Erzählungen, Rezensionen
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Saša Stanišić – Fallensteller

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Nach dem prämierten Uckermarkmärchen Vor dem Fest sind unlängst neue Erzählungen von Saša Stanišić erschienen. Ihr Ton changiert, mal ist er humorvoll und lakonisch, mal verspielt und romantisch, gelegentlich bodenständig. Ihnen allen gemein ist ein gekonntes Spiel mit Wirklichkeit und Fremdheit, das neben dem titelgebenden Fallensteller in einer Erzählung noch mindestens einen weiteren in gleicher Mission enttarnt: den Autor selbst.

Ein Zauberer bei seinem ersten Auftritt im Holz – und Hobelwerk Klingenreiter, der Mikrokosmos um eine Snookerpartie, eine syrische Surrealistin, christliche Menschenrechtsaktivisten, eine seufzende Fabrik auf der Romanija in Bosnien – Stanišićs Erzählungen sind gewandt und in vielen Tonlagen, an vielen verschiedenen Orten angesiedelt. Wie ein gekonnter Kostümwechsel geht das vonstatten, eben war man noch auf dem Rhein und vermisste den Häppchenkäse, jetzt ist man mit Georg Horvarth im falschen Taxi irgendwo in Rio und freut sich, dass man entführt wurde. Oder verwechselt. Oder beides, mit Zustimmung, „weil er als der, der er dann war, nicht mehr dorthin musste, wohin er als der, der er gewesen war, gemusst hätte.“ Die kleinsten Abweichungen können die größten Auswirkungen haben, Einverständnis zweitrangig. Stanišić geht behutsam mit seinen Figuren um, mit ihrer Fremdheit in der jeweiligen Umgebung, in die sie geworfen sind. Er erkennt ihre Komik, den Witz des Profanen und Alltäglichen, ohne sie bloßzustellen. Man lächelt über den Alten an der Bar, der sich weder seiner Frau ein- noch selbst seine Frau ausreden kann. Mit Sprache geht Stanišić so sensibel um als hielte er zwar einen formbaren, nichtsdestotrotz aber fragilen Gegenstand in den Händen. Vielleicht gereicht ihm hier nicht nur ein hervorragend ausgeprägtes Sprachgefühl zum Vorteil, sondern auch die Tatsache, dass seine Muttersprache eine andere ist. Es gibt weniger Selbstverständlichkeiten, die ein gutes Sprachspiel überschatten könnten.

Mo und ich sind unabhängig, ungebunden, unverzweifelt, privilegiert. Wir reisen, damit geschehen kann, was Zuhause nicht geschehen kann. Damit zuhause nicht geschehen kann.

Es gibt in der titelgebenden Erzählung auch eine Rückkehr nach Fürstenfelde, das Stanišić nach eigenen Angaben noch nicht endgültig loslässt. Im Mittelpunkt ein mysteriöser „Fallensteller“, der ausschließlich in erstaunlich flüssigen Reimen mit der Dorfbevölkerung kommuniziert. Die ist sonst, wie manche Leser wissen, ja eher einfach und bodenständig und trotz einiger Skepsis doch erfreut, als er sich anbietet, marodierender Wildtiere verschiedener Größenordnung Einhalt zu gebieten. Ein paar Flüchtlinge gibt es in Fürstenfelde, nicht viele, deutlich mehr Unruhe bringen die Wildtiere in die Provinz, die sich nicht an die Regeln halten wollen. „Ein Wolf ist ein Wolf, der kann sich doch schon schon rein von seiner Kultur her nicht an unsere Sitten halten, da kann der Naturschutz noch so viele Broschüren drucken, die liest der Wolf nicht.“ Es ist nicht schwer, die Argumentationen wiederzuerkennen, die Stanišić augenzwinkernd auf eine vermeintlich harmlosere Ebene hebt. Der edle (oder zu kultivierende) Wilde war gestern, jetzt geht’s um das uckermärkisch Wilde, das in Form eines Keilers am Verpackungsmateriel eines Inter-Shops scheitert. Überhaupt war das Scheitern selten schöner als bei Stanišić, er entdeckt das Tragische im Kleinen („(…), jemand, der auch dann noch Trost braucht, wenn er siegt.“); dort, wo es am liebsten übersehen wird.

„Blau soll das Hemd sein, Monsier, bitte, und der Stoff fest. Haben Sie so etwas? Einen sehr guten, festen Stoff?“
Der Schneider lässt mich Stoffe fühlen.
Ich rufe Mutter an. Diesmal geht sie ran.
„Vermiss Großvater, bitte.“
„Was?“
„Miss ihn, vermiss ihn“, sage ich lauter. „Miss seinen Brustumfang, seine Schultern, seine Taille, hörst du?“

Aber nicht nur das Kritische (niemals Moralisierende!) und das Gewitzte liegen ihm, er beweist in seinen Geschichten ein urwüchsiges Erzähltalent, das in der kunstvollen Belebung des eigentlich Unbelebten besonders stark zur Geltung kommt. Bei Stanišić möchte man „ein-zwei Schluck heimlich nehmen, damit das Glas sich nicht so plagt“, hat eine Umarmung „quasi die Stimme von Ulrich Wickert“, grübelt man über „die Taktlosigkeit des Untergrunds“, verharrt man länger in der Luft „als es für das Selbstbewusstsein der Gravitation gut gewesen wäre“. Haar „pudelt“, ein Koch „puddingt“, jemand brüllt „uckermarkerschütternd“. Mit vielen kraftvollen Neologismen kommen die Erzählungen daher und entfalten dadurch nicht nur eine ganz eigene Komik, sondern etwas Magisches, das sich in dieser ungewöhnlichen Erzählform ausdrückt. Im Vordergrund steht nicht so sehr die Handlung, die Action, die unermüdlich vorangepeitscht wird, vielmehr geht es um das Erzählen, das Ausloten von Grenzen, in der Sprache wie in der Wahrnehmung. Nicht immer ist ganz klar dabei, was real ist und was bloße Fantasie und Gedankenspielerei. Auch Stanišić stellt Fallen im Text, auch Stanišić ist Magier, der im Hintergrund mit einem ungewöhnlich unverstellten Blick auf alles Menschliche die Fäden zieht. Das ist große Literatur!

Weil ich auch in meiner Rezension zu „Vor dem Fest“ musikalisches Geleit ausgewählt habe, behalte ich das bei.

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