Rezensionen, Romane
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Dany Laferrière – Tagebuch eines Schriftstellers im Pyjama

Dany Laferrière wäre ein hervorragender Gast bei einer Cocktailparty. Er hat einen Sinn für’s Aphoristische, für geistreiche Bonmots und unkonventionelle Gedanken. Sein 1985 erschienener Debütroman trug den damals unerhört aufreizenden, provokanten Titel Comment faire l’amour avec un nègre sans se fatiguer. Seitdem hat er sich literarisch mit seiner haitianischen Herkunft und seinem Leben in Montréal befasst und sagt: Ich war nie im Exil, ich war auf Reisen.

Laferrière wuchs bei seiner Großmutter auf und arbeitete in jungen Jahren als Journalist, bevor er aufgrund der politischen Situation unter Diktator François Duvalier und dessen Sohn Jean-Claude 1976 mit 23 nach Montréal auswanderte. Einige seiner Vorgängerromane befassten sich mit der Situation in Haiti („Das Rätsel der Rückkehr„, für das er zahlreiche Preise gewann, „Le goût des jeunes filles“ oder „Tout bouge autour de moi“ zum Erdbeben, das Haiti 2010 erschütterte), häufig in erzählerischer Verflechtung mit eigenen Erlebnissen und seinem jetzigen Leben in Montréal und Miami. Auch sein neuer „Roman“, der in diesem Jahr ins Rennen um einen Platz auf der Hotlist geht, behandelt Ereignisse seines Lebens insofern, als er das Schreiben und die Hingabe an das gesprochene Wort in über hundert kleinen Miniaturen unter die Lupe nimmt. Weshalb und wie schreibt ein Schriftsteller? Was sollte er unter allen Umständen vermeiden? Bereits zu  Beginn wird klar, dass Laferrière mit einer gehörigen Portion Selbstironie zu Werke geht, wenn er schreibt:

Ich lebe jetzt in dem Teil der Welt, der mit Hilfe von Maschinen reich geworden ist. Ich wollte ein moderner Autor sein und nicht einer dieser Tölpel aus der Dritten Welt, die bei der Erfindung des Rades stehengeblieben sind.

Er kauft sich also, in der Absicht, ein bedeutender Schriftsteller zu werden, eine alte Remington 22, die er auf dem Küchentisch neben einem Korb mit reifen Früchten platziert. Diese Vorliebe für Früchte habe er, weil er aus der Karibik komme. Auch hierin ist die Bereitschaft erkennbar, Klischees über die eigene Herkunft  und Kultur bloßzustellen. Er sei nach Nordamerika gekommen, schreibt er, „wo ein Schwarzer immer noch ein Bürger zweiter Klasse ist“. Das Schreiben soll den Schriftsteller, der natürlich Anleihen von Laferrière selbst trägt aber nicht zu jedem Zeitpunkt mit ihm deckungsgleich ist, herauskatapultieren aus einer traurigen, tristen Wirklichkeit. Dieser Rahmenhandlung des zum Schreiben Bekehrten folgen zahlreiche kurze Abhandlungen zu verschiedensten Aspekten des Schreibens und Lesens, stets abgerundet mit einem dazu passenden Aphorismus. Es geht um Bilder, um die behutsame Bewegung im eigenen Text, wenn er im Entstehen begriffen ist. Es geht um die Wahl eines Erzählers und Erwartungen von außen, insbesondere die der Familie, gerade dann, wenn sie Teil des Buches ist, das der Schriftsteller zu schreiben gedenkt. Es geht um Schreibhemmungen:

Einer meiner Freunde muss, um sich in Stimmung zu bringen, einen Schriftsteller lesen, der schlecht schreibt, damit er meint, er kann es besser.

In welchen Ton schreibe ich meine Geschichte und wie viel meines Leben lasse ich in den Text einfließen? Laferrière vergleicht das Schreiben mehrfach mit der Zubereitung eines schmackhaften Gerichts, bei der das Ergebnis schließlich auch von der richtigen Dosierung verschiedener Zutaten abhängig ist. Zu viel von diesem oder jenem (dem Adjektiv z.B., ein „teures Gwürz“) kann das ganze Buch verderben und seine Wirkung empfindlich schwächen. Immer wieder nimmt Laferrière auch Bezug auf große Autoren wie García Márquez, Diderot, Hemingway oder Proust, um an ihnen unterschiedliche Arten des Schreibens und Komponierens zu erläutern. Er betont den Einfluss des Lesens auf das Schreiben, jedoch nicht ohne die Einschränkung, dass ein guter, kenntnisreicher Leser noch lange kein talentierter Schriftsteller sei. Wenn Sie sich für einen besseren Leser halten, fragt er, warum lesen Sie nicht, statt zu schreiben? Sie verpassen nichts, denn wichtig ist nur das Buch, das haben Sie in beiden Fällen. Partiell wie ein klassischer Ratgeber formuliert, wirft Laferrière jedoch auch unbequeme Fragen und Themen auf, spricht die LeserInnen direkt an. Er weiß vom Zauber des Schreibens und Lesens zu erzählen, ohne beides zu romantisieren.

Schlagen Sie irgend ein Buch aus Ihrer Sammlung auf, entnehmen Sie nur einen einzigen Satz, der Ihnen gefällt, und setzen Sie ihn, so wie er ist, in Ihr Buch. Dieses Verfahren heißt: „Die Reichen sollen auch bezahlen.“

Zwar vertut Laferrière sich, wenn er Tod eines Handlungsreisenden irrtümlich Tennessee Williams zuschreibt (S.153), zeigt sich insgesamt aber als sehr belesener Autor, der vor seinen Vorbildern mitnichten in Ehrfurcht erstarrt, sondern ihre Einflüsse erkennt und zu nutzen versteht. Vielleicht, schreibt er, dienen Lesen und Schreiben, wie Träumen und Denken, nur dazu, den Geräuschpegel auf der Erde zu dämpfen. Insbesondere dieser Tage eine verlockende Theorie. Dass Tagebuch eines Schriftstellers im Pyjama unter dem Oberbegriff Roman firmiert, obwohl es sich nicht im klassischen Sinne um einen solchen handelt, erklärt der Text höchstselbst: Es genügt, das Wort Roman auf den Einband zu schreiben, schon interessieren sich Buchhändler, Kritiker und sogar Leser für das Buch. Es geschieht daher ohne Hemmungen. Die Vormachtstellung des Romans im öffentlichen Interesse muss gebrochen werden, unter anderem gerade wegen solcher Autoren wie Dany Laferrière.

Dany Laferrière: Tagebuch eines Schriftstellers im Pyjama, aus dem Französischen von Beate Thill, Wunderhorn Verlag, 328 Seiten, 24,80 €

 

2 Kommentare

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  2. „Vielleicht, schreibt er, dienen Lesen und Schreiben, wie Träumen und Denken, nur dazu, den Geräuschpegel auf der Erde zu dämpfen“

    Oh mit diesem schönen Zitat hast du mich nun endgültig neugierig gemacht. Ich liebe Bücher wo Autoren über das Lesen und Schreiben erzählen. Ich habe auch die Biographie von Stephan King geliebt, wobei ich mit seinen Romanen gar nichts anfangen kann, weil das einfach nie die Art Geschichten sind, die mich interessieren. Trotzdem waren die Betrachtungen über das Schreiben höchst einzigartig und bewundernswert.
    Ich schätze bei Laferriere läuft es auf das selbe hinaus. Deine Rezension hat mich total neugierig gemacht. Ich hatte das Buch zwar schon im Blick, aber die anderen Bücher von Laferriere fand ich nicht so ansprechend. Wahrscheinlich ist dieses jedoch erfrischend anders, da über das Schreiben Selbst.

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