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Carolin Emcke – Von den Kriegen

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Unlängst mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, gehört Carolin Emcke unbestritten zu den intelligentesten, bedachtesten und analytisch fähigsten Autorinnen und Publizistinnen, die sich derzeit in Deutschland finden lassen. Ihre pointierten Kolumnen in der Süddeutschen Zeitung sind eigentlich Pflichtlektüre, im Oktober 2016 erscheint ihr neuer Essay Gegen den Hass. Als Journalistin hat Emcke aber auch zahlreiche Krisen- und Kriegsgebiete dieser Welt besucht, eines ihrer großen Themen ist die Zeugenschaft, das Miterleben und Kommunizieren von Gewalt und Leid. 2004 erschien „Von den Kriegen. Briefe an Freunde“, das Berichte u.a. aus dem Kosovo, Nicaragua, Kolumbien oder dem Irak vereint.

Wie kann man unaussprechliche Gewalt und Grausamkeit in Worte fassen? Wie überwindet man das Schweigen und das Verdrängen, die Sprachlosigkeit? Carolin Emcke entscheidet sich als Journalistin mit ihrem Buch gegen die nüchterne Reportage und stattdessen für die Briefform. Ursprünglich in englischer Sprache tatsächlich für Freunde und Intellektuelle aus aller Welt verfasst, legen diese Briefe nicht nur strukturelle und kriegsbedingte Gewalt, sondern auch die gelegentlichen Zweifel der Autorin bloß. Die Form erlaubt einen persönlichen Zugang zu Erlebnissen und Geschichten der Betroffenen, erlaubt das Reflektieren des eigenen Standpunkts und der eigenen Prägung. Emcke widmet sich nicht nur den Schauplätzen damaliger Kriege, sondern auch Ländern, in denen strukturelle Gewalt und verschobene Machtverhältnisse ursächlich für das Leid der Menschen sind. So besucht sie z.B. eine Fabrik in einer sogenannten Freihandelszone Nicaraguas, in der für 13 Cent in der Stunde Kleidung unter den verabscheuungsbedürftigsten Bedingungen hergestellt wird. Sie besucht im August 2001 die Straßenkinder Rumäniens, die noch immer eine Folge der völlig verfehlten Familienpolitik Nicolae Ceaușescus sind. Ob inmitten des kolumbianischen Kriegs zwischen Paramilitärs und Guerillakämpfern oder in Flüchtlingscamps im Libanon, Emckes Blick ist klar, empathisch und aufgeschlossen. Sie sieht individuelle Opfer wie große Zusammenhänge und reflektiert zu jedem Zeitpunkt ihre eigene Perspektive. Das verleiht ihren Briefreportagen eine Stärke und Wahrhaftigkeit, die ihnen andernfalls womöglich verwehrt geblieben wäre.

Zorn ist ein Luxus, den man sich erst in Freiheit leisten kann.

Im September 2001 ist Emcke in New York und erlebt die Terroranschläge hautnah, kurz danach reist sie bereits weiter nach Pakistan und Afghanistan. Sie ist bereit, denen eine Stimme zu geben, die in der Wahrnehmung der westlichen Öffentlichkeit oft keine mehr haben. Im Nordirak wird sie euphorisch begrüßt, als die Menschen sich an ihren Besuch vor der Militäroffensive der Amerikaner erinnern. Sie gehört mit ihrem kleinen Team aus Fotograf und inländischem Übersetzer zu den wenigen, deren Interesse an der Region und ihren Konflikten nicht von journalistischen Moden bestimmt wird. Auch die journalistische Arbeit findet Eingang in ihre Betrachtungen. Vor welchen Herausforderungen steht ein*e Journalist*in in solchen Regionen? Was treibt sie ganz persönlich immer wieder in die unmittelbare Gefahr? Wie lässt sich umgehen mit der eigenen Subjektivität? Das sind nur einige Fragen, mit denen Emcke sich offen auseinandersetzt. Von den Kriegen ist mittlerweile zwölf Jahre alt und somit problemlos auch als Zeitzeugnis vergangener Konflikte zu lesen, die bis in die Gegenwart nachwirken – und im Falle des Nah-Ost-Konflikts bis heute immer wieder aufflammen. Im Brief zum Libanon schreibt Emcke im Oktober 2000 noch: „Alle blicken gespannt nach Damaskus, wo der eher unerfahrene Baschar Assad den Schlüssel zur Zukunft des Libanon in der Hand hält.“ Aus heutiger Perspektive und vor dem Hintergrund des syrischen Bürgerkriegs wissen wir von Assad, was zum damaligen Zeitpunkt nicht abzusehen war. Syrien, geschichtlich und politisch aufs Engste mit dem Libanon verknüpft, liegt heute zu großen Teilen in Schutt und Asche, unzählige syrische Flüchtlinge leben in Flüchtlingscamps im Libanon.

Trotz mancher veränderter Bedingungen wirken Emckes Briefe niemals überholt, viel mehr evozieren sie Bilder von Gewalt und Unterdrückung, die von universeller und überzeitlicher Kraft sind. Vieles, was vor zwölf Jahren in dem einem Kriegsgebiet erlebt wurde, erlebt heute andernorts ein anderer. Emcke bietet Antworten an auf die Fragen nach Dynamiken von Macht, Hass und auch kulturell geprägten Vorurteilen, ohne diese Antworten absolut zu setzen. Aus namenlosen Opfern macht sie wieder Menschen mit einem Gesicht und einer Geschichte. Befragt zu einem möglichen Umgang mit dem derzeit grassierenden Hass on- und offline, mit der steigenden Gewaltbereitschaft und sich häufender Zuwendung zu populistischen Parolen, antwortet Emcke im Interview mit dem börsenblatt: „Dem Hass begegnen lässt sich nur, indem man die Einladung des Hasses, sich ihm anzuverwandeln, ausschlägt. Wer Hass mit Hass beantwortet, lässt sich zu dem machen, was die Hassenden wollen, das man sei. Ich will mich nicht ethisch verstümmeln lassen, nur weil mich Menschen verachten oder hassen. Dem Hass begegnen, dem Fanatismus begegnen lässt sich nur, in dem man das aktiviert, was denen abgeht: genaues Beobachten, Selbstzweifel und die Fähigkeit zur Ironie.“

Am Anfang aller Spuren und der Möglichkeit, sie zu verfolgen, steht die Sprache. Es ist eine Methode der systematischen Unterdrückung: Man zerstört die Fähigkeit der Menschen, auf verständliche Weise zu berichten, was ihnen angetan wurde.

Gegen eine Zerstörung wie diese schreibt Emcke an; in klarer Sprache und mit präziser Beobachtungsgabe. Gerade in einer Zeit wie heute, in der wir die Auswirkungen so mancher Kriege spüren, während wir den Krieg selbst aber oft als etwas Abstraktes betrachten, das irgendwo weit entfernt von uns geschieht, sind Berichte wie die von Carolin Emcke unverzichtbar.

Carolin Emcke: Von den Kriegen. Briefe an Freunde. Fischer Verlag. 320 Seiten. 8,95 €.

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