Rezensionen, Sachbuch
Kommentare 3

Schreiben mit Vargas Llosa

Wie schreibt man eigentlich einen Roman? Worauf kommt es an? Beim großen Traum vom Schriftstellerdasein gerät gelegentlich aus dem Fokus, dass für das Schreiben nicht nur überschäumende Fantasie, sondern auch gewisses Handwerkszeug vonnöten ist, um eine überzeugende Geschichte zu erzählen. In mehreren (fiktiven) Briefen an einen Nachwuchsliteraten gibt Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa Einblick in die Mechanismen des Schreibens.

Man erzählt sich, Loriot hätte Evelyn Hamann einst für eine Szene dutzende Male in einen Hundehaufen treten lassen; immer wieder, bis es beiläufig genug aussah. Die hohe Kunst ist es, die Künstlichkeit als solche nicht mehr wahrzunehmen, sondern sich völlig auf die Illusion einlassen zu können, es handle sich um reale Szenen. Das gilt für einen Loriot-Sketch wie für ein gelungenes Buch gleichermaßen. In zwölf unterschiedlich langen Briefen an „einen jungen Schriftsteller“ (Briefe an tatsächlich existierende oder erdachte Empfänger zur Entfaltung von persönlichen Gedanken oder eines bestimmten Programms sind nicht selten; man denke an Jean Anouilhs „Briefe an eine junge Dame“ oder Rilkes „Briefe an einen jungen Dichter“) öffnet Mario Vargas Llosa gleichsam den literarischen Werkzeugkasten. Unmittelbar und mitreißend fachsimpelt er über Perspektive, Zeit, Raum, Erzählhaltungen und -formen, qualitative Sprünge und das, was er „chinesische Kästchen“ nennt. Dabei handelt es sich um verschachtelte Erzählungen, die zumeist eine Binnenerzählung aufweisen, der mehrere abzweigende Erzählungen nachfolgen. Ein Paradebeispiel hierfür ist natürlich noch immer Cervantes‘ „Don Quichote“, der je nach Zählart vier oder mehr Kästchen in sich vereint; mit verschiedenen Erzählern, Erzählhaltungen und Realitätsebenen.

Kein Schriftsteller, auch nicht der verschwenderischste und ausschweifendste und mit dem geringsten Sinn für narrative Sparsamkeit, wäre in der Lage, alles niederzuschreiben, was sein Text implizit beinhaltet.

Der Schriftsteller ist für Vargas Llosa stets und ständig im Widerstand. Im Widerstand gegen die herrschende Wirklichkeit, zu der er Alternativen ersinnt. Dabei kann es die einschläfernde Alltäglichkeit sein, gegen die er opponiert, aber auch ein diktatorisches Regime: „Unter dem Deckmantel der Harmlosigkeit“, schreibt er, „ist das Erfinden fiktiver Welten ein Weg, sich frei zu fühlen und sich gegen diejenigen aufzulehnen, die die Freiheit unterdrücken wollen.“ Vargas Llosa sieht in dieser Kraft des Schriftstellers und der Literatur den Grund für ihre erbarmungslose Zensur und Vernichtung in Kommunismus, Faschismus oder Militärdespotismus. Anhand von Beispielen aus dem geläufigen Kanon der Weltliteratur expliziert Vargas Llosa, wann und warum ein Buch „funktioniert“ und was sich destruktiv auswirkt. „Romane, die sich nicht von ihrem Autor emanzipieren und nur als biographische Dokumente einen Wert besitzen, kann man schlichtweg als mißlungen betrachten“, stellt er fest. Jeder Roman also benötigt eine Abstraktionsebene, eine gewisse Eigenständigkeit, die dafür sorgt, dass er nicht wie ein Kartenhaus zusammenbricht, sobald sein Schöpfer oder seine Schöpferin ihm den Rücken zudreht. Wer nicht in seinem Inneren eine Notwendigkeit fühlt, zu schreiben, schreibt womöglich aus den falschen Gründen. Eben nicht, weil er etwas zu erzählen hätte, weil sich ihm ein Thema oder eine Geschichte in geradezu übergriffiger Art aufdränge, sondern aus dem bloßen Wunsch nach Erfolg und Anerkennung.

Der Schriftsteller, der nicht über das schreibt, was ihn in seinem geheimsten Innersten bewegt, sondern sich die Themen eiskalt und rational wählt, weil er sie für erfolgversprechend hält, ist nicht authentisch und wird deshalb wahrscheinlich kein guter Schriftsteller sein – – auch wenn er Erfolg hat: die Beststeller-Listen sind voller schlechter Schriftsteller, wie Sie wissen.

Die größte Krankheit aber, von der ein Roman laut Vargas Llosa geschwächt werden kann, ist seine eigene Künstlichkeit. Einem schlechten Roman merkt man an, dass er geschrieben, dass er erdacht worden ist und daher in letzter Konsequenz eben doch fiktiv. Einem schlechten Roman gelingt es nicht, seine Geschichte mit den zur Verfügung stehenden Mitteln so zu erzählen, dass sie überzeugt und wir sie für die Dauer der Lektüre für glaubwürdig, vielleicht sogar für wahrhaftig halten. Oft wird im Zusammenhang mit Romanen von Dringlichkeit gesprochen, von Notwendigkeit. Für Vargas Llosa ist ein Roman genau dann gelungen, wenn er den Eindruck erweckt, nur so erzählt werden zu können, auf genau diese Art, mit genau jenen Worten. Wenn die Form und der Inhalt wie ein Uhrwerk ineinandergreifen und sich dadurch gegenseitig ergänzen, lässt sich von einem guten Roman sprechen. Was niedergeschrieben wie eine Kleinigkeit wirkt und gelesen am besten unsichtbar bleibt, ist harte Arbeit.

Überzeugungskraft besitzt der Roman ausschließlich aus sich selbst heraus, durch die Wörter, durch die Gestaltung des Raumes, der Zeit und der Realitätsebene. Überzeugungskraft entsteht, wenn die Sprache und die Struktur des Romans passend, der Geschichte angemessen sind, wenn im Text Thema, Stil und Blickwinkel so perfekt ausgewogen sind, daß der Leser während der Lektüre vergißt, wie die Geschichte erzählt ist, und das Gefühl hat, der Roman besäße keine Technik, keine Form, sondern sei das Leben selbst (…)

Durch die gewählte Briefform ist Vargas Llosas Tonfall persönlich, fast freundschaftlich. Keine Spur von erhobenem Zeigefinger und professoralem Duktus, vielmehr ein wirklich barrierefreies Buch für jeden, der sich für das interessiert, was beim Lesen im Idealfall nicht mehr sichtbar ist: die Machart des Kunstwerks. Und zum Schluss bittet er dann doch: „Lieber Freund, Sie sollten alles vergessen, was Sie in meinen Briefen über die Romanform gelesen haben, und endlich anfangen, Romane zu schreiben.“ Selbst wenn doch alles gemacht ist, gewollt, wenn alles Manipulation ist durch gezielt eingesetzte Auslassungen, Perspektivwechsel und Verschiebungen: ein Rest Unerklärlichkeit steckt doch in jedem guten Buch. Niemand sollte sich allzu sklavisch den von Vargas Llosa vorgestellten Instrumenten verpflichtet fühlen; viel Bahnbrechendes in der Literatur ist bekanntlich gerade durch Missachtung von Traditionen entstanden.

"buchhandel.de/Mario Vargas Llosa: Briefe an einen jungen Schriftsteller
Aus dem Spanischen von Clementine Kügler
Suhrkamp Verlag,
118 Seiten
7,00 €

Bestellen bei:
Buchhandel.de

3 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Schreiben mit Vargas Llosa – #Bücher

  2. Christel sagt

    Ein inspirierender Artikel. Fällt so mitten in meine Gedankengänge über meine Zukunft. Ich lebe seit Jahren vom Schreiben von Sachtexten und News, aber mir fehlt das Geschichten schreiben (von dem ich nicht leben kann) immer mehr…

  3. „Was niedergeschrieben wie eine Kleinigkeit wirkt und gelesen am besten unsichtbar bleibt, ist harte Arbeit.“ Wie wahr!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.