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Tim Parks – Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen

Bücher über Bücher gibt es viele. Sie handeln von der heilsamen Wirkung der Literatur (Lesen als Medizin, Die Romantherapie) oder frischen unsere Kenntnisse der Weltliteratur auf. Sie alle behandeln die überzeitlichen Vorteile des Lesens, die Kulturtechnik, das Buch als bewahrenswerte Erfindung. Tim Parks wiederum nimmt sich in seinen Essays ganz aktuelle Themen in Zusammenhang mit Büchern vor. Brauchen wir wirklich Geschichten? Wie steht es mit Ebooks und dem Urheberrecht? Wie verändert der Zwang zur Selbstvermarktung die literarische Arbeit eines Autors? Parks‘ Betrachtungen sind anregend, kritisch und unbequem – ein echter Gewinn!

Es wird viel romantisiert, wenn es um Bücher geht. Angefangen bei Lobliedern auf Geruch und Haptik über das Beschwören fremder Welten bishin zu nachweisbaren neurologischen Lerneffekten. Schließlich, heißt es, werden im Gehirn beim Lesen des Wortes „laufen“ dieselben Areale aktiviert wie wenn wir tatsächlich laufen. Das muss doch was bedeuten! Tim Parks hat da einen deutlich pragmatischeren Standpunkt:

Was für ein Unsinn! Als könnte uns das Lesen über Sex oder Gewalt auch nur annähernd auf die Erfahrung ihrer Intensität vorbereiten.

Wenn ein Roman aber das Leben nicht abbilden und uns auf nichts vorbereiten kann – was ist er dann? Parks, der seit einigen Jahrzehnten in Italien lebt und an der Universität Mailand u.a. Literarisches Übersetzen lehrt, nimmt sich in seinen Essays einige Mythen und Allgemeinplätze zur Brust. So z.B. das vielzitierte Diktum, dass wir Geschichten nicht nur schätzen, wenn man sie uns anbietet, sondern dass wir sie tatsächlich brauchen, dass sie notwendig sind. Parks vertritt u.a. die These, dass der Roman unseren heute vielgerühmten Individualismus maßgeblich befördert hat. Ein vielschichtiger Roman, der kongruente Lebensereignisse in einen größeren Sinnzusammenhang einordnet, nährt die Idee eines unerschütterlichen Ichs. In einer Gesellschaft, die maßgeblich auf der Idee von Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung des einzelnen Individuums basiert, muss die Bestätigung dieses Credos gefragt sein. Und mit ihr der Roman. Aber brauchen wir ihn?

Ich vermute, nicht. Stellen wir die Frage zum Beispiel einem buddhistischen Priester, würde er sagen, genau diese Illusion von Individualität sei es, was so viele Menschen im Westen unglücklich mache. Wir sind gefesselt von der Narration des Ichs, das nicht wirklich existiert, die auch beim Schreiben von Romanen hergestellt wird. Schopenhauer hätte dem zugestimmt. Den Menschen werde, wie er sagte, „durch Romane eine ganz falsche Lebensansicht untergeschoben“ (…)

Als Übersetzer von u.a. Italo Calvino, Roberto Calasso oder Machiavelli ist Parks insbesondere an dem Spannungsverhältnis zwischen National- und Weltliteratur interessiert. In einer Zeit, in der ein „Weltmarkt“ für Literatur existiert, verändern sich die Bedingungen des Schreibens. Global weniger verkäufliche und vermittelbare Literatur droht im Strom unterzugehen und marginalisiert zu werden. So kommt es vor, schildert Parks, dass Autoren einen Schreibstil in ihrer Landessprache entwickeln, der sich besonders leicht ins Englische übertragen lässt. Sie vermeiden regional gefärbte Ausdrücke oder Schilderungen, die das internationale Publikum womöglich erst mühsam entschlüsseln müsste. Es entstehen geglättete und angepasste Romane („globale Romane“), die einem bestimmten Schema folgen und auf ein bereits im Vorfeld imaginiertes Publikum zielend geschrieben sind. So wurden auch in Parks‘ Romanen bestimmte Eigenheiten des Britischen oder Italienischen für das amerikanische Publikum angepasst, ohne, dass dafür wirklich die Notwendigkeit bestanden hätte.

Obgleich ich aus England komme – einem Land, das immernoch Meilen verwendet -, hatte ich Entfernungen in Metern und Kilometern angegeben, und nun festzustellen, dass sich meine italienischen Figuren in Yards und Meilen und natürlich Fahrenheit ausdrücken, was sie nie tun würden, kam mir seltsam vor. Oder dass sie a.m. und p.m. sagten, anstatt die 24-Stunden-Zählung zu verwenden, was sie meistens tun, selbst in einer normalen Unterhaltung. Abgesehen davon, dass jetzt einige Sätze hölzern und komisch wirkten, begann ich mich langsam zu fragen, ob amerikanische Leser dieses Maß an Fürsorglichkeit wirklich brauchen oder wollen.

Parks schreibt über Literaturpreise und die Paradoxie u.a. des Nobelpreises, aus einem, in Relation zu der Zahl an Büchern auf dem Markt, relativ kleinen Pool einen Preisträger oder eine Preisträgerin zu wählen. Muss nicht jede Entscheidung immer und zwangsläufig unzulänglich sein? Weshalb messen wir im Grunde recht zufälligen Preisen wie diesen dennoch so viel Bedeutung bei? Als AutorIn sieht man sich nicht nur gezwungen, Preise zu gewinnen, um im Gespräch zu bleiben, sondern auch ein gewisses Händchen für Marketing in Eigenregie zu entwickeln. Vielerorts wünscht man sich noch immer den unangepassten, rebellischen Autor – auch das eine romantische Vorstellung -; mit den Erfordernissen des Marktes aber hat das wenig zu tun, auch wenn sich Rebellion natürlich gut als Marke verkaufen lässt. Ist die Verweigerung des Ebooks nicht auch durch einen gewissen kulturellen Besitzanspruch begründet? Inwieweit trägt Literatur möglicherweise auch zur Konstitution von Zuständen bei, die sie kritisiert?

Ein vorgeblich unkonventionelles Publikum liebt also das Image des rebellischen oder zumindest bewundernswert unabhängigen Schriftstellers, aber eben dieser Schriftsteller ist mehr und mehr gezwungen, sich, wenn er erfolgreich sein will, der Logik einer industriellen Maschinerie zu unterwerfen, die ihn wiederum zur Kultivierung eines unkonventionellen Image anspornt. Das ist eine Aufforderung zur Heuchelei.

Man muss nicht mit allem übereinstimmen, was Parks kritisiert, aber man muss ihm zugutehalten, dass er den Finger treffsicher in die Wunden des aktuellen Literaturbetriebs legt. Dass er unbequeme, anregende, diskussionswürdige Fragen auch zu Bedingungen des Schreibens stellt, ohne sich der Schwärmerei oder des kulturpessimistischen Abgesangs schuldig zu machen. Es ist genau das, was diese Essays zu einer unheimlich lohnenswerten Lektüre macht!

Tim Parks: Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen. Aus dem Englischen von Ulrike Becker und Ruth Keen. Kunstmann Verlag. 240 Seiten. 20 €

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  6. Ich lese dieses Buch gerade und bin von den Gedankenanstößen begeistert.
    Morgen treffe ich den Autor bei einer Lesung in Köln. Ich bin sehr auf die Diskussion zwischen Parks uns Scheck gespannt
    Grüße
    Silvia

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