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Anne Goldmann – Lichtschacht

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Eine junge Frau beobachtet von der Terrasse ihrer Wohnung aus auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses eine Dreiergruppe, die offenbar etwas feiert.  Nach einem kurzen Moment der Unachtsamkeit stellt sie fest, dass plötzlich nur noch zwei auf dem Dach sitzen, eine der beiden Frauen ist verschwunden. Hat sie nur das Dach verlassen oder wurde sie womöglich in die Tiefe gestoßen?  Gekonnt und subtil entwickelt Anne Goldmann einen hintergründigen Suspense-Roman, der bis zum Schluss fesselt!

Lena, die eigentlich Milena heißt, ist gerade von Salzburg nach Wien gezogen. Sie arbeitet als Verkäuferin in einem Laden für sündhaft teures Designermobiliar und lebt vorübergehend in der Wohnung einer Freundin, die im Ausland unterwegs ist. Als sie eines Abends, schon etwas benommen von Wein und einem Joint, von ihrer Terrasse auf das Dach des gegenüberliegenden Hauses blickt, beobachtet sie dort einen Mann und zwei Frauen, die etwas zu feiern scheinen. Sie hat bisher selten jemanden auf dem Dach gesehen, eine kleine Unachtsamkeit würde genügen, um fünf Stockwerke tief zu fallen. Wenige Sekunden später sieht Lena erneut zu den Feiernden und bemerkt, dass eine der Frauen plötzlich verschwunden ist. Innerhalb so kurzer Zeit kann sie kaum das Dach verlassen haben. Sie erschrickt zwar, hat jedoch weder einen Schrei noch etwas anderes Beunruhigendes gehört. Sie schiebt es auf den Joint, ein verändertes und ihr verändertes Zeitgefühl. Vermutlich bildet sie sich einfach etwas ein. Schon auf den ersten Seiten lässt Anne Goldmann keinen Zweifel offen: Lena hat einen Mord beobachtet.

Die zufällige Beobachtung eines Mordes ist ein beliebtes Sujet (man denke an 16 Uhr 50 ab Paddington oder Das Fenster zum Hof), wenn Goldmann es auch in ihrem Roman leicht gegenüber den bekannten Vorbildern variiert. Lena ist sich aufgrund der Substanzen in ihrem Blut unsicher, was sie überhaupt gesehen hat und ahnt angesichts dieser Zweifel nicht, in welcher Gefahr sie als Beobachterin steckt. Trotzdem fällt es ihr schwer, das Erlebnis auf sich beruhen zu lassen. Anne Goldmann versteht es beneidenswert gut, mögliche Verdächtige in die Geschichte einzuführen, die die Fragilität von Lenas Umfeld noch verstärken. Sie lernt Max und Georg kennen, beste Freunde und nicht leicht in der Handhabung. Max ist offenbar ein psychisch instabiler junger Mann mit einer komplizierten Familiengeschichte, Georg ein etwas exzentrischer Schwätzer, der auf die Wahrung seiner Privatsphäre und kleinen Geheimnisse großen Wert legt. Trotz allem lässt Lena sich auf Georg ein. Spätestens aber, als sie feststellt, dass er nicht nur der Nachbar der Verschwundenen war, sondern sie auch näher kannte, beginnt es in ihr zu brodeln. Es folgt, was immer folgen muss in Geschichten wie diesen: ein tiefgreifender Vertrauensverlust, der mindestens für den Leser oder die Leserin jeden als potentiell verdächtig erscheinen lässt.

Anne Goldmann entscheidet sich für zwei parallele Erzählstränge, die einander wechselseitig vorantreiben. Im einen wird Lenas Geschichte entwickelt, im anderen das Motiv und die Sicht des Täters. Im Täter-Strang werden keine Namen genannt, die Verantwortlichen mischen sich gleichsam maskiert in die Geschichte, heizen Spekulationen an. Beide Erzählebenen bewegen sich unmittelbar auf einen Fluchtpunkt zu: Lena. „Lichtschacht“ ist ein überzeugend konstruierter und ungemein spannender Kriminalroman, der von seinen Aussparungen und Unsicherheiten lebt. Wem kann man überhaupt trauen? Was weiß man eigentlich wirklich von anderen? Womöglich doch immer nur das, was sie auch zu zeigen bereit sind? Es zeugt von Originalität, die Spannung in diesem Fall nicht auch noch auf die Frage aufzubauen, ob tatsächlich ein Mord geschehen ist, vielmehr geht die Spannung hier von Ungewissheit und einer heraufziehenden Gefahr aus, die im Laufe der Lektüre mit Händen zu greifen ist. Bis zuletzt gelingt es Goldmann doch immer wieder, das Ruder herumzureißen und eine alternative Denkrichtung anzubieten – allein für diese Achterbahnfahrt ist „Lichtschacht“ unbedingt lesenswert!

2014 stand „Lichtschacht“ auf der Krimi-Bestenliste der ZEIT.

Anne Goldmann: Lichtschacht, Ariadne Kriminalroman im Argument Verlag, 268 Seiten, 12 €

5 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Anne Goldmann – Lichtschacht – #Bücher

    • literaturen sagt

      Das freut mich! 🙂 Lass mich gern wissen, was du davon hälst, solltest du es lesen.

  2. Rebecca sagt

    Hallo!
    Ich verfolge diesen Blog schon länger und habe mir dieses Buch aufgrund der Empfehlung gekauft.
    Die Story an sich finde ich schon echt spannend, allerdings finde ich die Sprache des Buches sehr anstrengend. Die Dialoge sind ziemlich konfus beschrieben, es gibt keine richtigen Dialoge, in denen aufeinander geantwortet wird, eher redet eine Person immer weiter und beantwortet potentielle Fragen schon im Monolog.
    Bin noch im ersten Drittel, ich werde das Buch aber auf jeden Fall weiterlesen, vielleicht gewöhne ich mich noch daran.

    Viele Grüße
    Rebecca

    • literaturen sagt

      Liebe Rebecca,

      vielen Dank für deine Rückmeldung! Tatsächlich habe ich die Dialoge absolut nicht konfus erlebt, deshalb konnte ich darauf in meiner Betrachtung auch gar nicht eingehen. Ich hoffe aber, dass dir das Buch am Ende doch gefällt und du dich nicht womöglich darüber ärgerst.

      Herzlich,
      Sophie

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