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Katharina Winkler im Interview!

© Stefan Klüter/Suhrkamp Verlag

Mit ihrem fulminanten Debüt „Blauschmuck“ hat Katharina Winkler einiges Aufsehen erregt. Der Roman erzählt die Geschichte der jungen Türkin Filiz, die sich nach Jahren der Demütigung und Gewalt schließlich aus einer destruktiven Ehe befreien kann. Ich habe Katharina Winkler um ein Interview gebeten, um mehr über ihre Arbeitsweise und die Hintergründe zu erfahren.

Frau Winkler, „Blauschmuck“ basiert auf realen Begebenheiten. Was hat Sie dazu bewogen, diese tatsächlichen Erfahrungen literarisch zu verarbeiten?

Filiz und ihre Geschichte haben mich tief berührt. Es war mir wichtig, dieser Frau Gehör zu verschaffen, ihr die Wertschätzung entgegenzubringen, die ihr lange nicht entgegengebracht wurde. Der Arbeitsprozess war ein Korrektiv der Realität: die Wiederherstellung von Würde.

Hatten Sie Kontakt zu der „wahren“ Filiz und ihren Kindern? Wenn ja, wie empfinden sie dieses Buch? Möglicherweise als befreiend, weil es bedeutet, das Schweigen zu brechen und aus einer anderen Perspektive auf ihre Lebensgeschichte zu blicken?

Ich hatte das Privileg, meiner Hauptfigur Filiz zu begegnen, sie jahrelang zu begleiten und ihre Emanzipation miterleben zu dürfen. Filiz wollte, dass das Buch geschrieben wird. Sie hat es als erlösend empfunden, hat es als „eine Verwandlung des Leids in Licht“ beschrieben.

Die Protagonistin Filiz muss im Laufe ihres Lebens viele Grausamkeiten und Demütigungen über sich ergehen lassen und erträgt es mit beinahe stoischer Duldsamkeit. Wie hat sich das Schreiben für Sie angefühlt? Wie haben Sie sich diesem Leid und vor allem Umgang damit emotional angenähert?

Ich empfinde Filiz nicht als stoisch. Sie ist tatkräftig: sie liebt. Filiz hat mir ihre Geschichte im Gespräch anvertraut, 60 Stunden Tonmaterial sind dabei entstanden. Ich habe mir die Aufnahmen immer wieder angehört und versucht, mich so tief wie möglich in diese Frau hineinzuversetzen. Dabei entstehen Bilder, sogar Geräusche und Gerüche Assoziationen, die ich dann zu Papier bringe.

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Das Martyrium dieser jungen Frau, geschildert aus ihrer eigenen Perspektive, wird sprachlich vor allem in Bildern ausgedrückt. Auch der „Blauschmuck“ selbst ist ja schon eine hervorragend beklemmende Metapher. Ist das für Sie eine Möglichkeit, das Unsagbare auszudrücken?

Es braucht immer den künstlerischen Ausdruck, sich dem Leben anzunähern, um Leben spiegeln zu können.

Obwohl vielerorts die Härte des Romans gelobt wurde, stand auch die Kritik im Raum, ob ein Buch wie dieses – mit der explizit muslimischen Prägung – nicht zur falschen Zeit erscheint und Vorurteile gegenüber dem Islam stärkt. Wie bedeutsam ist es für Sie, dass sich das Geschehen vor diesem religiösen Hintergrund entfaltet?

„Hintergrund“ ist eine treffende Formulierung, denn im Vordergrund steht die häusliche Gewalt, die sich über geographische und kulturelle Grenzen hinweg überall dort abspielen kann, wo Frauen von Männern abhängig sind, und Männer glauben, ein Recht über Frauen zu haben. Solange es häusliche Gewalt gibt, ist immer der richtige Zeitpunkt, darüber zu sprechen.

Vieles, was Filiz von ihren Gefühlen und Gedanken preisgibt, hört man oft von misshandelten Frauen. Dass sie selbst schuld seien z.B. oder dass sie die Gewalt als eine Form der Zuneigung betrachten, die sie dem Schweigen und der Distanz vorziehen. Auch Filiz würde sich lieber schlagen als von ihrem Mann ignorieren lassen. Glauben Sie, dass es so etwas wie ein universelles und kulturunabhängiges Erleben von Gewalt gibt?

Davon bin ich überzeugt. Ich habe versucht, mich so tief wie möglich in meine Hauptfigur zurückzuziehen, ihre Seelenzustände zu schildern. In diesen werden archaische, allgemeinmenschliche Mechanismen deutlich und darin liegt die Chance zur Empathie für Menschen aus völlig anderen sozialen oder kulturellen Kontexten.

Im Roman wird deutlich hervorgehoben, dass die Misshandlung von Frauen keine Ausnahme, sondern die Regel, ja, gar Tradition ist. Filiz wünscht sich, auch eine „blaue Frau“ zu werden und die einzige Frau im dem kleinen türkischen Dorf, die offensichtlich nicht geschlagen wird, wird von den anderen geächtet. Wie ist einer solchen sozialen Prägung aus Ihrer Sicht beizukommen?

Filiz wünscht sich nicht, eine blaue Frau zu werden. Sie weiß, dass sie eine blaue Frau werden wird, und wünscht sich „einen Blauton hell wie der Winterhimmel“. Ich glaube, das einzige Mittel, Humanismus nachhaltig zu stärken, ist Bildung. Die Aufklärung ist leider kein Element der Geschichte, sondern ein Prozess, an dem wir täglich arbeiten müssen.

Gab es Reaktionen auf Ihr Debüt, die Sie überrascht haben?

In der österreichischen Tageszeitung „Kurier“ wurde mein Foto abgedruckt und darunter stand, fettgedruckt: „Katharina Winkler: Wütend auf Männer.“ Das war schon sehr absurd. Da habe ich laut gelacht.

Katharina Winkler, geboren 1979 in Wien, studierte Germanistik und Theaterwissenschaft. Blauschmuck ist ihr Debütroman. Die Autorin lebt in Berlin.

2 Kommentare

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  2. Danke für das Interview.
    Gerade bei einem Roman wie diesem sind die Hintergründe extrem wichtig, weil, wie schon oft bemerkt, die Geschichte in den falschen Händen zu einem Beispiel wird, für „den Islam, den wir in Deutschland nicht wollen“. Tatsächlich hat mich bei dem Buch sehr irritiert, dass es keinerlei Erklärung mitliefert. Dass es, bis auf den kurzen Nachklapp, weder die Entstehungsgeschichte, noch die Einordnung mitbringt.

    Lächeln, Fabian

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