Allgemein, Kurz & Knapp
Kommentare 1

Kurz und knapp rezensiert im Juni!

Zum dritten Mal k&k-Rezensionen, diesmal mit nur einer einzigen Neuerscheinung!

George Steiner – Warum Denken traurig macht

Schon im April hatte ich kurz über George Steiner geschrieben, seinerzeit ging es dabei um den Interviewband Ein langer Samstag. In diesem bereits 2006 erschienenen (ja, was eigentlich?) Essay, Traktat, Gedankenspiel geht es um den Akt des Denkens und seine immanenten Schwierigkeiten. Unter Berufung auf Schelling entfaltet Steiner zehn Gründe, weshalb das Denken und Existieren traurig stimmt. Begonnen bei der Erkenntnis, dass sicht nicht über das Denken hinausdenken lässt über die mutmaßliche Unmöglichkeit des Nichtdenkens bishin zur Uneindeutigkeit von Sprache, untersucht Steiner sämtliche Aspekte des Denkens. Er kommt letztlich auch zu dem Schluss, dass selbst zwei Liebende nie genau wissen können, was der andere denkt. Wir bleiben doch einsame Inseln in einem riesigen Meer, so sehr wir uns auch um den Brückenbau bemühen. Ein lehrreiches, hinsichtlich seines Aufbaus fast lyrisches Buch, das trotz aller Schwermut zum Denken anstiftet!

Georg Steiner: Warum Denken traurig macht. Suhrkamp Verlag. Aus dem Englischen von Nicolaus Bornhorn. 124 Seiten. 8,00.

Rebecca West – Die Rückkehr

Erstmals 1918 erschienen ist dieser Roman tatsächlich der erste zum Thema Krieg und Heimkehr, der von einer Frau geschrieben wurde. Rebecca West erzählt die Geschichte von Chris Baldry, der nach dem Krieg versehrt nach Hause zurückkehrt. Er kann sich an die letzten fünf Jahre seines Lebens nicht mehr erinnern und im Zuge dessen auch nicht an seine Frau Kitty, mit der er gemeinsam ein Landgut in Südengland bewohnt. (Gedächtnisverlust und Krieg werden desöfteren in Kombination literarisch verarbeitet, so z.B. auch in Carl Nixons Lucky Newman) Im Gedächtnis geblieben sind ihm seine Cousine Jenny, die diese Geschichte erzählt und seine Jugendliebe Margaret, eine einfache Frau aus ärmlichen Verhältnissen. Aus Jennys Perspektive, die oft bissig und abschätzig daherkommt, wird das erste Zusammentreffen von Chris und Margaret rekapituliert; wie auch die gegenwärtigen Bemühungen, Chris‘ Gedächtnis wieder auf Trab zu bringen. Rebecca West erzählt ausgesprochen dicht und auf fast barocke Art (heißt: viele viele Adjektive, treppengeländerlange Sätze) von einem Leben, dem jäh fünf Jahre entrissen werden. Am Ende steht die mehr (damals) oder weniger (heute) überraschende Erkenntnis, dass das Vergessen einen Zweck hatte, dessen Ursprünge noch vor den Krieg zurückreichen. Für seine Zeit sicher herausragend, allerdings nicht restlos überzeugend.

Rebecca West: Die Rückkehr. dtv Verlag. Aus dem Englischen von Britta Mümmler. 160 Seiten. 16,90 €.

Truman Capote – Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie.

Anfang der 80er traf sich Lawrence Grobel (gewissermaßen spezialisiert auf Promi-Interviews) über einen längeren Zeitraum mit Truman Capote. In jungen Jahren literarisches Wunderkind und beliebter Gast der New Yorker High Society, war er zu diesem Zeitpunkt bereits tief gefallen. Nicht unschuldig daran waren im Esquire vorab gedruckte Passagen aus seinem vermeintlichen Opus magum Answered Prayers, das ihn zur persona non grata in den besseren Kreisen machte. Erhörte Gebete, so der deutsche Titel, wurde nie fertiggestellt und blieb immer ein Fragment. 1984 starb Capote 59-jährig in dem Bundesstaat, den er vermutlich am meisten hasste: Kalifornien. Mit Grobel spricht er über seine Kindheit, seine Scharmützel mit anderen Autoren (allen voran Norman Mailer und Gore Vidal), das Schreiben und sämtliche andere Prominente. Kaum jemand vor und nach Capote kannte so viele Berühmtheiten, von JFK über Lee Harvey Oswald, von John Lennon über Marilyn Monroe. Albert Camus war sein französischer Verleger. Es hätte, abgesehen vom tragischen Ausgang, wohl niemanden außer ihm gegeben, der ein Buch wie Answered Prayers hätte machen können. Auch wenn er es bestreitet: Capote war eine Klatschbase mit einer starken Meinung zu allen und jedem. Und vieles von dieser „Klatschbasigkeit“ hält Einzug in Grobels Interview. Nichtsdestotrotz sind es unterhaltsame und kluge Gespräche, die auch oft genug über die Schönen und Reichen hinauswachsen. Lesenswert, im Augenblick aber nur noch antiquarisch erhältlich!

Truman Capote: Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie. Ein intimes Gespräch mit Lawrence Grobel. Aus dem Amerikanischen von Thomas Lindquist. Diogenes Verlag. 260 Seiten.

1 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Kurz und knapp rezensiert im Juni! – #Bücher

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.