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John Dos Passos – Manhattan Transfer

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Manhattan Transfer gilt als Klassiker der Großstadtliteratur. Bereits 1925, vier Jahre vor Döblins Berlin Alexanderplatz, erschien Dos Passos‘ modernes Großstadtepos und revolutionierte die Art des Schreibens über die Herausforderungen der schlaflosen und gefräßigen Metropolen. In etwas modernere Sprache gekleidet, erschien kürzlich die Neuübersetzung von Dirk van Gunsteren.

Die große Stadt ist verheißungsvoll. Frank Sinatra sang einst über New York: „If I can make it there, I’ll make it anywhere.“ Allerdings nicht, ohne sogleich die Verantwortung für das persönliche Glück an New York selbst abzutreten: „It’s up to you, New York.“ Der ursprünglich aus einem Musikfilm mit Liza Minelli und Robert De Niro stammende Song fasst auf eindrückliche Art den Mythos der Metropole zusammen. Auch zu Beginn des 20.Jahrhunderts zog die Stadt viele in ihren Bann. Man könnte dort jemand werden, erfolgreich sein, sich befreien von einem erbarmungswürdigen Leben in Armut und Bedeutungslosigkeit. Aber statt einer leuchtenden, nimmermüden Gespielin auf dem Weg zum ersehnten Erfolg entpuppt sich New York als kühle, unpersönliche Maschine, die ihre Bewohner ordentlich in die Mangel nimmt und schließlich vernichtet. Dos Passos New York ist laut, staubig und metallisch. Unheimlich viele Bilder und Metaphern rekurrieren auf Stahl, Messing, Blei, Stanniol. Unermüdlich rumpeln Waggons, Droschken, später Automobile, quietscht die Hochbahn auf den Schienen. Die Sinne des Großstädters sind ständig beansprucht, akustisch, aber auch visuell. Überall herrscht Bewegung, wälzen sich Menschenmassen voran, auf dem Weg zur Arbeit und zurück. Die Stadt ist ein eigener Organismus mit eigenen Gesetzmäßigkeiten.

In Frankreich wird man schlecht bezahlt und lebt gut, und hier wird man gut bezahlt und lebt schlecht.

Dos Passos‘ Roman erstreckt sich über eine Zeitspanne von etwa 25 Jahren, ohne, dass jemals explizit ein Datum genannt würde. Von Anfang des 20 Jahrhunderts über den Ersten Weltkrieg und darüber hinaus, liefert er Ausschnitte aus den Leben ganz verschiedener Bewohner der Stadt. Vom Einwanderer aus Europa über einen auf der Flucht befindlichen Mörder, vom ambitionierten Anwalt zum armen Milchkutscher, vom Alkoholiker zum Alkoholschmuggler. Die Kinder spielen Börse und die Gewinnler verprassen das Geld. Manhattan Transfer bietet ein abwechslungsreiches Potpourri an Figuren, die mal unwillkürlich aufblitzen, um wieder im Mahlstrom der Stadt zu verschwinden und mal einen bedeutsameren Platz im Mosaik einnehmen. Dazu gehören Ellen Thatcher, aufstrebender Star am Broadway und sprunghaft in Liebesbeziehungen, und Jimmy Herf, der noch am ehesten den destruktiven Einfluss der Stadt an sich zur Kenntnis nimmt. Manhattan Transfer behandelt nicht nur die Stadt, sondern versucht die städtischen Bedingungen des Lebens in Text und Sprache zu überführen. Mithin existiert kein roter Faden, keine definitive Hauptfigur, die die Rolle des einsamen Helden vor gläsernen Fassaden übernimmt. Viel mehr montiert Dos Passos einzelne Szenen fast filmisch aneinander und verzichtet dabei weitgehend auf Übergänge. Im Text lassen sich zitierte Zeitungsartikel und Werbeslogans ausmachen; eine Montagetechnik, die für den modernen Roman von großer Bedeutung ist.

Durch die kleinen Löcher in der Krempe ihres Strohhuts tropfte Sonnenlicht auf ihr Gesicht. Sie ging mit raschen Schritten, denn der Rock war eng; das Sonnenlicht auf der dünnen chinesischen Seide fühlte sich an wie eine Hand, die ihr sacht über den Rücken strich. Straßen, Geschäfte, Menschen in Sonntagskleidern, Strohhüte, Markisen, Straßenbahnen, Taxis zerbrachen und zersplitterten in der schwer lastenden Hitze, ritzten sie mit scharfem, schneidendem Funkeln, als ginge sie durch Haufen von Metallspänen. Sie tastete sich unaufhörlich durch ein Gewirr aus schmutzigem, scharfkantigem, sprödem Lärm.

Das Romanpersonal ist vielfach skizzenhaft gestaltet, mit grobem, aber sicherem Strich entworfen. Nicht selten werden sie und ihre Bewegungen mit Insekten verglichen, die geschäftigt durch die Straßen eilen, auf der Suche nach Erfüllung oder wenigstens  nach Verbesserung ihrer Lage. Unfälle und Tragödien werden kurz abgehandelt, sie sind der Stadt immanent und eignen sich höchstens für den wohligen Schauer bei Champagner. Ob es brennt, auf offener Straße ein Mord stattfindet oder Protagonist Bud Korpenning sich das Leben nimmt – die Amplitude schlägt nicht aus. Trotzdem Dos Passos‘ Erzählweise ihren Blick kaleidoskopartig vervielfacht und keine klassische Geschichte erzählt, gelingt ein vielstimmiges und zeitkritisches Kunstwerk, das heute nicht umsonst mit einem Atemzug mit Werken wie Joyces‘ Ulysses genannt wird. Van Gunsteren gelingen in der Übersetzung Frische und Aktualität der Sprache, ohne zu weit vom Original oder der früheren Arbeit Paul Baudischs abzuweichen, von kleineren Wunderlichkeiten abgesehen („Sie schnuffelte“ statt „Sie schniefte“).  Manhattan Transfer ist ein opulenter und sprachmächtiger Roman, der einen den Lärm hören und die Einsamkeit fühlen lässt. Zur Neuübersetzung steuert Clemens Meyer, dessen Roman Im Stein sich an Leipzig-Roman versuchte, ein einigermaßen euphorisches Nachwort bei.

John Dos Passos: Manhattan Transfer, aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren, Rowohlt Verlag, 544 Seiten, 24,95 €.

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