Graphic Novel
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Riad Sattouf – Der Araber von morgen

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Riad Sattouf, Marjane Satrapi, Zeina Abirached – sie alle sind in Regionen aufgewachsen, die wir heute überwiegend mit Terror, Krieg und Leid assoziieren. Sattouf in Syrien und Libyen, Satrapi im Iran, Abirached im Libanon. Und nicht nur ihre Herkunft eint sie, sondern auch die Tatsache, dass sie sich ihrer Biographie zeichnerisch annähern. Für seine auf fünf Bände angelegte Reihe „Der Araber von morgen“ wurde Sattouf 2015 beim Comicfestival in Angoulême als Bestes Album ausgezeichnet. Zu Recht, wie sich zeigt, denn Sattouf gelingt ein unverstellter Blick auf den Nahen Osten und die Menschen.

Der kleine Riad ist ein Charmeur. Wegen seiner ungewöhnlich blonden Haare und seiner großen Augen wird er von Verwandten und Bekannten wie Fremden bei jeder Begegnung getätschelt und bewundert als sei er eine vom Aussterben bedrohte Spezies.  Seine Eltern Clémentine und Abdel-Razak lernen sich in Frankreich kennen, während sein aus Syrien stammender Vater an der Sorbonne studiert. Da er aus einer illiteraten Familie stammt, ist er besessen von seiner medizinischen und akademischen Karriere. E will es zu etwas bringen, aus seinen Möglichkeiten etwas machen. Riads Vater ist überzeugter Panarabist und sieht die Zukunft der „Araber von morgen“ ganz klar im Aufbruch in die Moderne und einer breit verfügbaren Bildung. Kurz nach Riads Geburt entscheidet er sich auch deshalb nicht für eine zugesagte Dozentur in Oxford, sondern für eine Stelle an der Universität von Tripolis. Die Familie zieht mit Sack und Pack nach Libyen, wo zum damaligen Zeitpunkt Muammar al Gaddafi an der Spitze des Landes steht.

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Zwischen Paris und Tripolis liegen Welten. Gaddafi hat die Abschaffung des Privateigentums verkündet, sodass die Sattoufs ihr Haus nicht abschließen können. Sobald sie es für längere Zeit verlassen, laufen sie Gefahr, es bei ihrer Rückkehr von einem Fremden bewohnt wieder vorzufinden. Im Fernsehen wird Gaddafi gefeiert und gepriesen. Zu essen gibt es vor allem Bananen oder Eier im Überfluss, sonst wenig. Vor der Essensausgabe bilden sich indessen unübersichtlich lange Schlangen von hungrigen, schwitzenden Menschen, die zu überwinden Stunden kosten kann. Dennoch ist Riads Vater guter Dinge und rettungslos optimistisch. Er nennt Saddam Hussein einen „Visionär“ und glaubt an einen nachhaltigen Wandel der arabischen Welt, obwohl er mitunter selbst eher rückständige Positionen vertritt. Es gehört zu den erzählerischen Besonderheiten Sattoufs, die Gegebenheiten zwar mittels einer Erzählstimme in einen politischen Kontext einzuordnen, darüber hinaus aber der kindlichen Perspektive verpflichtet zu bleiben. Das birgt, ähnlich wie auch in Zeina Abiracheds Das Spiel der Schwalben, den Vorteil, sich tiefgreifenderer Bewertungen enthalten zu können. Erst viel später beginnt Sattouf, seine Eltern, insbesondere seinen Vater, zu hinterfragen. In einem Interview mit dem Guardian sagt er: A child doesn’t know morality, racism, misogyny. He just thinks: my father said this or that, so it must be true. When you’re small, your parents are divinities. You think they’re wonderful, and that’s all – until time passes, and you realise what they really are.

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Als sich Konflikte in Syrien und Libyen andeuten, verlässt die Familie vorerst das Land. Und nach einem Zwischenstopp in der Bretagne, der Heimat Riads Mutter, geht es für die Sattoufs auf die Reise nach Syrien. Abdel-Razad will dort Professor werden, bringt es aber nur zu einer Assistenzstelle. Schon bei ihrer Ankunft werden sie von riesigen Plakaten mit dem Konterfei Hafiz al-Assads begrüßt. Das Leben im dörflichen Ter Maela ist karg und unwirtlich, insbesondere natürlich im Vergleich zu Frankreich, aber auch in Relation zum syrischen Palmyra. Die harten Brüche lässt Sattouf auch im Wechsel der Farbschemata auftauchen. Die Zeit in Libyen ist ausschließlich in gelb gehalten, Frankreich zeigt sich blau, Syrien eher rosa. Wurde Riad in Libyen seiner blonden, fast goldenen Haare wegen noch für einen Amerikaner gehalten, beschimpft man ihn in Syrien, auch in der Schule, lautstark als Jude.

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Riad Sattouf, der zehn Jahre einen Strip für Charlie Hebdo zeichnete, gelingt mit seiner autobiographisch inspirierten Reihe ein tiefer Einblick in die arabische Gesellschaft. Mit Charme, Witz und einer feinen Beobachtungsgabe steht seine Familie, insbesondere in Gestalt seines Vaters, exemplarisch für viele Araber dieser Zeit. Wem an einem differenzierteren Verständnis der dortigen Entwicklungen gelegen ist, wird in Sattoufs Zeichnungen ein Angebot der Auseinandersetzung erkennen. Obwohl Riad freilich in jungen Jahren seine Eltern zu keinem Zeitpunkt in Frage stellt, erlebt er doch einerseits die skeptische bis verzweifelte Position seiner Mutter, die sich in den einfachen, strikten Verhältnissen immer weniger zurechtfindet. Andererseits erlebt auch er durch Reisen zu seinen französischen Großeltern stets auch eine andere Perspektive auf die jeweiligen Lebensumstände. Sattouf selbst aber möchte sich nicht als Sprachrohr der arabischen Welt verstanden wissen: When I was a teenager I decided to choose for myself another people. I refused France, and Syria. I chose cartoonists. When I meet cartoonists from Japan or Russia we have the same problems, the same ideas, sagt er im Guardian-Gespräch. Die kindliche Perspektive von Sattoufs Zeichnungen gibt unweigerlich den Staffelstab der Bewertung und Einordnung an den Leser weiter, sie wirkt im besten Sinne anregend, niemals moralisierend. Bisher sind die ersten zwei Bände von Der Araber von morgen auf Deutsch erschienen. Ich kann sie nur jedem ans Herz legen.

Riad Sattouf: Der Araber von morgen 1 & 2, aus dem Französischen von Andreas Platthaus, Knaus Verlag, 160 Seiten, je 19,99 €

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