Graphic Novel
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Prudhomme & Rabaté – Rein in die Fluten

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Ein einziger Tag am Strand bringt notgedrungen ganz verschiedene Arten von Menschen zusammen. Alte, Junge, Kinder, Künstler, Dynamische, reglose Sonnenanbeter und -beterinnen, alte Herren mit Bauch und Hund, hochgeschlossen Gekleidete und ganz Freizügige, ganz grob gesagt: einen passablen Querschnitt der Lebensform Mensch. Einfühlsam, witzig und mit einer fantastischen Beobachtungsgabe führen David Prudhomme und Pascal Rabaté durch den heißen Sand.

Man kennt das ja. Im Hochsommer sind die Züge und Straßen voll von Ausflüglern, die sich mit Sand zwischen den Zehen die Sonne auf’s Haupt brennen lassen wollen. Es sind Familien und alte Ehepaare, Jugendliche oder Einzelgänger, die es alle gleichermaßen ans Meer zieht. Prudhomme und Rabaté öffnen in ihrer Graphic Novel den so heterogenen Mikrokosmos „Strand“, in dem sich auf vergleichsweise engem Raum alles arrangieren kann und muss. Ein Vater sucht nach Meeresfrüchten für die nächste Mahlzeit, ein schmerbäuchiger Alter flaniert mit seinem Hund durch die Badegäste, in einem Wettbewerb wird die schönste Sandskulptur gekürt. An der Promenade sind gerade Pfannensets im Angebot und im Café kämpft eine Frau mit der richtigen Formulierung für die obligatorische Postkarte nach Hause. Alles wohlbekannt, alles allzu menschlich. Prudhomme und Rabaté bieten aus der Vogelperspektive Einblick in die Befindlichkeiten der Sommerfrischler, blitzlichtartig und mit einem bewundernswerten Talent für das Charakteristische, das Besondere im Alltäglichen.

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Fantastisch hier z.B.: die Verschachtelung der einzelnen Panel.

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Sie begeistern besonders durch integrative Bildkompositionen, in denen Elemente der Bilder kreativ in einen anderen Kontext gestellt werden. So wird das Eisenbahnförmchen eines Kindes mal eben zu einer richtigen Eisenbahn, ein erstandenes Pfannenset zu einem Hut oder zwei Malerrollen zu den Rollen eines vorbeischießenden Skateboards. Die beiden Zeichner sind einfallsreich und verstehen brillant mit Perspektive oder Ausschnitten so zu experimentieren, dass Langeweile schlicht unmöglich ist. Es gelingt dieser Graphic Novel, in pointierter Art Typen herauszuarbeiten und – freilich in etwas überzeichneter Art – darzustellen. Trotz der nötigen Vereinfachung nimmt nie das Klischeehafte überhand, das Holzschnittartige, immer bleiben darin die Menschen und ihre Eigenheiten erkennbar. Sie werden liebevoll und vielleicht etwas augenzwinkernd abgebildet, niemals vorgeführt. „Rein in die Fluten“ lebt von und glänzt mit seinen Beobachtungen, seiner Erzählhaltung und seinem Einfallsreichtum! Wenn das Wetter schlecht ist, sollte man sich in diese Bilder mit mindestens derselben Leidenschaft stürzen wie ins Meer!

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David Prudhomme & Pascal Rabaté: Rein in die Fluten. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. Reprodukt Verlag. 120 Seiten. 24 €.

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