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Laurie Penny – Babys machen

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Laurie Penny gilt, spätestens seit „Unsagbare Dinge“ und „Fleischmarkt“ als starke feministische Stimme unserer Zeit. In ihrem jünst erschienenen Erzählband führt sie auf so bitterböse wie treffsichere Art Klischees und Rollenbilder vor, indem sie sie gnadenlos überzeichnet. Eine Frau, die sich selbst ein Baby konstruiert? Mord als Kunst? Industrielle Produktion von Katzenvideos? Alles ist möglich!

Wie wäre es, wenn ich mein Baby tatsächlich nach meinen Wünschen gestalten könnte? Nicht nur, indem ich aus einem Katalog auswähle, nein. Selbst ist die Frau! Mittels praktischer Ingenieursfähigkeiten könnte jede Frau in der Garage ihr Baby zusammenschrauben wie die neuen dekorativen Wohnzimmermöbel. Es sähe einem echten Baby täuschend echt und verhielte sich auch so. Bloß verletzen könnte es sich nicht. Und man könnte es abschalten – in intimen Momenten. Die Titelgeschichte „Babys machen“ entwirft mit einiger Ironie ein solches Szenario, unter dem der Vater weit mehr leidet als die Mutter. Eigentlich ist er kaum imstande, diese winzige Menschmaschine als sein Kind zu betrachten. Welche Ansprüche stellen Mütter an sich und welche an ihre Kinder? Wie durchgestylt und geplant darf etwas sein, das seinen Reiz gerade aus der Unplanbarkeit, aus dem, wie man vielleicht sagen könnte, natürlichen Lauf der Dinge zieht? Und wie steht es um das Vertrauen in sich, ein Kind und die Welt unter diesen Umständen? Penny liebt es, Rollenbilder in Frage zu stellen. Und dabei geht es nicht, wie mancher vielleicht annimmt, ausschließlich um die Rolle der Frau. In der Geschichte „Wikinger Nacht“ lässt sie einen jungen Mann etwas widerwillig zum Geschäftsessen in einen Stripclub gehen, der von halbnackten Männern in bizarren Kostümen überquillt. Hier werden nicht Frauen zur leichten Unterhaltung begafft und vorgeführt, es sind Männer, die sich zur Freude anderer erniedrigen müssen. Und wie sich diese Erniedrigung anfühlt, weiß der Erzähler genau, auch er hat einmal übergangsweise in einem Club wie diesem gejobbt. Ihm wurden „von widerlichen alten Frauen Dollarnoten in den Sackhalter“ gesteckt. Es geht um Smalltalk, darum, sich mit den richtigen Leuten in der richtigen Begleitung sehen zu lassen.

„Bei solchen Anlässen bist du immer der einzige Mann. Auch einer der Teilhaber ist ein Mann, wir sind ja nicht in den 1950er Jahren, aber Mr Lawrence muss immer früh gehen und sich um die Kinder kümmern, seit seine Frau nach Thailand abgehauen ist, wo sie die Ersparnisse mit Ladyboys durchbringt.“

Mit Umkehrungen wie diesen, legt Penny scheinbar selbstverständlich gewordene Mechanismen der Diskriminierung bloß. Ist Gerechtigkeit eine Sache der Perspektive? Laurie Penny karikiert den Status Quo, um etwas Anderes, etwas Besseres zur Disposition zu stellen und überhaupt den Gedanken in Gang zu setzen, dass Veränderung möglich ist. Ihre Geschichten verlassen die Bahnen, in denen wir zu denken und zu ordnen gewöhnt sind. Nicht erst seit Cocktail für eine Leiche wissen wir, dass Mord auch als Kunstform missverstanden werden kann. In „Das Tötungsglas“ ist das allerdings keine spleenige Idee zweier Studenten, sondern bereits staatlich anerkannte Realität. Mord ist, unter gewissen Bedingungen, eine Kunst. Zwei „Künstler“ sichten regelmäßig Bewerbungen von Sterbewilligen, die überraschend besucht und möglichst kreativ um ihr Leben gebracht werden. Wer Katzenvideos und Tierbabys im Internet niedlich findet, kommt in der Geschichte „Blue Monday“ auf seine Kosten, in der ein riesiges Unternehmen die sedierenden Videos süßer Tierkinder industriell produziert.

Wenn es jemandem um die Zahl der Opfer geht, kann er, schätze ich, einen Massenmord in epischem Ausmaß am einfachsten als Regierungschef bewerkstelligen. Er unterschreibt einen Wisch, und schon hungern eine Million Menschen. Er streicht einem Frauenhaus die Mittel, und schon stehen Hunderte auf der Straße. Wie viele Leute kann man mit nur einer Entscheidung umbringen? (…) Einen umfassenden Mordbegriff: Ich finde, den könnten wir ganz gut brauchen.

Penny hinterfragt Popkultur und Bequemlichkeit. Egal, wie weit ihre Erzählungen auf den ersten Blick von der Realität entfernt sein mögen – im Himmel nehmen Engel und Teufel Seite an Seite telefonisch Stoßgebete entgegen, eine außerirdische Rasse wird wegen ihrer Sitten verachtet und auf einen massentauglichen Kurs verpflichtet -, immer wieder erkennt man doch etwas wieder in ihnen. Den vernichtenden Umgang mit Minderheiten zum Beispiel, das quälende Bedürfnis nach Betäubung, Leistungsdruck und Ich-Bezogenheit. Penny hält uns mit ihren Geschichten literarische Zerrspiegel vor, die zu einer Selbstbefragung einladen. Wie hältst du es mit der Diskrimierung, der Untätigkeit, sitzt du immernoch im Zuschauerrang und lässt die Dinge geschehen, während du dich öffentlichkeitswirksam bei Twitter darüber beschwerst? Erst in der Übersteigerung wird manche Ungeheuerlichkeit begreiflich. Das beweisen Pennys unbequeme Erzählungen.

Ich versuche, Mr Rimington-Blowman behutsam beizubringen, dass das Gebet kein Verkaufsautomat ist, in den man eine bestimmte Menge Andacht einwirft, damit ein Wunder unten rausfällt.

"buchhandel.de/Laurie Penny: Babys machen
Aus dem Englischen von Anne Emmert
Edition Nautilus,
176 Seiten
19,90 €

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