Literaturmagazine
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Das MAG: Best Of Niederlande und Flandern

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Der Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2016 ist derzeit in aller Munde und jedermanns Verlagsprogramm. Die Literaturszene der Niederlande und Flandern steht im Mittelpunkt und neben alten Bekannten wie Gerbrand Bakker und Maarten ‚t Hart tritt auch die jüngere Literatur der Region auf den Plan (so z.B. Niña Weijers oder Fikry El Azzouzi). Orientierung schafft in diesem Herbst ganz sicher das MAG Best Of, das insbesondere Beiträge junger Autoren und Autorinnen präsentiert.

Das MAG kann auf eine veritable Erfolgsgeschichte zurückblicken. 2011 begann alles mit einem vierteljährlich erscheinenden Literaturmagazin, mittlerweile gehören ein frisch gegründeter Verlag, ein Sommercamp für AutorInnen und ein Lesefestival zum unmittelbaren Dunstkreis; zuletzt gastierte es am 24.Juni in Berlin. Dass wir nun die erste deutschsprachige Ausgabe dieses – in den Niederlanden schwer angesagten – Literaturmagazins in den Händen halten können, ist dem Hamburger Indie-Verlag mairisch zu verdanken, der in diesem Jahr kurzerhand mit Sack und Pack für einen Monat nach Amsterdam zog, um von dort zu arbeiten und die Literaturszene besser kennenzulernen. Aus dieser Reise ist nicht nur die wertvolle Kooperation mit dem MAG entstanden, sondern auch interessante Interviews mit AutorInnen, VerlegerInnen und ÜbersetzerInnen sowie Blogbeiträge rundum die Publishingszene der Niederlande. Nachzulesen ist das im verlagseigenen Blog.

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Literarische Landkarte, die verschiedenen Regionen Autoren und Werke zuordnet

Nun ist es da, dieses Best Of MAG mit alten Bekannten wie Dimitri Verhulst, Saskia de Coster und Herman Koch, aber auch mit ganz neuen Stimmen niederländischer und flämischer Literatur. So erzählt Joost de Vries von Tiger Woods und seiner Unfähigkeit zum Selbstrespekt. Lize Spit (einer der Shootingstars), die ihren Debütroman „Het smelt“ in der Rekordzeit von einem Jahr geschrieben und im MAG-Verlag veröffentlicht hat, schreibt in „Sattelzeichen“ von Angst, Xanax und dem Gefühl, sich selbst zu entgleiten.

Ein wütender Chinese, spielende Kinder, ein Flugzeug – alle machen weiter, alles geschieht, ob ich nun hinsehe oder nicht. Jonas findet diesen Gedanken beruhigend. Micht macht er unruhig, überflüssig.

Von Fremdheit und der Unabänderlichkeit, man selbst sein zu müssen, obwohl es vermeintlich bessere Alternativen gibt, erzählt auch Bregje Hofstede in ihrem Essay. Was ist die richtige Balance zwischen Körper und Verstand? Ihre Freundin ist nur noch Körper, nur noch Knochen, die aneinander stoßen und blaue Flecken verursachen. Sie selbst hat ihren Körper zugunsten ihres Geistes so sehr vernachlässigt, dass sie irgendwann zusammenbricht. Wie viel können wir in Bezug auf uns selbst allein entscheiden? Wie viel Macht haben wir über die Person, die wir sind und die wir sein wollen? Daan Heerma van Voss reist mit der Tochter von Harry Mulisch nach Auschwitz; an einen Ort, der sich nur durch Schweigen beschreiben lässt (Mulisch) oder von dem zu sprechen nur mittels zweier Tonlagen allein überhaupt möglich ist: lähmender Ernst oder provokanter Humor.

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Das MAG bietet eine gelungene Auswahl aus Kurzgeschichten, Lyrik (von Maud Vanhauwaert), Essays und thematisch eingegrenzten Arbeiten. Dazu gehören z.B. die Texte einer fiktiven Flaschenpost von einsamen Inseln, um die die Herausgeber vier Autoren gebeten haben. Das MAG beginnt mit den literarischen Weltnachrichten, kurzen und pointierten Texten über die Eigenarten bestimmter Regionen und ihrer Bewohner. Saskia de Coster schreibt über Rom, Gerbrand Bakker gar über die Eifel. Besondere Aufmerksamkeit erregt dabei der Prümer Wochenspiegel, in dem Bakker eine deutsche Eigenart entdeckt, die ihm aus den Niederlanden fremd ist.

Und etwas ist mir sofort aufgefallen, eine besondere soziale Eigenart, die ich in den Niederlanden so nicht kenne. Die sogenannten Memoriam-Anzeigen. Sie sind um einiges häufiger als die „frischen“ Traueranzeigen. Ein oder zwei Jahre, drei, vier, fünf Jahre nach dem Tod wird nochmals dem geliebten Verstorbenen gedacht, inklusive wiederholtem Dank für die zum Ausdruck gebrachte Anteilnahme.

Das MAG macht Lust, sich mit niederländischer und flämischer Literatur zu beschäftigen, junger wie klassischer, weil es vielseitig ist, frisch und mit dem nötigen Blick über den Tellerrand ausgestattet. Starthilfe zur Erkundung niederländischer und flämischer AutorInnen gibt auch die Literarische Landkarte, die den Regionen der Niederlande und Belgien verschiedene Autoren und Werke zuordnet. Empfohlen werden sowohl neuere Werke von z.B. Peter Buwalda oder A.F.Th. van der Heijden als auch Klassiker wie Willem Elsschot oder J.J.Voskuil. Wer sich also schonmal für die kommende Buchmesse ausrüsten oder einfach seinen literarischen Horizont erweitern will, dem sei dieses Best Of wärmstens empfohlen.

Das MAG: Junge Literatur aus Flandern und den Niederlanden – The Best Of, aus dem Niederländischen von Heike Baryga, Christiane Burkhardt, Janet Blanken, Stefan Wieczorek, Ira Wilhelm, Andrea Kluitmann, Bettina Bach, mairisch Verlag, 100 Seiten, 14,00 €

2 Kommentare

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  2. Wolfgang sagt

    Es gefällt mir, dass Belgien hier abgeschafft ist. Aber was sagt denn die political correctness Abteilung?

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