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Willem Elsschot – Käse

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1933 erschien „Kaas“ im Original, 1952 erstmals auf Deutsch. Der flämische Autor Willem Elsschot – eigentlich: Alfons de Ridder, – erzählt in diesem Klassiker von den Aufstiegsträumen eines einfachen Mannes und seinem tragischen Scheitern. Ein hintersinnig-komischer Roman, der nichts von seiner Schärfe verloren hat.

Willem Elsschot war, so konstatiert auch das Nachwort dieses Buches, nie ein Mann großer Worte. Niemals wäre von ihm ein 800-seitiger Familienroman zu erwarten gewesen, viel mehr lässt sich sein ganzes schriftstellerisches Werk in einem Buch diesen Umfangs versammeln. Elsschot schreibt präzise, dicht und pointiert. In Fall von „Käse“ hätte mancher vielleicht einen Romanzyklus über Aufstieg und Fall eines kleinen Edamer-Unternehmens geschrieben, Elsschot aber begnügt sich mit den vermeintlichen Schilderungen aus erster Hand. Frans Laarmans, eigentlich Büroangestellter einer Schiffswerft, ist mit seinem Leben nicht unzufrieden – auch wenn er, wie viele einfache Männer seiner Zeit, insgeheim vom gesellschaftlichen Aufstieg träumt. Dieser kleine Hoffnungsschimmer, eines Tages zur besseren Gesellschaft zu gehören, lässt den ansonsten eher angepassten Laarmans auf ein wagemutiges Angebot eingehen. Mijnheer van Schoonbeke, ein Freund seines Bruders, offeriert ihm eine Stelle als Handelsvertreter für vollfetten Edamer. In Belgien und dem Großherzogtum Luxemburg soll er sein Verkaufstalent unter Beweis stellen. Laarmans fackelt nicht lange, meldet sich auf Bitten seiner besorgten Frau in der Werft bloß krank, statt zu kündigen und stellt sich auf ein Leben als erfolgreicher Unternehmer ein.

Nun ja, Käse ist Käse. Und wäre ich ein Ritter, so führte ich in meinem Wappen drei purpurne Käse auf schwarzem Grund.

Bereits bevor der erste Käse verkauft ist, spürt er deutlich, wie sich sein Ansehen in der wöchentlichen Altherrenrunde des Mijnheer van Schoonbeke verbessert. Und so kommt es, dass Laarmans, der in mehreren Romanen Elsschots den „kleinen Mann“ repräsentieren darf, weit mehr auf die Außenwirkung seines zukünftigen Unternehmens hält als auf die Lukrativität des Geschäfts. Doch die Außenwelt bleibt angesichts Laarmans‘ innerer Umwälzungen gänzlich ungerührt. Während er versucht, ein Büro einzurichten und sich gegenüber seiner Frau bereits als generöser Kaufmann gibt, der künftig nicht mehr isst, sondern „dejeuniert“ oder „soupiert“, stehen die Geschäfte still. Viel Zeit verwendet Laarmans auf die Suche nach einem geeigneten Namen für den Briefkopf seiner Firma – die Wahl fällt schließlich auf „Gafpa“ (General Antwerp Feeding Productions Association“). Weil es griffig ist und er bereits sinniert, es könne sich als Marke derart einbürgern, dass man eines Tages voll Stolz sagen könne, man esse gerade ein Stück Gafpa. Nebensächlich ist dabei, dass Laarmans keine anderen Lebensmittel außer seinen vollfetten Edamer vertreibt. Ganz abgesehen davon, dass er Käse ausgesprochen eklig findet, auch wenn er verzweifelt versucht, sich mit seiner Ware zu identifizieren.

Das Einrichten seines Büros ist für einen Geschäftsmann, was das Ausstaffieren der Wickelkommode für eine werdende junge Mutter ist.

Elsschot gelingt das Kunststück, den Leser zwar über Laarmans Repräsentationszwang schmunzeln zu lassen, ihn jedoch zu keinem Zeitpunkt der Lächerlichkeit preiszugeben. Vielmehr lösen die Schilderungen Laarmans‘, in Form von Briefen, die er einer unbekannten Person schreibt, um von seiner „Käsewunde“, seiner „Käseheimsuchung“ zu berichten, Mitgefühl aus. Freilich ist es ein Scheitern aus Unfähigkeit; eines, das man bereits kommen sieht, bevor der Käse ins Rollen kommt. Aber wer könnte es einem Mann verübeln, wenn er mehr wollte in einer Zeit grassierender Armut und Mittellosigkeit? Letztlich spielt Laarmans Kaufmann, statt einer zu sein. Und er spielt diese Rolle den willentlich blinden Geschäftskollegen gegenüber so gut, dass er gar zum Präsidenten des Verbandes Belgischer Käsehändler gewählt wird – ohne überhaupt nennenswerte Mengen umgesetzt zu haben. Sogar sein Sohn erweist sich als geschickterer Verkäufer. Laarmans selbst merkt nur immer wieder an: „Ich verstehe das nicht“. Er ist einer Welt ausgeliefert, in der seine Kontrahenten allesamt deutlich verschlagener sind als er es je sein könnte. Man hat Elsschots Roman auch als spöttische Auseinandersetzung mit der eigenen Tätigkeit als Leiter einer Werbeagentur gelesen. Auch Elsschot selbst bringe „stinkende Ware“ unter’s Volk wie Laarmans seinen Käse, möglicherweise mit der gleichen Abneigung gegenüber dem Produkt. Für welche Lesart man sich auch entscheidet, „Käse“ ist ein hervorragend erzählter, tragikomischer Roman vom Scheitern. Es wird nicht mein letzter Elsschot gewesen sein.

"buchhandel.de/Willem Elsschot: Käse
Aus dem Niederländischen von Agnes Kalmann-Matter und Gerd Busse
aufbau Verlag,
158 Seiten
16,95 €

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