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Truman Capote – Andere Stimmen, andere Räume

Truman Capotes 1948 erschienenes Erstlingswerk ist eine verspielte, flirrende Geschichte von Entfremdung und Erwachsenwerden. Auf dem Cover der lasziv und unschuldig in die Kamera blickende Capote, der später behaupten sollte, das vergleichsweise skandalöse Foto sei mit keinerlei Hintergedanken ausgewählt worden. Zwischen den Buchdeckeln der dreizehnjährige Joel Knox, den so manches mit seinem Schöpfer verbindet.

Bereits auf den ersten Seiten dieses Debüts entwirft der 24-jährige Truman Capote eine lebendige und sinnliche Szenerie von großer Anziehungskraft. Joel Knox ist auf dem Weg zu seinem Vater nach Noon City, einem Ort, der mit dem Begriff Provinznest vermutlich noch geadelt wäre. Jedenfalls heißt es, „es fahren weder Züge noch Busse dorthin“. Der einzige Weg in die abgelegene Gegend führt über den Beifahrersitz eines Lastwagens, häufig den von Sam Radclif. Dank Capotes eindringlichen Bildern formiert sich sehr früh die Idee einer märchenhaften und verzauberten Parallelwelt, abgeschnitten vom Rest, gastfreundlich zwar, jedoch immer durchzogen mit einer Atmosphäre des Unbegreiflichen und Feindseligen. Schon auf der ersten Seite wird dem Landstrich ein sprachliches Denkmal gesetzt.

Ein einsamer Landstrich ist das; und in den morastigen Niederungen, wo Tigerlilien, groß wie Menschenköpfe, blühen, gibt es lumineszierende Baumstümpfe, die im dunklen Moorwasser aufleuchten wie die Leichen Ertrunkener; oft regt sich weit und breit nur der winterliche Rauch, der sich aus dem Schornstein eines halb verfallenen Farmhauses kräuselt, oder ein steifflügeliger Vogel, stumm und pfeiläugig, der über schwarzen, menschenleeren Föhrenwäldern kreist.

Joel Harrison Knox ist ein zarter Junge, in den Augen des Truckers fast weibisch, mit „mädchenhafter Sanftheit“ und „sonnengelben Strähnen“. Es braucht nicht viel Fantasie, in diesem zurückhaltenden Jungen Capote selbst zu sehen, der auch niemals dem entsprochen haben dürfte, was man sich in flirrender Südstaatenhitze unter einem harten Burschen vorstellt. Joels Mutter ist verstorben und nach vielen Jahren, die er bei seiner Tante Ellen verbracht hat, meldet sich nun sein Vater wieder bei ihm. Er sei nun willens, seine väterlichen Pflichten wahrzunehmen und bittet Joel, von New Orleans nach Alabama zu kommen, um bei ihm zu leben. Dort angekommen aber erwartet ihn nicht etwa sein Vater mit offenen Armen, sondern seine etwas zurückhaltende Stiefmutter Amy, sein kränkelnder, anämischer Vetter Randolph und die schwarze Hausangestellte Missouri, genannt Zoo. Immer, wenn Joel das Gespräch auf seinen Vater lenkt, wird er vertröstet und abgewiegelt. Plötzlich ist dieser Vater nicht mehr die langgehegte Hoffnung, die sich erfüllt, sondern ein Phantom, das ihm ständig entgleitet. Stattdessen lernt er Zoos Großvater kennen, den uralten Jesus Fever. Die burschikose Idabel Thompkins, die so wenig den Vorstellungen von einem Mädchen entspricht wie er denen eines Jungen; und dem Einsiedler Little Sunshine, der ihm einen Talisman aus Froschpulver und Schildkrötenknochen verspricht.

Er wollte lachen. Nur war es nicht komisch. Er konnte nicht glauben, wie die Dinge sich gestalteten: der Unterschied zwischen dem, was geschah, und dem, was er erwartet hatte, war zu groß. Es war wie Eintrittsgeld für einen Wildwestfilm zu zahlen und dann in eine alberne Liebesromanze zu geraten. In so einem Fall hätte er sich betrogen gefühlt. Und wirklich fühlte er sich jetzt betrogen.

Capotes Roman ist fiebrig, eine fesselnde Mischung aus Traum, Realität und Fantasie. So spinnt Joel sich Geschichten zusammen und verliert sich in Tagträumereien, die sich auch im Text widerspiegeln. Mal sieht er in der Dämmerung „einen Kirchturm, phantastische Blumen, eine springende Katze, die Umrisse eines menschlichen Kopfes und andere merkwürdige Muster wie die von Schneeflocken“, dann sieht er Schatten an den Wänden ein Spalier bilden und in fünf weißen Säulen die Finger einer Hand. Sein Vorstellungsvermögen ist grenzenlos und blüht immer wieder zwischen den Zeilen auf, in kleinen Beobachtungen, kunstvollen Metaphern. Man darf vermuten, dass auch hier Parallelen zum Schöpfer des empfindsamen Joel bestehen; begonnen bei der besonders schmerzlich empfundenen Abwesenheit der Mutter und einer Kindheit, die er überwiegend bei seiner Großmutter verbrachte, bishin zu einer überbordenden Vorstellungskraft. Aber auch von all diesen Parallelen einmal abgesehen, ist „Andere Stimmen, andere Räume“ ein kraftvoller Roman, bevölkert von skurrilen, unheimlichen Gestalten und gezeichnet mit einem hervorragenden Blick für die Landschaft, ihre Stimmungen und ihre Menschen. Er machte Capote quasi über Nacht zu einem gefragten  Autor und zum Wunderkind der Literaturszene.

Es war ein schreckliches, seltsam aussehendes Hotel. Aber Little Sunshine blieb da: es war sein rechtmäßiges Zuhause, sagte er, denn wenn er fortging, wie er es einmal getan hatte, hallten durch seine Träume andere Stimmen, andere Räume, düster und verloren.

Truman Capote: Andere Stimmen, andere Räume, aus dem Amerikanischen von Heidi Zerning, Kein & Aber Verlag, 256 Seiten, 12,00 €

2 Kommentare

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  2. Merkwürdig – ich las dieses Buch vor Jahrzehnten, genau drei sind es her, und nichts ist von dem Buch hängengeblieben. Ich frage mich bei Capote immer, ob er zu den überschätzten Schreibern gehört. Was ist, wenn so gar nichts hängen bleibt? Wie, wenn ich es heute nochmal läste? Gibt es Schriftsteller, die in ihrer Zeit wirkten, die ihre Zeit haten, aber einige Jahrzehnte später mit ihrer Prosa doch deutlich abkühlten und das anfängliche Glühen weicht? Eintagsfliegen sozusagen. Auch bei Sartre geht es mir so und selbst beim geschätzten Raymond Queneaus „Zazie in der Metro“ ist der anarchische Spaß, den ich damals beim Lesen empfand, fort. Klar, „Kaltblütig“ ist als literarisches Non-Fiktion-Genre schon etwas Besonderes. Aber der Rest? Der Interviewband mit ihm war lustig und anregend, aber eher auf feuilletonistischer Basis: unterhaltsam eben.

    Während anderes auch nach 30 Jahren noch hält. Melville kann ich noch immer lesen. Faulkner auch.

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