Rezensionen, Romane
Kommentare 1

Marie Malcovati – Nach allem was ich beinahe für dich getan hätte

DSCN8572

Auf einer Bank vor dem Basler Bahnhof treffen zufällig Lucy und Simon aufeinander. Sie entkräftet und orientierungslos, er ausnüchternd in römischer Legionärskluft. Während das Leben in Form von zielstrebigen Reisenden an ihnen vorbeiströmt, hat es sie herauskatapultiert aus dem nimmermüden Lauf der Dinge. Unsichtbar hinter einigen Überwachungskameras der Kantonspolizei Basel-Stadt sitzt der Beamte Beat Marotti und beobachtet die beiden. Zunächst noch aus Pflichtgefühl, dann aus ganz persönlicher Notwendigkeit.

Eigentlich ist Marotti krankgeschrieben. Er hat sich mit kochendem Wasser verbrüht und seine Frau hat ihn verlassen. Dennoch – oder vielleicht auch: deswegen – tut er hinter den polizeilichen Überwachungskameras Dienst, ein reiner Fluchtreflex. Es hat eine Terrorwarnung gegeben und er soll den Bahnhofsbereich auf verdächtige Personen untersuchen. Zu seiner Entäuschung bleibt es ruhig. Nur eine Frau fällt ihm auf, die regungs- und scheinbar ziellos auf einer Bank sitzt und das Wandgemälde eines Alpenpanoramas anstarrt. Sie sieht nicht aus als warte sie auf jemanden oder etwas, vielmehr bringt sie Stunden ohne nennenswerte Lebenszeichen an ein und demselben Ort zu. Zu ihr setzt sich nach einiger Zeit ein junger Mann, der etwas ungewaschen und verlebt in einem Feldherrenoutfit skeptische Blicke auf sich zieht. Marotti nennt ihn hinter seinen Monitoren bloß „Mark Anton“, die Frau tauft er auf „die Kerze“. Die Lichtreflexe der aufgehenden Sonne scheinen ihre gen Himmel strebende Frisur in Flammen aufgehen zu lassen.

Du lebst?
Ich finde, es steht dir.

Aus kapitelweise wechselnder Perspektive entfaltet Marie Malcovati die Lebensgeschichten der drei Protagonisten, deren Wege sich durch Zufall kreuzen. Lucy, eine Simultandolmetscherin, ist abgeklärt und kühl, fassungslos angesichts eines Lebens, das sie schon verloren geglaubt hat. Simon, Sohn eines erfolgreichen Unternehmers für Zahnpasta und Pharmazie, flieht vor einem sterilen Leben, in dem Lebensläufe so makellos sein müssen wie ein glänzend weißes Gebiss. Er hat Zeit vertrödelt, nicht Jura, Medizin oder BWL studiert, seine Kanten und einen Hitzkopf bewahrt. Und Marotti steht vor dem Scherbenhaufen einer Beziehung, deren Ende er nicht kommen sah. Sie alle stehen am Scheideweg, für einen Augenblick unfähig, sich über die Weiterreise klarzuwerden. Es ist, als ginge ein Riss durch die Zeit, der Raum für ganz andere Entwürfe schafft. Genau dieser kurze Moment der Unwägbarkeit bindet die drei aneinander. Auch wenn Lucy und Simon nichts von ihrem Beobachter wissen. Der versucht nämlich an ihnen seine Fehler gutzumachen, sich gesund  zu stoßen am Leben anderer, seinen Schmerz durch fremdes Glück unschädlich zu machen.

Er kannte es nur aus Filmen, aber so wie Irene stellte er es sich vor: Kalifornien. Alles an ihr war warm und golden, eine Landschaft mit sanften Hügeln, milden Wintern, ohne Angst vor monatelanger Dunkelheit. Sie sah nicht aus wie die berühmten Frauen, die dort residierten, dazu war sie nicht schlank genug, nicht groß genug, waren ihre Zähne nicht weiß genug, nein, sie sah aus wie das Land selbst.

Mit Nach allem was ich beinahe für dich getan hätte ist Marie Malcovati ein glänzender kleiner Roman geglückt, der mit Witz und Verve von Schiffbruch und Scheitern auf einer Schweizer Parkbank erzählt. Sie alle scheitern nicht aus Unfähigkeit, sondern wegen falscher Erwartungen, eigenen und fremden. Mit einer klaren und bildhaften Sprache wirft Malcovati in ihrem Debüt das Scheinwerferlicht auf drei Menschen, deren Unglück aber nicht nur gemeinsames Bindeglied, sondern auch Katalysator für etwas Neues ist. Sie alle geraten nach den Stunden auf der Bank und hinter der Kamera wieder in Bewegung und erlangen die verlorengeglaubte Kontrolle über ihr Leben zurück. Mal bissig, mal nachdenklich, aber immer voller Zuneigung für ihre Figuren macht Marie Malcovati vorsätzliches Ineffizientsein und fahrlässige Hingabe an den Zufall ausnehmend sympathisch! Bitte unbedingt lesen – vielleicht gar auf einer Parkbank in Bahnhofsnähe.

"buchhandel.de/Marie Malcovati: Nach allem was ich beinahe für dich getan hätte
Edition Nautilus,
128 Seiten
16,00 €

Bestellen bei:
Buchhandel.de

1 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Marie Malcovati – Nach allem was ich beinahe für dich getan hätte – #Bücher

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.