Kultur
Kommentare 4

Ein neugieriges Gemurmel: Buchhändlerstimmen zum Deutschen Buchpreis

Innenansicht von cohen + dobernigg, Hamburg

Nicht mehr ganz zwei Wochen und die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2016 wird bekanntgegeben. Ich habe das zum Anlass genommen, bei Buchhändlern nachzuhaken: wie stehen sie zum Buchpreis? Was assoziieren sie damit? Haben sie Tipps für die Longlist? Das Stimmungsbild ist überwiegend positiv, wenn auch nicht unkritisch. Auch im elften Jahr seines Bestehens wird der Buchpreis nicht frenetisch gefeiert. Die einen schimpfen ihn Marketingpreis ohne literarische Aussagekraft, die anderen empfinden die jährliche Auswahl als zu publikumsfern, zu verkopft. Die Wahrheit liegt womöglich irgendwo dazwischen.

11885203_508120629356738_8988971561955172936_nAngelika Abels, Angelikas Büchergarten (Ruppichteroth)

Was assoziieren Sie ganz spontan mit dem Deutschen Buchpreis?

Bücher die ausgezeichnet werden, weil sie etwas „Besonderes“ sind. Für mich sind das Bücher die aus der „Norm“ fallen, sei es sprachlich oder thematisch.

Inwieweit spielt er in Ihrer Buchhandlung und bei Ihren Kunden eine Rolle?

Da ich erst letztes Jahr im September eröffnet habe, kann ich dazu noch nicht viel sagen. Ich habe jedoch vor, die Bücher der Longlist in meiner Buchhandlung zu präsentieren.

Sehen Sie eine Veränderung über die Jahre im Hinblick auf die ausgezeichneten Titel?

Jein. Themen und Sprache sind nach wie vor anspruchsvoll. Allerdings habe ich manchmal das Gefühl, dass die ausgezeichneten Bücher die Mehrheit der Kunden nicht anspricht.

Haben Sie Tipps für die Longlist?

Philipp Bloms „Bei Sturm am Meer“ und Andrea Maria Schenkels „Als die Liebe endlich war„.

nicolabräunlingNicola Bräunling, Buchhandlung Bräunling (Puchheim)

Was assoziieren Sie ganz spontan mit dem Deutschen Buchpreis?

Schöne Aufmerksamkeit für richtig gute Bücher deutschsprachiger Autoren.

Inwieweit spielt er in Ihrer Buchhandlung und bei Ihren Kunden eine Rolle?

Als Möglichkeit, die zumeist tollen Bücher zu bewerben und als Gesprächsthema mit den Kundinnen und Kunden eine große; umsatztechnisch sind die Preisträger wichtig, die Longlist fällt nicht ins Gewicht, die Shortlist kaum. Es wird ein bisschen schwieriger.

Sehen Sie eine Veränderung über die Jahre im Hinblick auf die ausgezeichneten Titel?

In den ersten Jahren waren die Preisträger deutlich „geländegängiger“ und breiter verkäuflich. Es waren auch von uns einige Favoritentitel dabei. Seit 2011 wurde es ein wenig mühsamer, die Siegertitel sind sowohl sprachlich als auch inhaltlich anspruchsvoller geworden. Aus literarischer Sicht ist das bestimmt berechtigt, als Buchhandlung haben wir es damit schwerer.

Haben Sie Tipps für die Longlist?

Am Ende bleiben die Zedern“ von Pierre Jarawan. Ansonsten bin ich meist mit der Longlist-Auswahl sehr zufrieden.

haukeharderHauke Harder, Buchhandlung Almut Schmidt (Kiel)

Was assoziieren Sie ganz spontan mit dem Deutschen Buchpreis?

Das Lesen und die Freude am Buch rücken in den Vordergrund und die Literatur bekommt eine Transparenz und die gebührende Aufmerksamkeit in den Medien. Es entsteht im Vorfeld eine Spannung bei uns Buchmenschen und Lesebegeisterten. Jährlich wird dann zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse der deutschsprachige „Roman des Jahres“ gewählt. Dies bedeutet eine große Ehrung für den Autor und sein Werk.

Inwieweit spielt er in Ihrer Buchhandlung und bei Ihren Kunden eine Rolle?

Es entsteht ein neugieriges „Gemurmel“. Unsere Kunden verfolgen schon die Nennung der Titel, aber einen großen Kaufanreiz der Titel auf der Long- oder Shortlist können wir nicht ausmachen. Wir sind eine Buchhandlung mit dem Schwerpunkt gute Geschichten für Jung und Alt und daher ist meine Erfahrung, dass die Listen oft den Lesergeschmack vieler Buchliebhaber nicht immer widerspiegeln. Es ist oft eine verkopfte Liste, die das Künstlerische sucht und suggerieren möchte. Das ist ja auch gut so, denn es geht schließlich um die Literatur und Kunst. Doch würde ich mir ab und zu auch eine Nähe zum alltäglichen Kaufverhalten des Buchliebhabers wünschen. Aber es werden wohl immer individuelle Titelwünsche fehlen, d.h. nicht nominiert, denen man eine Nominierung, wenn nicht sogar den Preis, gewünscht hätte.

Wirtschaftlich greift dann meist erst der Siegertitel. Die Listentitel regen an und sorgen für Gesprächsstoff, aber der Preisträger wird dann oft in unserer Buchhandlung ein Stapeltitel. Dadurch, dass wir so viel lesen und gerne beraten und selber unsere Leseeindrücke veröffentlichen, wollen viele unserer Kunden unsere persönliche Meinung zu den Titeln wissen. Daher steht für unsere Buchhandlung das individuelle Verkaufsgespräch immer noch an erster Stelle und jede Bestseller-Liste oder Preisverleihung kann dies unterstützen, fördern oder lediglich einen gelungenen Einstieg in das Gespräch schaffen.

Sehen Sie eine Veränderung über die Jahre im Hinblick auf die ausgezeichneten Titel?

Ich habe das Gefühl, meine befürchtete „Kopflastigkeit“ wird etwas minimiert. Sonst muss ich gestehen, lässt mich diese Frage wie einen Laien aussehen, denn ich kann keine Veränderung benennen. Es ist ja auch stets abhängig von den eingereichten Titeln und den von der Jury bei den Verlagen angeforderten Werken.

Haben Sie Tipps für die Longlist?

Bisher sind meine persönlichen Leseschätze nie nominiert worden oder haben nie den Buchpreis erhalten. Bisher hatte ich auch nur mit „Kruso“ von Lutz Seiler richtig getippt. Stefan Moster mit „Neringa“ würde ich es z.B. wünschen. Aber ich überlasse es der Jury und freue mich, dass die Blogger ein Gehör bekommen und auch das Umfeld der Preisverleihung begleiten dürfen. Denn gerade dadurch bekommt die Literatur ja auch ein Medium und ein Organ hinzu, dass das Erscheinungsbild des wichtigen Mediums Buch erneuert und wohl auch auffrischt. Ich bin gespannt auf die Nominierungen und drücke allen die Daumen, besonders dann meinen persönlichen Leseschätzen. [Anmerkung: Hauke Harder betreibt einen Literaturblog namens Leseschatz, auf dem er regelmäßig Bücher vorstellt]

cohendoberniggDaniela Dobernigg, cohen + dobernigg (Hamburg)

Was assoziieren Sie ganz spontan mit dem Deutschen Buchpreis?

Viel Presse und Medienrummel! Das tut den Büchern gut und somit natürlich auch den Buchhandlungen. Ich bin froh, dass es den Preis gibt, wenngleich ich immer gespalten bin, weil sich die Medien fast ausschließlich auf die Bücher der Longlist, und später der Shortlist stürzen, und so wahnsinnig viele andere Bücher durch den Rost fallen in der Berichterstattung und in den Rezensionen.

Inwieweit spielt er in Ihrer Buchhandlung und bei Ihren Kunden eine Rolle?

Bei unseren Kunden spielen jegliche Listen nur eine sehr, sehr kleine Rolle, die lassen sich lieber individuell beraten oder stöbern sich durch unseren Laden und werden so fündig. In unserem Buchladen machen wir aber auch keinen extra Tisch mit den Long- oder Shortlistiteln.

Sehen Sie eine Veränderung über die Jahre im Hinblick auf die ausgezeichneten Titel?

Nun, es ist jedes Jahr ein anderes Buch.
Was bei uns im Buchladen auffällt: Das Gewinnerbuch wird bei weitem nicht immer ein Spitzentitel. Ist das ausgezeichnete Buch ein nicht „zu sperriges“ Werk, sind die Chancen ungleich besser. Als der Preis noch jünger war, stürzten sich viele Leser auf dieses Buch, viele wurden so aber enttäuscht (aus welchen Gründen auch immer). Man merkt einfach, dass prämierte Bücher nicht mehr unbesehen mitgenommen werden, die Leserschaft ist vorsichtiger geworden. Ich finde das toll.

Haben Sie Tipps für die Longlist?

Ich gebe nicht gerne Tipps ab, zumal mir die Longlist zu kurz ist. Aber ich wette, dass man den Namen Sylvie Schenk dort finden wird.

juttaleimbertJutta Leimbert, Buchhandlung Vaternahm (Wiesbaden)

Was assoziieren Sie ganz spontan mit dem Deutschen Buchpreis?

Aufmerksamkeit, mit ein bißchen Glück eine schöne Umsatzsteigerung.

Inwieweit spielt er in Ihrer Buchhandlung und bei Ihren Kunden eine Rolle?

Wir sind eine sehr literarisch orientierte Buchhandlung. Die Preisträger verkaufen wir richtig gut, für unsere Stamm-Kunden haben wir im Vorfeld das mvb-Büchlein „longlist“, das sehr gerne genommen wird. Im vergangenen Jahr hatten wir mit Frank Witzel einen Riesenerfolg, was aber vor allem daran lag, dass er aus unserer Stadt kommt, die im Buch eine erhebliche Rolle spielt.

Sehen Sie eine Veränderung über die Jahre im Hinblick auf die ausgezeichneten Titel?

Ich habe den Eindruck, dass in den letzten Jahren die Titel eher am Mainstream vorbeibepreist wurden, das macht aber gar nichts, die kann man auch ohne Preis verkaufen. Eigentlich zieht sich durch die Geschichte des Deutschen Buchpreises das, was die Jury zum 1. Preisträger geschrieben hat: „Arno Geiger gelingt es in „Es geht uns gut“ Vergängliches und Augenblick, Geschichtliches und Privates, Bewahren und Vergessen in eine überzeugende Balance zu bringen.“  Das trifft auf viele weitere Preisträger zu: Tellkamp, Ruge, Krechel, Seiler, Witzel.

Haben Sie Tipps für die Longlist?

Da ich noch lange nicht alle Neuerscheinungen kenne, kann ich da leider keinen wirklichen Tipp abgeben. Von denen, die bereits erschienen sind, kann ich mir vorstellen:

Sabine Gruber: Daldossi oder Das Leben des Augenblicks
Christoph Hein: Glückskind mit Vater
Judith Hermann: Letti Park
Sylvie Schenk: Schnell, dein Leben
Thomas von Steinaecker: Die Verteidigung des Paradieses

milabeckerMila Becker, Buch & Präsent (Voerde)

Was assoziieren Sie ganz spontan mit dem Deutschen Buchpreis?

Wer sitzt in der Jury.

Inwieweit spielt er in Ihrer Buchhandlung und bei Ihren Kunden eine Rolle?

Keine.

Sehen Sie eine Veränderung über die Jahre im Hinblick auf die ausgezeichneten Titel?

Eher nicht. Buchhändlerschätzchen, die oft schwierig zu verkaufen sind.

Haben Sie Tipps für die Longlist?

Ich würde es echt mal jemandem gönnen, der dem Buchhandel und dem Publikum wirklich Freude bereitet. Das Problem ist einfach die wahnsinnige Menge an Büchern, die auf den Markt geschleudert wird. Unmengen an Leseexemplaren, die niemand mehr bewältigen kann und jetzt kommen auch noch die ganzen Selfpublisher dazu. Der Markt für wird einfach inflationär überflutet. Mein Liebling ist der „Mauersegler“ und ich verkaufe ihn hier fast täglich, aber Schicksal. Zu spät.

4 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Ein neugieriges Gemurmel: Buchhändlerstimmen zum Deutschen Buchpreis – #Bücher

  2. Pingback: Linkradar: A la, la, la, la Longlist, Non-Books, Carolin Emcke – Lesen mit Links

  3. Pingback: Schmuckfedern vom 28.08.16 | #4

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.