Rezensionen, Romane
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Celeste Ng – Was ich euch nicht erzählte

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Als die sechzehnjährige Lydia Lee von einem Tag auf den anderen verschwindet, ist ihre Familie ratlos. Sie war ein strebsames, ehrgeiziges und glückliches Mädchen, sagt ihre Mutter. Sie hatte ihr nacheifern und Ärztin werden wollen. Stattdessen zieht man einige Tage nach dem Verschwinden ihre Leiche aus dem See nahe des elterlichen Hauses. Was in Celeste Ngs Debütroman nun folgt, ist keine akribische Ermittlungsarbeit, sondern die literarische Inspektion einer schweigenden Familie.

In den USA war die Begeisterung über Ngs (sprich: Ing) Debütroman überbordend, vermutlich auch befeuert durch die prominente Platzierung in Amazons Top 100 Liste 2014. Dort landete das Erstlingswerk auf Platz 1 noch vor Autoren wie David Mitchell, Jodi Picoult, Hilary Mantel oder Margaret Atwood. Viele Medien folgten dieser Einschätzung, der Roman gewann mehrere Preise. Celeste Ng, deren Eltern in den 60er Jahren aus Hongkong in die USA kamen, studierte Englisch in Harvard. Ihr Vater arbeitete bei der NASA, ihre Mutter unterrichtete Chemie. Sie schrieb bereits vor ihrem vielbeachteten Debüt Kurzgeschichten und Essays für die New York Times oder Huffington Post. In „Was ich euch nicht erzählte“ steht nicht nur eine mittelmäßige Kriminalgeschichte im Ohio der 70er im Vordergrund, sondern vor allem enttäuschte Erwartungen, überkommene Rollenbilder, Alltagsrassismus und das Schweigen darüber. Lydias Vater James ist zwar in Amerika geboren, seine Eltern aber kommen aus China. Zeit seines Lebens wird er wegen seiner Herkunft und seines Aussehens verspottet und ausgeschlossen. Ein Grund für ihn, so unauffällig wie möglich zu leben und Konflikten aus dem Weg zu gehen. Sein Gegenstück: Marilyn, Lydias Mutter, eine durch und durch amerikanische junge Frau, die James in einer Vorlesung an der Universität kennenlernt. Sie ist Studentin, er Dozent. Was Marilyn so außergewöhnlich macht, ist nicht etwa ihre Herkunft, sondern ihre Selbstbestimmtheit.

Die Abendessenszeit kommt und geht, doch niemand denkt auch nur entfernt ans Essen. Es kommt ihnen vor wie etwas das Leute in Filmen tun, etwas Schönes und Dekoratives, dieser ganze Akt des Gabel-an-den-Mund-Führens. Eine sinnlose Zeremonie. Das Telefon klingelt nicht.

Die beiden verlieben sich ineinander. James ist fassungslos, dass eine amerikanische Vorzeigefrau wie Marilyn ihn überhaupt eines Blickes würdigt.  Die beiden heiraten, ganz zum Leidwesen von Marilyns Mutter, die sich eher einen Amerikaner als Schwiegersohn gewünscht hätte. Sie boykottiert die Hochzeit mit spitzen Bemekrungen über das unpassende Paar. Maarilyn aber lässt sich nicht beirren, nicht nur in der Wahl ihres Mannes, sondern auch in der Wahl ihres Berufes. Sie will Ärztin werden und beginnt, Medizin zu studieren, auch wenn sie im Labor von Männern umgeben ist, die ihr nichts zutrauen. Sie ist eine Frau in einer Männerdomäne und versucht sich mit aller Kraft gegen die Gönnerhaftigkeit und Arroganz zu behaupten, die ihr entgegenschlägt. So lange jedenfalls, bis sie von James schwanger wird und ihr Lebenstraum plötzlich an den Gegebenheiten zerbricht. Sie sieht sich in Zukunft dort, wo ihre Mutter sie ohnehin immer viel lieber gesehen hätte, wenn auch mit einem anderen Mann: im Haus und am Herd. Und so entwickelt sich Marilyn schleichend zu dem, was man oft spöttisch „Ballettmutter“ nennt. Ihre Tochter Lydia soll um jeden Preis ihren Traum verwirklichen, soll es besser haben, als sie es hatte.

Das war ein Zeichen, dachte Marilyn. Für sie war es zu spät. Aber es war nicht zu spät für Lydia. Marilyn würde nicht wie ihre Mutter sein und ihre Tochter in Richtung Mann und Haus treiben, in ein Leben, sicher verbracht hinter einem Bolzenschloss. Sie würde Lydia helfen, alles zu tun, wozu sie fähig war. Sie würde Lydia für den Rest ihres Lebens führen und sie beschützen, so wie man eine kostbare Rose hegte: ihr wachsen helfen, sie mit Stücken stützen, jeden Stängel perfekt zurechtbiegen.

Celeste Ng legt mit großer Einfühlsamkeit die Verletzungen der Familie bloß, die bereits lange vor dem Tod ihrer Tochter oder der Geburt ihres ersten Kindes Nathan ihren Anfang genommen haben. Sie haben mit James‘ Ausgrenzung begonnen und seinem unbedingten Willen zur Überanpassung. Mit Marilyns Kampf gegen Rollenklischees und ihrem erzwungenen Kurswechsel, der schließlich in Verbissenheit mündet. Dieses filigrane Mosaik psychologischer Hintergründe und Zusammenhänge ist die größte Stärke des Romans. Ng dringt tief in ihre Figuren ein und das muss sie auch. Leitmotiv der Familie ist das Schweigen. Das Schweigen über die Vergangenheit, die Gegenwart, über Gedanken und Gefühle, über Ängste, sogar über Situationen, die etwas zur Aufklärung von Lydias Tod beitragen könnten. Jedes Mitglied der Familie Lee ist eine in sich geschlossene Zelle, vereinzelt und getrieben von Befürchtungen darüber, was geschehen könnte, wenn sie offen sprechen. Das macht den Roman so beklemmend und schmerzlich. So eindringlich und vielschichtig wie es erzählt ist, gehört Ngs Debüt zu den lesenswerteren. Verschwiegenes, Verstecktes, Verdrängtes hat immer schon eine gute Grundlage für tragische Familiengeschichten abgegeben.

Eine weitere Besprechung gibt’s im Bücherwurmloch.

"buchhandel.de/Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte
Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit
dtv Verlag,
288 Seiten
19,90 €

Bestellen bei:
Buchhandel.de

6 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Celeste Ng – Was ich euch nicht erzählte – #Bücher

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  3. Vielen Dank für den Hinweis auf dieses Buch. Es ist schon erstaunlich, wie eigentlich für überkommen gehaltene Rollenmodelle in den Familien sehr schnell wieder Einzug halten, sobald Kinder da sind. Und jede/r hat seine eigenen Strategien, damit umzugehen, wobei finanzielle Zwänge leider viel zu oft eine grosse Rolle spielen. Dann ist die „Ballettmutter“ keine selbstgewählte Rolle, sondern Schicksal.
    Viele Grüsse, Gregor

    • literaturen sagt

      Hallo Gregor,

      ich glaube nicht, dass „Ballettmutter“ zu sein jemals Schicksal im Sinne eines unabwendbaren Laufs der Dinge ist. Jeder, der sein eigenes Handeln reflektieren kann, wird einsehen, dass es nicht richtig sein kann, Kindern die eigenen unverwirklichten Träume aufzudrängen – selbst dann, wenn es zu den Kindern gar nicht passt. Dass man manchmal Träume aufgeben muss aufgrund der Gegebenheiten: keine Frage. „Ballettmutter“ werden muss aber niemand.

      Herzlich,
      Sophie

  4. Pingback: [Die Sonntagsleserin] Mai 2016 | Phantásienreisen

  5. „Träume aufzudrängen – selbst dann, wenn es zu den Kindern gar nicht passt“-auch wenn es passt ein, ein ungutes Unterfangen, in das man ungeheuer schnell reingeraten kann. Eine sehr neugierig machende, vielschichtige rezension , die mich noch heute zum nächsten Buchladen treiben wird.

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