, packte Schinken, Käse, Marmelade, Butter, aufgebackene Brötchen, Orangensaft und Kaffee auf ein großes Tablett, legte eine Stoffserviette dazu und eine einzelne Rose aus einer Vase mit einem Blumenstrauß. Manchmal stellte sie sich vor, ein Kind zu bekommen.

Die Textstelle ist vergleichsweise symptomatisch und exemplarisch für die Trägheit des Buches. Glorias Glück ihrer Wohnung ist für sie immer mit Angst und Unruhe verbunden. Warum? Erklärt oder wenigstens angedeutet wird das nicht, „es war eben nur ein Gefühl“. Darauf folgt eine leidenschaftliche Aufzählung, an der jeder sich orientieren sollte, der im Zweifel über die Zutaten eines üppigen Frühstücks ist. Und plötzlich springen die Gedanken wieder zu der Möglichkeit eines Kindes. So wenig wie die meisten im Buch beschriebenen Menschen eine aufrichtige und ehrliche Verbindung zueinander haben, so wenig hat sie der Text in Bezug auf seine einzelnen Bausteine. Es entsteht kein Erzählfluss, Form folgt Inhalt; hier jedoch nicht unbedingt auf gelungene Weise. Manches mag absichtlich so nonchalant und holprig gehalten sein, insgesamt rettet das den Text nicht. Ich kann nur mutmaßen, was Ein langes Jahr auf die Longlist gebracht hat; vielleicht eine gewisse Nüchternheit, vielleicht die Themen von Einsamkeit und Entfremdung. Preisverdächtig jedenfalls ist dieses Buch nach meinem Dafürhalten nicht.

Eva Schmidt: Ein langes Jahr. Jung & Jung. 212 Seiten. 20,00 €.

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